Begeisternde Virtuosität

Packender Duo-Abend am Samstag im Atelier-Atelier in Dätzingen

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    Haiou Zhang (vorne) und Christoph Seybold

Artikel vom 11. Dezember 2017 - 17:36

DÄTZINGEN (red). Es war ein eigenwilliges Programm, mit dem der chinesische Pianist Haiou Zhang und der Geiger Christoph Seybold die Zuhörer im Atelier-Atelier überraschten. Zehn Werke von neun Komponisten - das war ein Novum im Wohnzimmer von Peter Neubert und Gudrun Achterberg, das die beiden regelmäßig zum Konzertsaal umfunktionieren. Wie Christoph Seybold zur Programmgestaltung erklärte, wollte man "mal etwas anderes probieren". Sollte wohl heißen: den Versuch machen, klassische Formen mit einem Potpourri kurzer, unterhaltsamer Stücke zu verbinden.

Im ersten Programmteil standen zwei markant kontrastierende Violinsonaten: Als Auftakt Mozarts KV 376 in F-Dur, danach von Grieg die 3. Violinsonate in c-Moll. Eine reizvolle Kombination, denn beide Werke können durchaus als repräsentativ für ihre Epoche gelten. Hier Wiener Klassik pur aus dem Entstehungsjahr 1781, dort ein Werk der späten, hochemotionalen Romantik, Jahrgang 1886. Es ist beeindruckend zu hören, wie dramatisch sich die gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Musik widerspiegeln. Strenge Konventionen, die bei Mozart noch dominieren, werden bei Grieg von einer höchstpersönlichen Gedanken- und Gefühlswelt abgelöst. Die Tendenz zum Individualismus ist überdeutlich.

Grieg als Höhepunkt des Abends

Genau an dieser Stelle überzeugte Seybolds markante Interpretation. Er beherrscht nicht nur die extremen Tonlagen seines Instruments technisch perfekt, sondern weiß auch, enorme Emotionen, wie sie charakteristisch für das Lebensgefühl der Romantik waren, zu vermitteln. Insbesondere die großen dynamischen Steigerungen im Kopfsatz wurden durch die bewundernswerte Balance mit dem so kraftvoll wie sensibel agierenden Klavier zu Höhepunkten des Abends. Der zweite Satz bot dann neben nachdenklich-lyrischen Momenten, die bei Grieg immer offen oder raffiniert verborgen auftreten, folkloristische Stimmungen. Am Schluss dieser Sonate ein packendes, von beiden Musikern mit Begeisterung vorgetragenes "Allegro animato".

Nach der Pause wurde es dann - wie angekündigt - kleinteilig: acht kurze Stücke unterschiedlicher kompositorischer Qualität, jedes nicht länger als etwa fünf Minuten, zum Teil Originalkompositionen, aber auch Bearbeitungen. Letztere ausnahmslos vom berühmten Geiger Fritz Kreisler (1875- 1962), der als Wunderkind startete und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den Musikbühnen weltweit Furore machte. Die gewählten kurzen Werke waren überwiegend virtuos oder sentimental, manchmal beides.

Zweifellos ein schönes Spielfeld, um die breitgefächerten Möglichkeiten der Instrumente zu demonstrieren. besonders beeindruckte die enorme Virtuosität der Musiker, insbesondere des Geigers. Ungläubiges Staunen. So beim letzten Werk des Abends von Pablo de Sarasate, der "Introduktion und Tarantella". Im zweiten Teil des Stücks fegte Christoph Seybold jede musische Beschaulichkeit hinweg, Haiou Zhang bot dazu die pianistische Steigerung. Am Ende erklang ein überschwänglicher, jubelnder Schlussakkord. Zwei beruhigende Zugaben beschlossen das reiche Programm.

Fazit: Natürlich lassen sich in einem Konzertprogramm anspruchsvolle Kompositionen der Klassik und Romantik etwa in Form der Sonate, der Suite oder einer Fantasie mit Stücken des Unterhaltungsgenres kombinieren. In der Regel wird allerdings die leichtere Muse bei Kennern und Liebhabern den Kürzeren ziehen. Einhellige Meinung an diesem Abend: Grieg war der unbestrittene Höhepunkt. Und das galt gleichermaßen für das geniale Werk des Norwegers wie für die begeisternde Aufführung.

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