Im Gespräch mit den Frauen vom Erospark Sindelfingen

Im Erospark herrscht an der Bar und in den Zimmern eine ganz besonders prickelnde Atmosphäre

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    Sina F. (links) und Lina N. (rechts) schauen ganz gerne bei Moni M. an der Bar vorbei: "Manche der Mädchen schütten mir auch ihr Herz aus" KRZ-Foto: Simone Ruchay-Chiodi

Wer hierher kommt, will nicht unbedingt erkannt werden. Das Auto unauffällig um die Ecke parken, dann schnell hinter der Eingangstür verschwinden. Der Erospark in Sindelfingen zählt sich zu den größten Bordellen in Deutschland. 60 Zimmer auf drei Ebenen, in der Regel sind alle belegt. Büro, extra Raucherraum, eine Automaten-Ecke und natürlich die Bar.

Artikel vom 20. Mai 2017 - 11:30

SINDELFINGEN. Dort steht Moni M. hinter der Theke. Auf 55 würde sie bestimmt keiner schätzen. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet sie dort. "Ein interessanter Job. Die Mädels sind mir ans Herz gewachsen, da sind richtige Freundschaften entstanden." Davor war sie in einer Bäckerei beschäftigt, ungewöhnliche Arbeitszeiten sind für sie nichts Neues. Freitag und Samstag ist hier bis vier Uhr morgens geöffnet, am Sonntag ist zwei Stunden früher Schluss. "Klar, an den Wochenenden geht's ab", sagt sie, "da ist Hochbetrieb." Nicht nur auf den Zimmern, auch bei ihr. "Dazu veranstalten wir auch immer wieder Motto-Partys." Black & White, Rock oder Fasching. Mit spezieller Musik, besonderem Outfit, Table-Dance, einschlägigen Filmchen auf einem Bildschirm und allem, was die Gäste anmachen soll.

"Ich bin erst mal nebenberuflich eingestiegen, über eine Bekannte", erzählt die 55-Jährige. Und kann sich noch gut an ihr erstes Mal erinnern, "als ich hier mit zittrigen Knien erschienen bin". Das hat sich längst gelegt. "Ich bin begeistert. Man trifft interessante Leute, und wir sind wie eine große Familie." Was ihr besonders gefällt: "Diese ganz spezielle Atmosphäre." Eine Mischung aus anrüchig, verrucht und exklusiv. Nicht jeder traut sich rein. Probleme gab's noch keine. "Ich bin bisher mit allen Situationen zurechtgekommen. Dazu wird alles überwacht, die Security ist nicht weit." Moni M. fühlt sich wohl. "Und das liegt vor allem an den Mädchen hier. Ich respektiere sie und ihren Job total, sie schütten bei mir auch ihr Herz aus." Geschichten aus dem wahren Leben könnte sie genügend erzählen. Tut sie aber nicht. "Diskretion ist ganz wichtig."

Zwei der Prostituierten, die gerne bei ihr an der Bar vorbeischauen, sind Lina N. (25) und Sina F. (31). "Natürlich sind wir alle Konkurrentinnen. Wir sind auch nicht in erster Linie da, um Freundinnen zu werden, sondern um zu arbeiten", gibt die Ältere der beiden zu. "An die Hausregeln muss sich jede halten, trotzdem ist das Verhältnis untereinander herzlich." Wer sieht, wie die zwei miteinander umgehen, glaubt ihr das sofort. Das Geschäftsmodell? Beim Wort "Zuhälterei" verdrehen sie die Augen. "Hier doch nicht. Wir sind Selbstständige", betont die 31-Jährige aus dem Raum Karlsruhe, die ihren badischen Zungeneinschlag nicht verbergen kann und seit einem Monat hier ist. "Man ruft an und fragt, ob man kommen kann", ergänzt Lina N. Sie bezahlen die Tagesmiete, dazu noch für die "außerordentlich gute Verpflegung" (Moni M.), die ein Catererer vorbeibringt. Das Geld müssen sie sich wieder verdienen. Mit ihrem Körper. "Unter 80 Euro sollte keine Frau ihre Dienste anbieten", gewährt Sina F. Einblicke, "der Rest ist Verhandlungssache." Eine Preistafel hängt auf jedem Zimmer. "Natürlich kommt es darauf an, was die Kunden wollen und wie lange sie bleiben. Ob es nur ein schneller Quickie sein soll oder mehr." Mit drei, vier Freiern am Abend, vor allem an den Wochenenden keine Seltenheit, ist schon ordentlich was verdient.

