Kirche feiert Reformationsfest in Böblingen - Fotogalerie

In Böblingen wurde am Wochenende 500 Jahre Reformation gefeiert - Viel Programm in und neben der alten TÜV-Halle

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    Floß auf dem Oberen See: In Böblingen wurde 500 Jahre Reformation gefeiert / Foto: Bischof

Ein Kindermusical, ein fröhliches Fest des Glaubens mit tollen Konzerten und ein Gottesdienst samt Sternmarsch aller städtischer Kirchengemeinden: Böblingen hat am Wochenende mit zahlreichen Höhepunkten 500 Jahre Reformation gefeiert.

Artikel vom 16. Juli 2017 - 18:24

Von Jutta Rebamnn

BÖBLINGEN. Die Alte TÜV-Halle am Oberen See glich einem Bienenstock. Bei angenehm lauem Sommerwetter hat eine versammelte Schar der Sängerinnen und Sänger Aufstellung genommen. Mit dabei waren die Chöre der Martin-Luther-Kirche, der Vater-Unser-Gemeinde, der Paul-Gerhardt-Kirche, die Kantorei und der Chor der Siebenbürger Sachsen. Eckhart Böhm, Kantor der Stadtkirche, hob den Taktstock und schon waren am Samstag alle eingeladen zum "Fest des Glaubens".

Bisher hatte jeder Chor die drei Lieder des kleinen Konzertes für sich geprobt - nun sahen sie sich zum ersten Mal und waren gemeinsam zu hören. Durch das umfangreiche Programm des Nachmittags führten Pfarrerin Eva Schury von der Martin-Luther-Kirche und Pfarrer Moritz Twele von der Christusgemeinde auf der Diezenhalde. Damit hatten beide alle Hände voll zu tun.

Denn auf den Schauplätzen in der Alten TÜV-Halle und den Wiesen rund um das Bootshaus war so viel geboten, dass es schon einen guten Plan und Durchhaltevermögen brauchte, um überall etwas mitzubekommen. Zunächst hatte auf der Bühne in der TÜV-Halle das Landespolizeiorchester (LPO) Platz genommen. Mit Luthers Trutzlied "Ein feste Burg ist unser Gott" lockten die Musiker ihr Publikum zu einem breit angelegten, feinen Unterhaltungskonzert, das mit der Uraufführung von Tobias Beckers "Soundtrack for the Fantasy" auch einen gut gewählten lokalpatriotischen Akzent bot. Aber auch sonst zeigte sich der "Gute Ton der Polizei" unter der Leitung seines Chefdirigenten Prof. Stefan R. Halder von seiner allerbesten Seite. Einen besonderen Wunsch erfüllte sich der als Moderator agierende Flötist Heribert Herbrich mit dem "Einsamen Hirten" von James Last. Herbrich, der seit 27 Jahren dem Orchester angehört, geht in den Ruhestand. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt er "sein" Ensemble. Dass er dann noch einmal ein Solo spielen durfte im Programm und danach noch einmal als allerletzte Zugabe bei einem Konzert mit dem LPO, wurde ihm mit reichlich Beifall vergolten.

Draußen entpuppte sich der Nachwuchs bemalt beim Kinderschminken als Spiderman oder als Prinzessin. Derweil hingen Sportlichere am Haken des Steigerturms, abgestürzt beim Kistenstapeln, wild mit den Beinen rudernd. Skeptisch betrachtet von einer kleinen Zuschauerin: "Das macht Aua". Manch einer stand fasziniert vor den Kinderbildern zum Thema Freiheit, die getrockneten Mangos vom Eine-Welt-Laden in der Hand. Den Nachwuchs zog es zur altbewährten Rollenrutsche oder in die Hüpfburg, während das Jugend-Rot-Kreuz seine Aufgaben präsentierte. Vom Werden und Wesen der reformatorischen Bewegung erzählte eine mobile Ausstellung. Aber da war es schon wieder Zeit, Andreas Mertens, Pfarrer an der Paul-Gerhardt-Kirche, und seinen biblischen Balladen zu lauschen.

"Ich wollte doch mitmachen beim Menschenkickerturnier" nörgelte ein Kind und wurde belehrt, dass "eben manchmal nicht immer alles geht". Wie wahr. Da war es dann für Erwachsene gut, zu einer Flasche Luther-Bier zu greifen. Am besten dann, als der neue KRZ-Geschäftsführer Jan-Philipp Schlecht die Gewinner des Etiketten-Wettbewerbs auszeichnete. Gleich im Anschlusss galt es der Big-Band des Albert-Einstein-Gymnasiums zu lauschen.

