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Aus einer Achillesferse bares Kapital geschlagen

19-Jähriger hat seine Ex-Freundin erpresst: Hat er sie auch vergewaltigt? - Richter verhängt zehn Monate Jugendhaft auf Bewährung

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    Ohne Handschellen lebt es sich leichter Feature-Foto: dpa

VON SIEGFRIED DANNECKER

Artikel vom 13. Januar 2016 - 04:33

BÖBLINGEN/SINDELFINGEN. Für vier Fälle von Erpressung und eine Körperverletzung ist Achmed S. (Name von der Redaktion geändert) gestern vom Schöffengericht in Böblingen zu einer Jugendhaft von zehn Monaten verurteilt worden. Auf Bewährung. Hat er auch noch eine Vergewaltigung begangen, was ein abgetrenntes Verfahren aufklären soll, dürfte der 19-Jährige dorthin zurückwandern, von wo er kam: in Haft nach Stammheim.

Vier Stunden beschäftigte sich das Amtsgericht gestern mit dem Fall eines Heranwachsenden, den man wahlweise als Tunichtgut bezeichnen könnte, als "schlimmen Finger" - oder eben auch als schon in jungen Jahren relativ abgebrühten Straftäter im Wiederholungsfall.

Fakt jedenfalls ist, dass der junge Kerl türkischer Herkunft gemessen am Alter eine ganze Menge auf dem Kerbholz hat. Fünf Eintragungen ins Vorstrafenregister listete Richter Günter Scheible schon aus vorvergangenen Fällen auf. Eine Bedrohung, zwei Fälle von Körperverletzung, ein Fall des Fahrens ohne Führerschein - und: Diebstähle. So hatte Achmed S. einmal die Spendenkasse der Ulu-Moschee am Hirnach in Sindelfingen abgerissen, aufgebrochen und sich mit einem Tatbeteiligten die 90 Euro Beute "fair" geteilt.

Was gestern an der Parkstraße verhandelt worden ist, hat freilich ein anderes Kaliber. Am 24. Juli 2015, einem Freitag, soll S. seine ehemalige Freundin auf der Toilette des Gemeindehauses der griechischen Gemeinde vergewaltigt haben. "Er wollte dort unter Androhung von Schlägen den Geschlechtsverkehr vollziehen", klagte der Staatsanwalt den Burschen an, der demnächst 20 wird. Dass er mit der 16-Jährigen Sex hatte, bestritt Achmed S. nicht. Aber das sei einvernehmlich geschehen, sagte er dem Gericht. "Ich schlage keine Frauen", versicherte S.

Glaubhaft oder nicht? Die beiden Freundinnen der Geschädigten, alle Teile einer "Mädels-Clique", die sich aus Schulzeiten kennt, sagen was ganz anderes. "Das geschah nicht freiwillig. Ihre Beine zitterten. Das kann man nicht spielen", sagte die eine Zeugin aus. Sie hatte das Opfer kurze Zeit später am Sindelfinger Busbahnhof getroffen. Auch die zweite Zeugin schilderte: "Unsere Freundin war verkrampft, zerstört, zitterte, weinte. Sie war seelisch kaputt, so unser Eindruck. Das schauspielert man nicht." Warum sie das mit sich habe geschehen lassen, habe sie sie gefragt. Angst, Einschüchterung, lautete die Vermutung. Die beiden Mädchen forderten das Opfer auf, sofort zur Polizei zu gehen und die Sache anzuzeigen, was diese schließlich auch tat.

Dumm, dass zwischen einer ersten Vernehmung bei der Kripo und einer zweiten danach gewisse Diskrepanzen bei den Aussagen lagen. Auch wenn die erfahrene Kripobeamtin im Zeugenstand fand, dass die Anzeigeerstatterin glaubhaft und authentisch wirkte, bohrte der Verteidiger des Angeklagten hier massiv nach: "Hier gibt es signifikante Unterschiede in den Aussagen." Beispielsweise bei Formulierungen wie "Halt die Fresse. Du kommst jetzt mit." Das sei kein ,Am-Arm-Packen', wie noch in der ersten Vernehmung zu Protokoll gegeben worden war. Auch dass die 15-Jährige gegenüber ihren Freundinnen öfter mal geflunkert oder gelogen hatte - etwa mit einer verstorbenen Oma, die aber lebte -, diente nicht eben der Wahrheitsfindung und kam dem Verteidiger in seiner Strategie zupass.

