Böblingen: Haftstrafe nach Überfall mit zwei Euro Beute

35-Jähriger bedroht Kassiererin, schlägt Rentner und Polizisten nieder - Nach drei Jahren nun Urteil vor dem Amtsgericht Böblingen

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    Symbolbild: Bischof/Archiv

Artikel vom 15. Februar 2018 - 14:00

Von Florian Ladenburger

BÖBLINGEN. "Die deutsche Rechtsprechung gibt keine Perspektiven, sie nimmt sie." Das war der Kommentar des Angeklagten Jörg B. (Name geändert), nachdem ihm Richter Werner Kömpf am Mittwochmorgen vor dem Amtsgericht Böblingen sein Urteil verlas. Ein Jahr und neun Monate bekam er für einen Überfall in den Mercaden und zwei Folgetaten. Zwei Jahre und acht Monate aus früheren Verfahren stehen auch noch aus.

Es ist der 20. April 2015. Jörg B. betritt den Edeka-Markt in den Mercaden. Im Gegensatz zu anderen Kunden schreit Jörg B. allerdings: "Satan, Satan! Ich werde kommen!" So berichtete es die Kassiererin dem Gericht. Jörg B. streift durch den Laden und entscheidet sich für ein Wodka-Mischgetränk. Das bezahlt er ordnungsgemäß an der Kasse, Rechnungsbetrag etwa zwei Euro. Doch anstatt den Laden zu verlassen und das Getränk zu konsumieren, zerschlägt der 35-Jährige die Flasche an einer Säule. Nun mit dem abgebrochenen Flaschenhals bewaffnet geht er zurück zur Verkäuferin an der Kasse, bedroht sie damit und sagt: "Gib mir noch eine Flasche, ich hab schließlich dafür bezahlt!" Die Bedrohte geht zum Kühlschrank und holt eine neue Flasche. Diese gibt sie dem Täter aber erst, nachdem er seine Waffe abgelegt hatte.

Wenige Minuten später ist B. auf dem Elbenplatz unterwegs. Aus unerklärlichen Gründen schlägt er dort einen 79-jährigen Rentner von hinten nieder und entfernt sich, nach Aussagen der Zeugen, gemütlich vom Tatort. Die Zeugen rufen die Polizei und behalten B. im Auge, so dass er kurze Zeit später verhaftet werden kann. Auf der Fahrt ins Revier habe B. viel Unsinn geredet, darunter: "Ich bin der größte Richter Deutschland", berichtete der zuständige Polizeihauptkommissar. Als die Beamten den Häftling in der Zelle untersuchen und den Gürtel abnehmen wollen, versetzt B. einem Polizisten einen heftigen Kopfstoß - eine Trotzhandlung, wie es der verletzte Polizist vor Gericht beschrieb. In einen Alkoholtest willigt B. nicht ein, dafür uriniert er in die Zelle. Soweit der Tathergang 2015 in Böblingen.

Langes Vorstrafenregister

Jörg B. ist aber kein unbeschriebenes Blatt. Er hat ein längeres Vorstrafenregister, das mehrere Vergehen in Sachen Diebstahl, unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln und Körperverletzung enthält. Einer Frau hatte er ins Gesicht geschlagen und brennbarer Flüssigkeit Brandwunden zugefügt - mit 2,81 Promille im Blut. 2014 wurde er dafür in Nürnberg zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Diese Strafe wurde bis zum Vorfall in Böblingen aber nicht vollstreckt. Auch nach dem Vorfall muss B. die Haft nicht antreten. Stattdessen wird er in das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Calw versetzt. Wer genau dies veranlasst hatte, konnte am Mittwoch vor Gericht nicht ermittelt werden. B. war allerdings schon früher einmal in psychiatrischer Behandlung, die in Zusammenhang mit Drogenkonsum stand, bekam Medikamente verschrieben, die ihn beruhigen sollten.

Die Versetzung nach Calw konnte Richter Kömpf nicht ganz nachvollziehen, sei das ZfP doch eine "Einrichtung, wo man jederzeit rauskommt." Tatsächlich kommt B. unbehelligt raus und setzt sich ins Ausland ab, reist durch Süd- und Mitteleuropa. Nach mehreren Monaten wird er in den Niederlanden gefasst und wieder nach Deutschland überführt, wo die Haftstrafe endlich vollzogen wird. Diese sitzt er noch immer ab, weswegen er am Mittwoch auch mit Handschellen in den Sitzungsraum geführt wurde.

Die Zeugen beschrieben sein Verhalten als fahrig, sein Gang sei torkelnd gewesen und "er war auch gar nicht anwesend". Außerdem schien er alkoholisiert. Auch im Gerichtssaal war sein Verhalten ungewöhnlich. Auf die Frage, ob er Kinder habe, antwortete er nach kurzer Bedenkzeit: "Das weiß ich nicht so genau." Ebenso gab er nur unklare Angaben, was den Cannabis-Konsum zur Tatzeit angeht: "Ich kann nicht ausschließen, dass ich vielleicht was geraucht habe."

Die Staatsanwältin forderte eine Strafe von zwei Jahren und drei Monaten. Schwere räuberische Erpressung, vorsätzliche Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte seien die Tatbestände. Zugute hielt sie dem Angeklagten, dass es sich in Anbetracht der geringen Beute um einen minderschweren Fall handele.

Verminderte Schuldfähigkeit

Ein Sachverständiger bescheinigte dem Angeklagten zwar eine verminderte Schuldfähigkeit, weil er nach Aussage der Zeugen alkoholisiert war und, nach den unklaren Aussagen des Angeklagten selbst, ein Cannabis-Konsum im betreffenden Zeitraum nicht auszuschließen sei.

Die Staatsanwältin ließ dies allerdings nicht als mildernden Umstand gelten, denn der Angeklagte hatte schon mehrere Straftaten nach ähnlichem Muster begangen und war sich somit voll bewusst, was er da tat.

Verteidiger Klaus Werner gab zu bedenken, dass es sich um keine vollendete Erpressung handele, da B. den scharfen Flaschenhals abgelegt hatte, bevor er die neue Flasche erhielt. Dass der Vollstreckungshaftbefehl des vorhergehenden Verfahrens nicht vollstreckt wurde legte er als rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung aus und plädierte auf eine zweijährige Haftstrafe, von der ein Jahr durch die Verzögerung bereits abgesessen sei.

Richter Kömpf sah das anders. Die Erpressung sei sehr wohl vollendet und die Gefährlichkeit der Situation sei gegeben gewesen. B. habe Glück, dass es zu keinen schweren Verletzungen gekommen sei, im Falle des Rentners hätte dies auch ein Tötungsdelikt werden können.

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