Wie motiviert man Jugendliche zu politischer Arbeit?

Jugendgemeinderäte werden von Fachleuten kritisch gesehen - Interesse an Gesellschaft ist weiter vorhanden - Alternativen sind Projekte und permanente Prozesse

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    Überholtes Format? 2007 fand in Böblingen die erste Sitzung eines Jugendgemeinderates mit OB Alexander Vogelgsang statt Foto: Bischof/Archiv

Die Jugendgemeinderatswahl in Sindelfingen steht bevor, in Böblingen und Holzgerlingen ist sie für das Frühjahr angesetzt. Überall das gleiche Problem: Es gibt wenige bereitwillige Kandidaten. Liegt das an der heutigen Jugend? Oder eher am problematischen Format? Wir haben Experten um ihre Meinung gebeten.

Artikel vom 12. Oktober 2016 - 14:15

KREIS BÖBLINGEN. Dass die Kandidatensuche für den Jugendgemeinderat (JGR) regelmäßig einer Quälerei gleichkommt, will Böblingens Jugendreferent Frank Kienzler (Foto links) gar nicht abstreiten. "Bei den letzten drei Jugendgemeinderatswahlen hatten wir für 20 Sitze 20 Kandidaten - das ist Fakt", gibt der 40-Jährige zu und merkt kritisch an: "So ist das letztlich keine repräsentative Beteiligungsform." Es sei bekannt, dass vor allem Gymnasiasten auf den JGR-Zug aufspringen, die anderen fallen hinten runter.

Und doch gibt sich Kienzler kämpferisch: "Wir bleiben weiter dran - auch mit dem Versuch, das Format zeitgemäßer zu gestalten." Dazu habe es aus der Mitte des Böblinger JGR selbst Vorschläge gegeben, wie man die Gremiumsarbeit den Jugendlichen schmackhafter machen könne. "Zum Beispiel wurde gefordert, dass Entscheidungen leichter getroffen werden können."

Direkte Begleiterin des Böblinger Jugendgemeinderats ist Anna-Lina Kühn, die im Jugendkulturzentrum Casa Nostra arbeitet. Das aktuelle Jugendgremium bekommt von ihr ein dickes Lob, waren die Jugendlichen zuletzt doch im Lise-Meitner-Gymnasium zu Gast und haben aktiv um Kandidaten geworben. Letztlich ist aber auch der 35-Jährigen klar, dass das JGR-Format seine Tücken hat. "Viele Jugendliche engagieren sich wirklich gerne, aber die Verpflichtung auf zwei Jahre Jugendgemeinderat ist schon eine große Hürde." Viel lieber würden sich Jugendliche heute kurzfristig und bei konkreten Projekten einbringen.

Beide Böblinger Jugendarbeiter versuchen, zunehmend ganz unterschiedliche Formen der Beteiligung ins Spiel zu bringen. "In Studien wird immer empfohlen, einen Partizipationsmix hinzubekommen", sagt Kühn, "weil verschiedene Modelle verschiedene Jugendliche ansprechen." Entscheidend sei, die Jugendlichen konkret einzubeziehen und zu fragen: "Wie wollt ihr beteiligt werden?"

Intensive Erfahrungen mit dem Engagement Jugendlicher hat Annemarie Lemeunier (Foto rechts) gesammelt. Als Jugendreferentin in Waldenbuch hat sie vor den Kommunalwahlen mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Waldhaus auf der Schönbuchlichtung das Projekt "Was meinscht Du?" angestoßen und durchgeführt. Damit sollten Jugendliche auch zum Gang an die Urne bewegt werden, weil 2014 erstmals auch 16-Jährige wählen durften. "Viele haben einfach wenig Zeit, das liegt an G 8 und der Ganztagsschule, aber auch sonstigen Aktivitäten", hat sie beobachtet. Denn "sich zu beteiligen braucht einfach Zeit".

Zudem würden Jugendliche dann aktiv, wenn sie etwas stört, "wenn Leidensdruck da ist". Blieben sie also ruhig, könne man daraus auch schließen, dass sie zufrieden sind. Es sei aber generell eine Einstellungssache, ob sich jemand engagiere oder nicht. Zudem, gibt sie zu bedenken, "brauchen Jugendliche oft mehr Unterstützung als wir denken".