Beim Gospelkonzert mit Theresa Burnette und ihrer Band am Abend blieb kein Platz frei und auch die Stehplätze waren Mangelware, als die Combo mit fast halbstündiger Verspätung ihr Konzert begann. Dann aber rockte die Künstlerin die Halle, begeisterte ihr Publikum, noch auf der gegenüber liegenden Seeseite war die Musik zu hören. Emotionsgeladen verlässt die Künstlerin nach einem Vierteljahrhundert Deutschland, ihre Wahlheimat, und kehrt in die Vereinigten Staaten zurück. "Wie in einer schwarzen Kirche macht ihr das", lobte Burnette ihr Publikum. Lang anhaltender Beifall und begeisterte Ovationen für eine Künstlerin, die in Böblingen Kultstatus erreicht hat, beendeten das Konzert.

Sternmarsch zum Gottesdienst

Der Sonntag begann mit einem sternförmigen Marsch der einzelnen Kirchengemeinden Richtung Oberer See und TÜV-Halle. Ein bisschen früher als geplant trafen die Gruppen ein. Schnell waren alle Plätze vergeben, wurden Bierbänke gestellt, blieben viele auch im Freien, das Wetter war viel zu schön, um drinnen zu sitzen. Jede Gemeinde hatte etwas mitgebracht, um einen noch leeren Altar zu füllen. Von St. Klemens kam das Tuch mit der Aufschrift "Neues wagen". Die Baptistische Kreuzkirche brachte das Kreuz, die Methodistische Kirche steuerte die Bibel bei. Die Christusgemeinde brachte die Osterkerze, weitere Kerzen kamen von der katholischen St. Maria Gemeinde. Die Stadtkirche sorgte für den Blumenschmuck, die Paul-Gerhardt-Kirche für die Taufschale. Die katholische Vater-unser-Gemeinde hatte eine Nachbildung ihres Schlusssteines im Gepäck. Eine Ikone steuerte die orthodoxe Kirche bei. Die evangelische Martin-Luther-Gemeinde brachte das seit der Jahrtausendwende von Kirche zu Kirche wandernde "Wanderkreuz" mit und die Ministranten von der katholischen Bonifatiuskirche zogen mit ihrer Fahne ein. So entstand das schöne Bild eines prall gefüllten Altars. "Eine Einheit in Christus", freute sich der evangelische Dekan Dr. Bernd Liebendörfer und jubilierte: "Welch ein schönes Geschenk."

Die Predigt zum Festgottesdienst hielt Prälat Dr. Christian Rose, der während der vergangenen Wochen oft als Visitator zu Gast im Kirchenbezirk Böblingen war. Wegen des am Donnerstagabend in der Kongresshalle erlebten Kinder-Musical wünschte er sich das Taizè-Lied "Laudato si". Einem Wunsch, dem die versammelte Gemeinde gerne nachkam, ohne jedoch die Inbrunst der Grundschulkinder auch nur annähernd zu erreichen (siehe Artikel unten). In seiner Predigt ging der Prälat auf den Sternmarsch ein. Jeder brächte etwas mit, das käme ihm vor wie das Himmelreich. An diesem Morgen gebe es keinen Unterschied mehr zwischen den Konfessionen, ganz so wie es auf dem Schlussstein der Vater-unser-Gemeinde steht: "Auf das sie alle eins seien." Der Prälat erinnerte aber auch an die dunklen Seiten Luthers, seinen Judenhass und seine Predigten gegen den Freiheitswillen der Bauern. "Die Liebe hat das scharfe Auge", habe Wichern einmal gesagt. Und so könne man es mit Luther halten. Nach dem Gottesdienst lud die Gesamtkirchengemeinde zur Hocketse.

Hier genoss auch ein rundherum zufriedener Dekan die Zusammenkunft. Er hatte allen Grund all jenen zu danken, die am Erfolg dieses Festes mitgearbeitet hatten. Alles hätte wie am Schnürchen geklappt, alle Veranstaltungen seien außerordentlich gut besucht worden. Sogar am Freitagabend zum Vortrag von Prof. Dr. Volker Leppin mit dem Titel "Und jetzt feiern wir bis 2030? Was bleibt vom großen Jubiläum?" wurden 60 Gäste in der Stadtkirche gezählt.

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