Aufklären können hätte das nur die Ex von S. Doch die war kurz nach der Tat mit Mutter und Stiefvater nach Rumänien verzogen. Ob sie die Ladung des Gerichts erreicht hat? Das war gestern nicht zu klären. Und so fürchtete Richter Scheible schon, die Zeugin sei aus dem osteuropäischen Raum per Einschreiben mit Rücksendeschein womöglich nicht beizutreiben. Vielleicht doch. Der Staatsanwalt haute die Freundinnen an, ob sie nicht per What'sApp Kontakt zu ihr aufnehmen könnten. Die Antwort kam noch während des Verfahrens. Sie wolle für ihre Aussage nach Deutschland kommen, tippte die 16-Jährige zurück. "Danke", kommentierte der Richter. "Gerne. Kein Ding", kam von dem Duo zurück.

Apropos What'sApp. Genau über diese Schiene hatte Achmed S. seine Verflossene viermal erpresst. Spielsüchtig, ohne Arbeit und stets in Geldnot, nutzte er die Ex, die ihn laut der Kripofrau "wohl noch liebte", als liquide Quelle gegen seine Geldnot und Schulden. Dass er der jungen Dame drohte, andernfalls ihren Eltern ein an einem öffentlichen Ort gedrehtes Sex-Video zu schicken, war der Erpressten insgesamt mehr als 500 Euro wert. Als sie Achmed S. am 24. Juli vorm Vidirent in Sindelfingen traf, war sie selbst nicht mehr flüssig. Aus Angst, Achmed S. könne ihren Eltern, die keinen Freund duldeten, das Video in den Briefkasten werfen (Scheible: "Das war ihre Achillesferse"), drückte sie nochmal 15 Euro ab. Bei dieser (erneuten) Bargeldübergabe waren die zwei Freundinnen der Geschädigten dabei - zur Sicherheit. Zugleich indes auf Sicherheitsabstand. Sie verloren die beiden irgendwann aus den Augen. Kurz vor der Tat in der Toilette.

Faustschlag-Opfer bekommt 250 Euro auf die Hand

Die Erpressungen räumte Achmed S. ein. Auch eine Körperverletzung. Einem jungen Mann, dem er am 6. Juli 2015 in Stuttgart die Faust ins Gesicht donnerte, sodass das Opfer erstmal bewusstlos liegenblieb, gab er noch im Gerichtssaal die Hand. Und 250 Euro in bar an Wiedergutmachung in dieselbe. Geld, das ihm die Eltern dafür liehen. Und das er zurückzahlen will, wenn er denn (endlich) Fuß fasst im Leben.

Ob ihm das gelingt, kann man nur hoffen. Wissen tut es niemand. Die fünf Monate U-Haft sollen erzieherisch durchaus sehr lehrreich gewesen sein, meinte die Jugendgerichtshelferin. Bei Richter Günter Scheible drangen verbale und physiognomische Zweifel durch. Er brummte dem geistig etwas abwesend wirkenden Delinquenten zusätzlich zu seinen 50 säumigen weitere 50 gemeinnützige Arbeitsstunden und die Kos-ten für das Gerichtsverfahren auf. Der Mann in der schwarzen Robe sieht Achmed S. eh zweimal wieder. Neben dem Nötigungs- respektive Vergewaltigungsvorwurf stehen noch weitere Altdelikte zur Klärung an. Familienangehörige von Achmed S. waren vorm Gerichtsgebäude hingegen erstmal nur froh. Tränen, Umarmungen. Die Handschließen waren weg, die U-Haft (vorerst) beendet.

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