Im Dörnach liegt Konfliktpotenzial

Felder-Rundfahrt des Landwirtschaftlichen Ortsverein Holzgerlingen - Kaum Interesse der Bürgerschaft trotz brisanter Themen

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    Helmut Kayser, Pflanzenproduktionsberater des Landwirtschaftsamts Böblingen (li.) kritisierte "klassische Gesetzesvorgaben, die an der Praxis vorbei gehen" Foto: Jan Henne

Jung und Alt haben den auf Strohballen Platz genommen, beide Anhänger sind voll besetzt, der Trecker nimmt Fahrt auf. Der Landwirtschaftliche Ortsverein Holzgerlingen hat Landwirte und Bürger zur Felder-Rundfahrt eingeladen, um über die neuesten Entwicklungen auf den Äckern zu informieren.

Artikel vom 16. Juli 2017 - 12:54

Von Jan Henne

HOLZGERLINGEN. Mit dabei ist auch Holzgerlingens Kämmerer Ioannis Delakos. Der freut sich, endlich einmal Zeit für die Rundfahrt gefunden zu haben und lobt sie mit Blick in die Runde als "gute Möglichkeit, Menschen an die Landwirtschaft heranzuführen. Aber heute sind auch wieder nur Landwirte hier". Ein Umstand, der durchaus von Bedeutung ist.

Die Fahrt geht vom Lindenbrunnen über die B 464 auf die Felder Richtung der ökologischen Vorrangfläche Luzerne, Palmer und unteres Erlach. Hier berichtet Helmut Kayser, Pflanzenproduktionsberater des Landwirtschaftsamts Böblingen, von aktuellen Entwicklungen und Ertragserwartungen bei Winterweizen und Sommergerste sowie Raps und Mais, die Vorteile der Trockensaat und über neue Getreidesorten und Herbizide. Besonders beschäftigen den 65-Jährigen die Änderungen in den Dünge- und Unkrautmittelverordnungen: "Da kommen klassische Gesetzesvorgaben, die an der Praxis vorbei gehen."

So etwa die neue Sperrfristausdehnung zur Düngerausbringung. Statt gut 16 Wochen im Jahr bleiben den Landwirten nur noch acht Wochen zur Gülleausbringung und das nur noch bei bestimmten Pflanzen, nicht auf Stoppelfeld und nicht auf Vorrat. "Am Ende fahren dann alle gleichzeitig aus und der ganze Ort stinkt nach Scheisse!", ärgert sich Helmut Kayser, der dann die Beschwerden im Landratsamt zu hören bekommt. Aber nicht nur der Gestank, sondern auch der Einsatz größerer Maschinen stößt auf Unverständnis. Dabei ist klar, wer nur die halbe Zeit hat um zu Düngen, der muss dann die doppelte Menge wie früher zur selben Zeit ausbringen.

Im Neubaugebiet ist Ärger vorprogrammiert

"Durch das zu schnelle Wachstum des Orts ging die Anbindung an die Landwirtschaft verloren", meint Ulrich Binder, selbst Nebenserwerbslandwirt mit Acker beim Wasserturm und am Schaichhof. "Dabei ist ein Stück weit ein gesellschaftliches Problem. Durch das Höfesterben haben immer weniger Menschen Landwirte in der Verwandtschaft. Früher hatten wir im Ort 15 Betriebe mit Milchviehbetrieb. Heute ist es nur noch einer", so der 46-Jährige weiter.

Kommen die Beschwerden derzeit großteils von Bewohnern von Hülben I und II, die von der Stadt aufs Land gezogen sind, steht bei Dörnach neuer Ärger ins Haus.

Die Erschließungsstraßen gehen von einer landwirtschaftlich genutzten Straße ab. Da sind Konflikte mit Baustellen- und später Anwohnerverkehr ansehbar. Auch auf der anderen Seite des Gebiets droht Ungemach. "Die Straße zum Wasserturm muss verbreitert werden, nur Ausweichflächen wie geplant, reichen nicht. Es gibt ohnehin schon Probleme mit der Freizeitnutzung. Radfahrer und Kinderwagennutzer sind jetzt schon nicht begeistert, wenn es eng und im Herbst dreckig wird. Dazu kommt der interkommunale Autoverkehr vom Maurener Tal", fordert Martin Schmid, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins.

Überhaupt - und da sind sich alle Landwirte auf den Hängern einig - nehmen die Neubaugebiete zu viel landwirtschaftliche Fläche in Anspruch. "Klar lässt sich hier leichter bauen als im Flecken. Zudem ist der Wertzuwachs größer. Da sieht man ja an Hülben. An den 14 Millionen hat der Kämmerer natürlich mehr Spaß", so Schmid weiter. Das kann wiederum Ioannis Delakos nicht unkommentiert lassen: "Die Landwirte profitieren weit mehr vom Wertzuwachs als die Stadt. Neubaugebiete ohne Verlust von Ackerfläche sind nur schwer umzusetzen, zumal wir nur eine kleine Gemarkungsfläche haben."

Das Thema wird auch bei abschließendem Kaffee und Hefezopf bei der Mittleren Mühle weiter diskutiert. "Wir haben 150 freie Bauplätze in Holzgerlingen an die wir einfach nicht ran kommen", legt der Kämmerer nach, "weil die Besitzer nicht verkaufen und auch nicht bauen wollen. Überaus freigiebig sind wir mit den Baugebieten auch nicht. Wir sind von der Bebauungsdichte über dem Durchschnitt und dichter als in Hülben können wir nicht bauen. Die Nachfrage ist nach wie vor riesig."

Strukturwandel und die Spannungen zwischen den Raumnöten Holzgerlingens und den Landwirten, die ihre Felder behalten wollen, wird also die Menschen im Ort weiter umtreiben. Ulrich Binder blickt derweil resigniert in die Zukunft: "Keiner hätte gedacht, dass so schnell wieder gebaut werden wird. Die Stadt kommt dem Bedarf nach Bauplätzen nach und furchtbare Ackerflächen gehen verloren. Wie soll das in den nächsten 20 Jahren weitergehen?"

Die Mittlere Mühle von Wilhelm Schmid ist der letzte Milchviehbetrieb im Ort und wird bald einen Regiomaten beherbergen. Vielleicht ein kleiner Schritt, die Menschen wieder an die Landwirtschaft und ihre Produkte heranzuführen.

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