Mit sich und ihrer Lebensplanung im Reinen

Sina F. war verheiratet, Kinder hat sie keine. "Sonst würde ich diesen Job nicht machen." Die Neugierde hat sie zur Prostitution gebracht. "Frauen haben eine bestimmte Vorstellung von ihrem Leben. Von meinem Verdienst hier kann ich mir mehr leisten, als wenn ich den ganzen Tag im Supermarkt hinter der Kasse sitzen würde." Natürlich hängt das auch davon ab, wie viele Kunden zu ihr kommen. "Aber ein Versicherungsvertreter verkauft auch nicht jeden Tag gleich viele Policen."

Sie ist nicht zum ersten Mal in Sindelfingen. Schätzt das Familiäre und den Respekt, den man ihr als Frau entgegenbringt. "Hier ist es sehr sauber, nicht so schmuddelig wie woanders. Und auf Hygiene lege ich größten Wert. Dazu hat man für alles einen Ansprechpartner. Und Chefs, mit denen man über alles reden kann." Lina N. hat Make-up-Artistin gelernt, an einer Visagistenschule. Warum sie im Bordell gelandet ist, nachdem sie eine Freundin mitgenommen hat? "Ganz einfach, hier verdiene ich mehr", ist die Stuttgarterin mit sich und ihrer Lebensplanung im Reinen.

Mit ihren Kunden kommen sie in der Regel klar. "Da sind alle dabei", so Sina F. "Zwischen 18 und 86", sagt Moni M. Sie muss es wissen, denn an der Bar laufen alle vorbei. Viele Stammgäste sind darunter, auch Männer, die sich in die Frauen verlieben. "Die wollen mir was Besonderes kaufen oder versprechen mir ein besseres Leben", muss Lina N. sie immer wieder einbremsen. Für ihre Kollegin ist das kein Problem: "Gefühle schalte ich ab, für mich ist das Arbeit."

Sie ist auch schon länger in dem Job, hat ein Gespür dafür entwickelt, wer da vor einem steht. "Man sieht nicht immer, ob das Ärger geben könnte. Erst sind sie ganz freundlich, im Zimmer glauben sie aber, dass sie sich alles erlauben können." In der Regel bringt sie diese Freier schnell zur Räson. Und wenn gar nichts hilft, drückt sie den Alarmknopf. Auch Lina F. hat für sich klare Regeln. "Betrunkene, vor allem am Wochenende, nehme ich gar nicht erst mit ins Zimmer." Denn mit denen würde es sowieso viel zu lange dauern. "Den Stress spare ich mir." Es geht aber nicht immer nur um schnellen Sex. "Manche wollen auch nur eine Streicheleinheit, in den Arm genommen werden. Oder reden", hat Sina F. schon oft beobachtet.

Ihre Würde als Frau sieht sie bei dieser Form der Dienstleistung nicht in Gefahr. Im Gegenteil. "Wenn es uns nicht geben würde, würde draußen viel mehr passieren", denkt sie an mögliche Vergewaltiger oder Stalker, die ihre Fantasien nicht kontrollieren können. "Zu uns kommen sie rein, bekommen ihren Service, wenn sie sich anständig benehmen, bezahlen und gehen wieder. Darunter sind Verheiratete und Singles." Sina F. legt Wert darauf, dass die Prostitution ein anerkannter Beruf ist. "Ich bin völlig frei in meiner Entscheidung. Wenn ich keine Lust dazu habe, fahre ich nach Hause, gehe einkaufen, kümmere mich um meinen Haushalt, führe ein ganz normales Leben. Und ich treffe mich mit Freunden." Wer von ihnen von ihrem Beruf weiß? "Nicht alle", räumt sie ein. "Aber die, die es wissen, akzeptieren es auch."

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