OB-Wahl Böblingen 2018

Viele Dagersheimer lauschen den OB-Kandidaten

Bewerberschaulaufen in der Festhalle stößt auf reges Interesse - Viel zu tun für künftiges Stadtoberhaupt

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    Dr. Stefan Belz, Wolfgang Lützner, Fridi Miller und Johannes Söhner (von links) bei der zweiten offiziellen Kandidatenvorstellung zur Böblinger Oberbürgermeisterwahl Fotos: Simone Ruchay-Chiodi

In der Dagersheimer Festhalle stieg am Freitagabend die Runde zwei des offiziellen Kandidatenschaulaufens für die Böblinger Oberbürgermeisterwahl am 4. Februar. Genau 374 Besucher kamen zur Veranstaltung, um sich ein Bild von den vier Bewerbern zu machen.

Artikel vom 29. Januar 2018 - 09:32

DAGERSHEIM. Bis auf den letzten Platz voll besetzt war die Böblinger Kongresshalle am Dienstag beim ersten Teil der Vorstellungsrunde. Auch diesmal war das Interesse groß, schließlich waren die Besucher auch neugierig, welche Pläne die Kandidaten für den Teilort im Köcher haben. Erneut erfuhren sie vom Ersten Bürgermeister Tobias Heizmann aber erst einmal die Spielregeln für den Abend - jeder OB-Bewerber bekam 15 Minuten Redezeit, danach gab durften sie in vier Runden jeweils drei Fragen aus der Bürgerschaft beantworten, ehe sie noch einmal drei Minuten Zeit für ein Schlusswort erhielten. Am Ende der Veranstaltung war jedem Zuhörer zumindest eines klar: Es gibt in der Stadt offenbar viel zu tun - ganz gleich, welcher der Kandidaten bei der Wahl das Rennen macht, auf das neue Stadtoberhaupt wartet jede Menge Arbeit.

Als erster ans Rednerpult durfte Dr. Stefan Belz, Stadtrat der Grünen, der als überparteilicher Kandidat antritt. Der Luft- und Raumfahrttechniker veränderte seinen Beitrag gegenüber der Veranstaltung am Dienstag nur um wenige Details. "Böblingen wird unter seinem Wert regiert", erklärte der 37-Jährige auch in der Festhalle, warf dem Amtsinhaber dazu vor, dass ihm in vielen Dingen "der Weitblick fehle". Beifall erhielt er erneut für seine Idee, ein Stadtticket für 1,30 Euro einführen zu wollen, mit dem Menschen "von Dagersheim bis zum Rauhen Kapf oder von der Diezenhalde bis zu den Mercaden fahren können". Zum Thema Verkehr prangerte er unter anderem an, dass dieser auch ob einer fehlenden grünen Welle zwischen Dagersheim und Böblingen vor den dazwischen liegenden Ampeln oft ins Stocken gerate, möchte insgesamt eine intelligente Verkehrsplanung einführen. Dazu gehöre für ihn auch ein geschlossenes Radwegenetz.

Belz ging darauf ein, wie wichtig ihm nicht nur die Aufwertung des Böblinger Schlossbergs ist - sondern auch die Dagersheimer Ortsmitte. "Ich möchte hier ein lebendiges Ortszentrum sehen", sagte er. Das Gassenquartier mit der Überquerung über die Schwippe habe man nicht in jedem Ort. Mit Einzelhändlern wolle er sich intensiv austauschen, wie die Aufenthaltsqualität auch "hier in Dagersheim steigt". Jugendliche gehe es im Teilort "sehr, sehr gut", befand er. Viele seien hier sehr engagiert im vielfältigen Vereinsleben. Diese funktionierenden Strukturen gefielen ihm sehr gut, sagte er - und bemängelte, dass diese woanders in der Stadt, wie zum Beispiel auf dem Flugfeld, fehlen würden. Er wolle das Ehrenamt stärken, verprach als Oberbürgermeister Bürgernähe zu leben - und Bürgerbeteiligung als wichtiges Instrument der Entscheidungsfindung "wohl dosiert" einsetzen zu wollen. Zudem erklärte er, dringend für bezahlbaren Wohnraum sorgen und Kitas und Schulen schnellstens sanieren zu wollen. "Böblingen und Dagersheim brauchen einen Oberbürgermeister mit Visionen, Klarheit und Verbindlichkeit", warb er abschließend um die Gunst der Wählerschaft - und erhielt warmen Applaus.

Bilanz und Ausblicke

Den gab es zur Begrüßung auch für Wolfgang Lützner, der im Anschluss erklären durfte, warum ihm die Bürgerschaft das Vertrauen für eine zweite Amtszeit geben sollte. In einer kurzen Bilanz ging er darauf ein, was sich in Dagersheim in den vergangenen acht Jahren getan hat: der Edeka-Markt wurde eröffnet, das Waldstadion saniert und die Schadstoffbelastete Kita Schützenweg abgerissen und durch eine neue in der Goethestraße ersetzt. In der Kernstadt Böblingen habe man in die Bahnhofstraße zur Fußgängerzone umgebaut, dort das Krauß-Gebäude abreißen können, auch die Tage des City-Centers sind gezählt. "Vor acht Jahren war von den Mercaden noch nichts zu sehen, noch nicht einmal alle Grundstücke waren gekauft", bilanzierte er weiter. Über 630 Kita-Plätze sind entstanden, dazu ein Familienzentrum. Und im Grund sei ein zweites in der Planung. Zudem sei Böblingen als "Familienbewusste Kommune Plus" ausgezeichnet worden. "Böblingen und Dagersheim sind ,in'", bemerkte Lützner und verwies darauf, dass 2000 neue Arbeitsplätze entstanden sind und die Stadt um fast 5000 Einwohner gewachsen ist.

