Aus Verzweiflung die eigene Wohnung angezündet

Schöffengericht verurteilt 45-jährigen Magstadter wegen schwerer Brandstiftung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung

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    Feuerwehreinsatz am 12. Juni 2017 in der Schillerstraße in Magstadt: Der Verursacher meldete den Brand selbst der Polizei, unmittelbar nachdem er ihn gelegt hatte, und teilte auch gleich mit, wo sie ihn festnehmen kann Foto: SDMG (Archiv)

Weil ihm sein Leben in jeder Hinsicht aus den Händen glitt, legte ein 45-jähriger Mann in seiner eigenen Wohnung Feuer. Das Schöffengericht am Amtsgericht Böblingen verurteilte ihn am Mittwoch wegen schwerer Brandstiftung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren, die es gerade noch zur Bewährung aussetzte.

Artikel vom 20. September 2017 - 15:36

Von Werner Held

BÖBLINGEN/MAGSTADT. Ivo P. (Namen geändert) kam 1998 im Alter von 26 Jahren nach Deutschland. Vier Jahre lang arbeitete er als Koch. Dann machte er sich als Innenausbauer selbstständig. Er heiratete 2001 und ist Vater von drei Kindern, die heute 14, neun und sechs Jahre alt sind. Vor zehn Jahren zog die Familie in eine Mietwohnung in der Schillerstraße in Magstadt ein. Doch in den letzten Jahren geriet das Leben von Ivo P. zunehmend aus den Fugen. Weil er spielsüchtig war, häufte er einen Schuldenberg an; die Verbindlichkeiten bewegen sich heute zwischen 200 000 und 400 000 Euro. Dann ging seine Firma in die Insolvenz. Weil er mit der Miete im Rückstand war, kündigte ihm sein Vermieter; eine Räumungsklage war in Vorbereitung. Hinzu kam, dass es in der Ehe kriselte. P. verdächtigte seine Frau Ivanka, dass sie eine Affäre mit einem anderen Mann habe. Als er auf ihrem Handy eine SMS von einem gewissen Lars entdeckte, brannten bei ihm die Sicherungen durch.

Am 11. Juni 2017 droht er seiner Frau, den vermeintlichen Lover zu zerstückeln, wenn das Techtelmechtel nicht aufhöre. Die Gattin packt ihren Kram und die Kinder und geht zu ihren Eltern, die ebenfalls in Magstadt wohnen. Tags darauf dreht Ivo P. vollends durch. Er kauft einen Kanister und füllt ihn an einer Tankstelle mit Benzin. Dann schüttet er den Brandbeschleuniger in fast allen Räumen der Wohnung aus und zündet ihn mit Papierfetzen und Feuerzeug an. In einer Erklärung, die P.'s Verteidiger vor Gericht verliest, heißt es, dass der Brandstifter zuvor kontrolliert habe, dass sich sowohl in seiner Wohnung als auch im Versicherungsbüro im Erdgeschoss darunter keine Menschen aufhalten.

Es ist 12.36 Uhr, als die Brandmeldung über Notruf eingeht. Ivo P. hat den Alarm selbst ausgelöst und der Polizei auch gleich mitgeteilt, dass sie ihn bei seinen Schwiegereltern findet. Als Beamte im Polizeiposten Maichingen zum Brandort in Magstadt aufbrechen, sitzt auf dieser Polizeidienststelle gerade Ivanka P., um eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt gegen ihren Ehemann aufzugeben. Offenbar geht es um die Drohung, die dieser am Tag zuvor gegen sie ausgesprochen hat. Die Feuerwehr ist schnell in der Schillerstraße und löscht den Brand. Doch das Gebäude wird erheblich beschädigt. Auf 100 000 Euro sind die Renovierungskosten veranschlagt; der Eigentümer schätzt, dass er (beziehungsweise seine Versicherung) noch 50 000 Euro drauflegen muss. Das Versicherungsbüro im Erdgeschoss bleibt bis auf einen kleinen Löschwasserschaden unbeschädigt.

Ivo P. lässt sich in der Wohnung seiner Schwiegereltern anstandslos festnehmen. Bei der Polizei legt er ein umfassendes Geständnis ab, was die Brandstiftung betrifft. Doch den Vorwurf, er habe seiner Frau in irgendeiner Weise zugesetzt, will er nicht auf sich sitzen lassen. "Ich habe meine Frau niemals bedroht", betont er mehrfach vor Gericht. Wie Ivanka P. das sieht, kann das Schöffengericht nicht ergründen. Die Ehefrau ist zwar als Zeugin geladen, macht aber von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Das Gericht lässt diesen Anklagepunkt schließlich fallen.

Aber die Brandstiftung wiegt schwer. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Angeklagte Reue zeigt und sich für seine Verzweiflungstat entschuldigt. Die Staatsanwältin fordert drei Jahre Haft. Ein Strafe in dieser Höhe kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Ivo P.'s Verteidiger setzt

Gericht belässt es gerade noch bei einer Bewährungsstrafe

alles daran, dass das Strafmaß bei maximal zwei Jahren Haft bleibt und damit noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Das Schöffengericht verhängt schließlich eine zweijährige Bewährungsstrafe. Zudem muss Ivo P. 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leis-ten.

"Die Verzweiflung des Angeklagten hat sich gegen seine eigene Familie seine eigene Wohnung gewendet", sagt Richter Werner Kömpf in der Urteilsbegründung. Das Gericht rechnet Ivo P. an, dass er sich vor der Brandstiftung vergewissert hat, dass keine Menschen mehr im Haus waren, wenngleich er das für das Versicherungsbüro habe nicht vollkommen ausschließen können. Und es setzt darauf, dass ihn die U-Haft geläutert hat. Die Richter sind bereit P. eine neue Chance zu geben, wenn er sein Leben schnellstmöglich in Ordnung bringt. Die Aussichten sind nicht schlecht: Ivo P. hat eine neue Arbeitsstelle in Aussicht. Seine Familie unterstützt ihn, seit er arbeitslos ist. Und über seinen Anwalt hat er ein Verfahren auf Privatinsolvenz beantragt, damit er in sechs Jahren den Rest seiner Schulden loswerden kann. Doch Richter Kömpf redet Ivo P. ins Gewissen: "Die Entscheidung dafür, dass sie heute hier rauskönnen und nicht mehr in Haft müssen, war extrem knapp."

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