In Waldenbuch habe man aus diesen Erfahrungen heraus deshalb die Miniprojektförderung eingeführt: "Da gibt es bis zu 400 Euro von der Kommune für ein Projekt, das möglichst vielen Jugendlichen zugute kommt." Vom professionellen Fotoshooting bis zu einer Party oder der Skatebahn reicht der Bogen dieser Aktivitäten. Dazu bedürfe es aber auch viel Erwachsenenarbeit, um bei Behörden Genehmigungen einzuholen oder mit der Verwaltung zu reden.

Einen guten Überblick über die Szene im Landkreis und darüber hinaus hat der Bereichsleiter beim Waldhaus, Michael Groh. "Wir sind die Experten, sind näher dran an den Jugendlichen und deshalb Brückenbauer. Doch Jugendbeteiligung ist eine kommunale Querschnittsaufgabe, alle müssen das auf dem Schirm haben", fordert der Sozialpädagoge. Verwaltungen müssten von sich aus erkennen, was jugendrelevant ist und dies an die Jugend zurückspielen. Bondorf sei da ein gutes Beispiel, da würden "Entscheidungen kommuniziert und erklärt", Jugendliche würden in laufende Prozesse einbezogen. Als Dienstleister wolle das Waldhaus Demokratieerziehung leisten, denn es sei wichtig, dass die Jugend Demokratie selbst erlebe. Dies könne gar nicht früh genug beginnen, wie Studien belegten. "Deshalb wollen wir stärker in die Kinderbeteiligung einsteigen", skizziert Groh den Ansatz der Jugendhilfeeinrichtung, die in vielen Gemeinden die Jugendreferenten stellt oder gar das gesamte Spektrum der Jugendarbeit abdeckt.

In Sindelfingen war er jahrelang selbst in der Jugendarbeit aktiv, inzwischen ist Peter Martin Thomas (Foto links) Leiter der Sinus-Akademie in Heidelberg. Der Diplompädagoge hat die Sinus-Jugendstudien 2012 und 2016 mitverfasst und kann deshalb klar Stellung beziehen: "Jugendgemeinderäte waren schon vor 15 Jahren keine innovative Form der Partizipation oder politischen Bildung und sind es heute noch weniger", sagt Thomas, "wir müssen neue Formen der politischen Beteiligung entwickeln, wenn die Demokratie lebendig bleiben will."

Dabei würden sich aus seiner Sicht Jugendliche heute genauso wie in der Vergangenheit für die aktuellen gesellschaftlichen Fragen interessieren. "Sie nennen dies aber selten Politik", stellt Peter Martin Thomas fest, "denn Politik löst bei vielen Jugendlichen die Assoziation von unverständlichen Reden, langweiligen Sitzungen und Männern mit Anzug und Krawatte aus. Das ist für sie uninteressant."

Junge Menschen würden sich durchaus für die Themen, die ihren Alltag betreffen, engagieren. Durch Digitalisierung und die gestiegene Mobilität gehe der Horizont jedoch oftmals über das konkrete lokale Umfeld hinaus. "Anknüpfungspunkt ist dann nicht mehr nur die eigene Kommune", betont Thomas, "sondern ein besonderes Interesse, eine bestimmte Jugendszene oder ein weit verzweigtes, digitales Netzwerk."

Was den Jugendgemeinderat angeht, ist Holzgerlingen gewissermaßen in einem Tief, denn die Wahl wurde im Frühjahr mangels einer ausreichenden Zahl von Kandidaten abgeblasen. Insofern stimmt der Eindruck, den der langjährige Jugendreferent Peter Cramer seinerzeit hatte, dass die Beteiligung schon bessere, aktivere Zeiten gesehen hat. Gleichwohl hält er es für richtig, die recht starre Form des Jugendgemeinderats ruhig mal zu hinterfragen und zu modernisieren. Die das jetzt kraft Amtes tun darf und die für die nächste Wahl im kommenden Jahr zu werben hat, ist Jugendreferentin Dagmar Radler (Foto rechts). Sie plädiert dafür, in der Kommunikation mit der Jugend auch zeitgemäße Mittel zu benutzten, nämlich Facebook oder Instagram. Dann bekomme man auch eine Reaktion. Freilich erlebt sie, dass sich die Jugendlichen und jungen Leute tatsächlich einbringen, und zwar dort, wo ihr Betätigungsfeld ist. Zum Beispiel im Jugendhaus. Die dort hingehen, wollen nicht bloß relaxen, sondern auch mitentscheiden. Ihre Erfahrung: "Das ist ein Teil von ihnen und da wollen sie auch mitbestimmen."

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