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Statt Arztrechnung gibt's eine Bewährungsstrafe

Verantwortlicher für Austritt von CO2 bei Trockeneis-Produktion in Schönaich will nicht für Verletzungen einstehen

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    Der Angeklagte akzeptiert das Gerichtsurteil nicht Foto: red

Artikel vom 12. September 2017 - 14:00

Von Otto Kühnle

BÖBLINGEN. Seinem Ärger ließ Richter Horst Vieweg bei der Urteilsverkündung freien Lauf: "völlige Uneinsichtigkeit" und eine "unverschämte Verdrehung der Tatsachen" hätten ihm "schier die Zehennägel hochgebogen". Scheinbar teilnahmslos, mitunter mit einem angedeuteten Grinsen im Gesicht und weit nach hinten gelehnt, nahm der Angeklagte das Urteil entgegen. Und sein Anwalt legte sofort Widerspruch ein. Gegen drei Monate auf Bewährung, Verfahrenskosten, 1000 Euro an die Staatskasse und 550 Euro an einen Geschädigten. Dabei hätte sich der Mann auf der Anklagebank all dies ersparen können, wenn er einem Opfer jenen Teil der Arztrechnung bezahlt hätte, die der als Privatpatient nicht aus eigener Tasche berappen wollte.

Für Richter Vieweg stand es am Ende von drei Verhandlungstagen fest, dass die Trockeneis-Produktion im Schönaicher Industriegebiet das CO2 abgesondert hatte, das sich im Keller des Gebäudes sammelte und insgesamt vier Männern Probleme bereitet hatte. Solche Probleme, dass zwei ins Krankenhaus kamen und beobachtet wurden. Als zwei Männer in dem Keller Regale ausräumen wollten, bemerkten sie einen Reiz im Mund und im Rachen und fühlten Schwindel. Der Hausbesitzer und ein Begleiter wollten sich selbst ein Bild machen und wurden ebenfalls von dem Gas in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem der Schönaicher Feuerwehrkommandant die Lage geprüft hatte, forderte er den Messzug aus Sindelfingen an. Und der erste Test unter Atemschutz ergab einen Wert "über 5000 ppm, das Röhrchen verfärbte sich blitzschnell", sagte der Feuerwehrmann aus, der die Messung vornahm.

Über Stunden wurde der Keller daraufhin belüftet, bis der Wert sich wieder normalisiert hatte. Für die Polizei wie für die Feuerwehr war klar, dass der Auslöser der Reizungen CO2 war. Denn über dem Keller befand sich die Produktionsstätte von Trockeneis. Und das dabei anfallende CO2 wurde nicht ins Freie geleitet, weil der Angeklagte als Verantwortlicher den Schlauch an der Maschine abgeklemmt hatte. Offene Tore sollten im Sommer für Durchlüftung sorgen und damit eine Gefährdung ausschließen. Das CO2 aber breitete sich nach Ansicht des Richters am Boden aus und gelangte durch einen Lichtschacht, der mit Brettern abgedeckt war, ins Untergeschoss.

Doch der Verteidiger des Angeklagten versuchte diesen Kausalzusammenhang zu erschüttern. Weder sei erhoben worden, wie hoch die Konzentration CO2 tatsächlich war. Schließlich, führte er aus, liege der Arbeitsplatzgrenzwert bei 5000 ppm, und die könne man lebenslang ohne Probleme einatmen. Auch der bei unter 20 Prozent gemessene Wert des Sauerstoffgehalts der Luft lasse nicht auf eine Gefährdung schließen. Überdies sei man auch von Seiten der Polizei anderen möglichen Quellen gar nicht nachgegangen. Zum Beispiel chinesischen E-Bikes, deren Akkus verantwortlich gemacht wurden.

Doch all diese Nebelkerzen wischte Richter Vieweg vom Tisch. Die "Kausalität ist unproblematisch", beschied er knapp in seiner Urteilsbegründung. Er nahm stattdessen die Latte an Vorstrafen in den Blick, die der Angeklagte aufzuweisen hatte. Mehrfach wegen Betrug und Insolvenzverschleppung. "Unternehmenskriminalität, Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf andere", erkannte Vieweg. Dass der Angeklagte in einem anderen Verfahren acht Monate auf Bewährung erhalten habe, da stimme er dem Verteidiger zu, sei "grottenfalsch". Aber nur, weil es Bewährung gegeben habe. Dieses Urteil sei noch nicht rechtskräftig, betonte Vieweg und versah seine Freiheitsstrafe von drei Monaten mit "Bewährung mit Bedenken". Denn für ihn stand fest: "Hätten sich die Personen im Keller hingelegt oder wären ohnmächtig geworden, wären sie tot."

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