Es gebe auch Themen, die weniger gut gelaufen sind, "und die uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Hier bin ich durchaus selbstkritisch", fuhr Lützner fort. Das Problem der "tagtäglichen Staus" sei mit einem Baustellenmanagement schon angegangen worden und soll durch intelligente Ampelschaltungen und neuen Entlastungsstraßen entschärft werden. Auch müssten die Fernwärmepreise sinken. Im Blick nach vorn will er den Schulstandort stärken, "Dagersheim und Darmsheim vertragen eine weiterführende Schule", erklärte Lützner und sieht auch die Notwendigkeit einer Grundschule auf dem Flugfeld.

100 Sozialwohnungen sowie 100 Wohnungen mit vergünstigten Mietpreise sollen entstehen. In Dagersheim sieht er auf dem Gelände der ehemaligen Kita Schützenweg Platz für "schöne Wohnungen", ebenso halte er eine Aufwertung des Gassenquartiers für "überfällig". Das Hallenbad müsse saniert werden "und auch das Dach des Stadions hat es nötig". Dem "Haus der Vereine" stehe ebenso eine Sanierung und Erweiterung bevor wie der Feuerwache, die noch in diesem Jahr neue Rolltore erhalten soll. Bereits veranlasst habe er die "nicht gelungene" Verengung an der Ortseinfahrt in der Böblinger Straße ruckbauen zu lassen - nicht nur nach dieser Ankündigung gab es Beifall für den Amtsinhaber.

"Genie und Wahnsinn"

Die nächste Viertelstunde durften sich die Festhallen-Besucher von Fridi Miller, Kandidatin aus Sindelfingen, unterhalten lassen. Sie verriet, dass sie ebenso bei "Wer wird Millionär" gewonnen hat wie ein Fertighaus bei einem Gewinnspiel. Dass Kinder beide Eltern liebten und bräuchten, "egal ob süchtig oder verrückt - so wie ich. Aber wie es schon bei Albert Einstein hieß: ,Genie und Wahnsinn'. Inhaltlich positionierte sie sich gegen die Flugfeldklinik und für die Einführung eines Bürgerhaushalts. Mit einem "Danke fürs Zuhören - peace" verließ sie schließlich gut gelaunt das Rednerpult.

Letzter Kandidat der Vorstellungsrunde war Diakon und Unternehmer Johannes Söhner, der in seinem Beitrag wie schon in Böblingen kräftig gegen den Amtsinhaber austeilte. Er wolle dessen Arbeitsergebnis der vergangenen acht Jahre nicht verteufeln, "nicht schlechter machen als es ist", begann er und beklagte, "dass ein Misstrauen mit der Verwaltung" herrsche. "Woran liegt das?" Er warb für sich, indem er sich Führungsqualität, Entscheidungs-Mut, Standfestigkeit, Umsicht und Weitblick und Charakterstärke bescheinigte. "Ich weiß, was ich kann und was nicht", erklärte er

In der Folge schwenkte er seinen Fokus vor allem auf Dagersheimer Themen. In einer Grundschule - und einer weiterführende Schule - sieht er wichtige Bausteine, damit der Teilort seine Eigenständigkeit bewahren kann. Die Frage, die es für ihn dabei zu klären gelte ist, ob es neben der bestehenden Grundschule eine Real- oder Gesamtschule braucht. Zum Thema Verkehr spöttelte er, dass der Verkehr nach Böblingen besser lief, als die Ampeln ausgefallen waren. Der 52-Jährige sprach von einem "Schildbürgerstreich", dass es durch die abgeschafften Bushaltebuchten nun immer wieder zu Staus im Ort komme. Und versprach als OB für Abhilfe in Form eines Rückbaus zu sorgen. Das Hallenbad habe nur an zwei Tagen offen, zudem sei das Wasser kalt, kritisierte Söhner: "Entweder wir wollen das Hallenbad, dann muss es aber auch am Wochenende geöffnet sein - oder wir schaffen es ab und nutzen das Geld für andere Dinge", meinte er. Zum Beispiel könne man "endlich die Unterführung an der Schule sanieren, die ist dunkel und dreckig". "Schockiert über den Zustand der Immobilie" sei er gewesen, als er das "Haus der Vereine" besucht habe. Dass der Liederkranz dort 300 Euro Miete im Monat entrichten müsse, stoße bei ihm aus Unverständnis. Söhner erklärte zum Thema Ehrenamt zudem, im Rathaus eine Stelle schaffen zu wollen, die Vereinen zur Seite stehen solle. "Bisher gibt es im Rathaus wenig Unterstützung für Vereine". Auch er erhielt Applaus für seine Ausführungen

In den abschließenden Fragerunden ging es um Fernwärmepreise, Kita-Gebühren, Verkehr, bezahlbaren Wohnraum, Transparenz, Radwege, Hallen- und Freibad, Müll im öffentlichen Raum, Stärkung des Ehrenamts und Bürgernähe. Themen, die größtenteils auch am heutigen Montagabend ab 19 Uhr beim "Kandidaten-Check" der KREISZEITUNG in der Kongresshalle zur Sprache kommen dürften.