Vor dem Amtsgericht: Fausthieb statt gepflegter Unterhaltung

19-Jähriger kommt glimpflich davon: 600 Euro Geldauflage, Freizeitarrest und sozialen Trainingskurs angeordnet

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    Der 19-jährige Angeklagte hat kräftig zugelangt / Symbolbild: Archiv

Der breitschultrige Kerl auf der Anklagebank knetet beständig die kräftigen Hände. Doch seine Worte sind kaum zu verstehen, mehrmals muss Richter Werner Grolig nachhaken. Schließlich versucht er zu verstehen, warum der 19-jährige Tibor A. (alle Namen geändert) am 21. Oktober des vergangenen Jahres am Böblinger Bahnhof gegen 22.30 Uhr den 23-jährigen Kevin C. mit einem Faustschlag ins Gleisbett an Bahnsteig 1 beförderte. So dass sich das Opfer den Unterkiefer zweimal brach und eine Gehirnerschütterung erlitt.

Artikel vom 19. Mai 2017 - 14:00

Von Otto Kühnle

BÖBLINGEN. Doch die Rekonstruktion des Abends an an der Bahnsteigkante erweist sich als schwierig. Der 19-Jährige fühlte sich durch einen Kumpel von Kevin C. bedroht, der habe eine abgebrochene Bierflasche in der Hand gehabt. Tibor A. selbst hatte nicht nur eine Wodkaflasche dabei, sondern wohl auch schon einiges davon intus. Und seinen Kontrahenten offenbar mit dem Wort Hurensohn bedacht, was diesen laut werden ließ. Die erhoffte Aufklärung vermochte das Opfer aber nicht zu liefern. Ebenfalls ein Schrank von einem Kerl, will er an den Abend so gut wie keine Erinnerung haben. "Ich bin im Krankenwagen wieder aufgewacht", ansonsten erinnere er sich an nichts mehr. Weder an den Schlag noch an den Sturz ins Gleisbett. Viel mehr Licht ins Dunkel der Oktobernacht bringt auch der zweite Zeuge nicht.

Doch die 16-jährige Tamara K. hat nicht nur gesehen, wie Tibor A. Kevin C. "eine ausgewischt hat". Er habe zudem Kevins Mutter beleidigt. Wie wisse sie nicht mehr. Als der Richter aus ihrem Protokoll zitiert, fällt ihr aber der Begriff wieder ein: "Hurensohn". Von einer Bierflasche hat sie ebensowenig gesehen wie von einer Drohung gegenüber dem Angeklagten. Im Gegenteil. Der habe "seine Jacke provokant ausgezogen". Kevin C.s Kumpel habe schlichten wollen, doch da habe es schon geknallt.

"So was von blöd, viel Alkohol im Spiel", konstatierte der Richter, "das war keine gepflegte abendliche Unterhaltung". Und blickt ernst zum Angeklagten: "Das hätte auch Totschlag sein können", malt er mögliche Folgen des Sturzes auf die Schienen im Bahnhof aus. Tibor A. versichert, er habe gewusst, dass da kein Zug komme. Ansonsten räumt er den Schlag ein. Erklärt dem Richter aber nicht, warum er erst nach dem Schlag davongelaufen ist. Aber vielleicht hat das ja mit dem zu tun, was vor dem Jugendrichter mit dem Wort Reifeverzögerung belegt wird. Der junge Mann im zweiten Lehrjahr ist zwar kräftig im Körperbau. Hat aber schon vor sieben Jahren die Mutter verloren und lebt mit dem Vater und seinen Geschwistern zusammen. Für ganz so erwachsen hält der Richter den jungen Mann nicht. Was der auch bestätigt, als er nach der Aussage des Opfers diesem in den Flur hinterherspringt. Um sich zu entschuldigen, wie auch der etwas konsternierte Jugendgerichtshelfer feststellt.

Richter Grolig bleibt in seinem Urteil unter der Forderung des Staatsanwaltes nach 1800 Euro Geldauflage. 600 Euro sind genug. Aber neben einem sozialen Trainingskurs, wie von der Jugendgerichtshilfe auch empfohlen, darf Tibor A. zwei Wochenenden gesiebte Luft atmen. Mit "Gittern vor den Fenstern" könne der junge Mann "das Bewusstsein entwickeln, was wäre wenn", redet er ihm ins Gewissen. Und der nimmt noch im Gerichtssaal das Urteil an - "was bleibt mir anderes übrig?"

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