OB-Wahl Böblingen 2018

OB-Wahl: Dr. Stefan Belz wirbt in Böblingen um Zustimmung

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    Dr. Stefan Belz im Gespräch mit zwei Bürgerinnen auf dem Elbenplatz: Überzeugungsarbeit mit Argumenten, Taschentüchern, Traubenzucker, Gummibärchen und Flyern Foto: Thomas Bischof

Die heiße Phase des OB-Wahlkampfes hat begonnen. Für die vier Bewerber heißt das nun Vollgas geben. Die KREISZEITUNG hat sich den Kandidaten an die Fersen geheftet. Dr. Stefan Belz versuchte dabei in Böblingens grüner Lunge für sich zu werben.

Artikel vom 23. Januar 2018 - 17:18

BÖBLINGEN. Ungemütlich ist's am Montagnachmittag an den Böblinger Seen. Eisiger Wind kriecht unaufhaltsam durchs Hosenbein, die Finger äußern kribbelnd den Wunsch nach Handschuhen. Menschen mit Blick nach unten und hochgeschlagenem Kragen eilen im Stechschritt vom Elbenplatz in Richtung Albabrücke. Stefan Belz steuert diese mit dem Fahrrad an. Den Drahtesel an einen Fahnenmast gekettet ist er startklar, weitere Handwerksarbeit auf dem Weg zum angepeilten Oberbürgermeister-Job zu erledigen. Auf der Straße will er Passanten von sich überzeugen. Ein Bohren dicker Bretter.

"Hallo! Stefan Belz mein Name. Ich kandidiere als Oberbürgermeister bei der Wahl am 4. Februar", der Stadtrat der Grünen, der sich selbst als überparteilicher Kandidat sieht, geht zielsicher auf eine ältere Dame zu. "Ich kenne Sie aus der Zeitung", entgegnet die Frau, tauscht sich kurz mit ihm aus, klagt ihr Leid über rasende Radfahrer, die ihr als Fußgängerin das Alltagsleben in der Innenstadt schwer machen. Dann muss sie weiter. Belz greift in seine Umhängetasche, gibt ihr noch eine seiner Wahlbroschüren und ein Päckchen Taschentücher mit. "Sehr aufmerksam. Haben Sie bemerkt, dass meine Nase läuft?", sagt die Dame und verabschiedet sich, während ihr 38-jähriger Kurzzeit-Gesprächspartner bereits die nächsten Kontaktaufnahmen anvisiert.

Bei diesen bleibt's hingegen mit einer hastigen Begrüßung samt Flyer-Übergabe. Klares Zeichen: Für den Straßenwahlkampf hat vor allen Dingen der Kandidat Zeit, die potenziellen Wähler haben anderes als Straßen-Plaudereien im Sinn. Bei der Kälte sowieso.

"Es ist oft so, dass die Menschen nicht lange stehen bleiben, wenn ich sie anspreche. Ganz normal", weiß Belz, der inzwischen in dieser Disziplin geübt ist. Seit Wochen ist er täglich in Böblingen auf Tour, um auf Stimmenfang zu gehen. Manchmal nur eine Stunde, mal vier oder mehr. Regelmäßig marschiert der promovierte Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, der an der Universität Stuttgart arbeitet, von Haustür zu Haustür oder ist an den innerstädtischen Seen unterwegs. "In der Bahnhofstraße weniger - da trifft man einfach auf zu viele Leute, die nicht in Böblingen wohnen." Der Lohn dieser Mühen? Den erhält er jetzt schon, Wochen vor dem Wahltag. "Ich erfahre viel von den Menschen, nehme viel mit", sagt er. Und kommt aus seinen bisher gesammelten Erfahrungen zum Schluss, dass seine Entscheidung, bei der Wahl gegen den Amtsinhaber Wolfgang Lützner anzutreten, eine richtige gewesen ist. "Ich habe schon so etwas wie eine Wechselstimmung festgestellt, viele äußern ihre Unzufriedenheit über den aktuellen Oberbürgermeister", meint Belz. Und schiebt ein Aber hinterher. "Oftmals endet der Satz hier, geht nicht weiter." Sein Ansporn sei es nun, die Bürger davon zu überzeugen, dass sie ihm ihr Kreuzchen auf dem Wahlzettel geben.

Stefan Belz spaziert erst zum Elbenplatz, macht dann kehrt, dreht eine Runde um den Oberen See. Kommt hier und da mit Menschen ins Gespräch, diskutiert über die Verkehrsproblematik in der Stadt, über gestiegene Fernwärmepreise. Oder erfährt ganz einfach, dass er ja auf den Plakaten viel größer aussehen würde, als er eigentlich ist. Belz verteilt Flyer, Traubenzucker, Taschentücher und Gummibärchen. Rund 50 wahlberechtigte Bürger und Bürgerinnen hat er diesmal erreicht. Ob sie ihm nun auch ihr Vertrauen geben? "Ich hoffe", sagt der 38-Jährige. Immerhin hat er erneut einige Male eine Aussage vernommen, die diese Hoffnung nährt: Dem Amtsinhaber wollen sie am 4. Februar ihre Stimme diesmal nicht geben, geben diese Menschen preis.

Belz erreicht sein Fahrrad wieder und schwingt sich auf den Sattel. Daheim will der Böblinger noch ein, zwei Stunden nutzen, um sich für eine Abendveranstaltung vorzubereiten. Im "Freiraum" lädt er zu einem "Zukunftsforum Lebensqualität" ein, dabei möchte er auf eines seiner drei Kernthemen eingehen, seine Vorstellungen zu verschiedenen Bereichen erklären, mit Bürgern in den Dialog treten. "Beim ersten Zukunftsforum ,Soziales' kamen fast 100 Besucher. Ich würde mich freuen, wenn der Zuspruch wieder so gut sein würde", sagt er und verabschiedet sich in die Pause. Wenig später steht er zufrieden im "Freiraum". Kein Sitzplatz ist mehr frei, Stehplätze sind rar. Mehr als 120 Bürger und Bürgerinnen sind gekommen, nur wenige davon kennt Belz persönlich.

Der Oberbürgermeisterkandidat tritt vor eine Leinwand, begrüßt die Zuhörerschaft, stellt sich kurz vor und erklärt, dass er sich in den zurückliegenden vier Jahren als Stadtrat ein "gutes Bild davon machen konnte, wie die Stadt gelenkt und geleitet wird". Seine Erkenntnis: "Die Stadt wird unter ihren Möglichkeiten verwaltet." In einem kleinen Exkurs schneidet er die Themenfelder Verkehr, Stadtentwicklung und Klimaschutz an. Er beklagt, dass Böblingen in den vergangenen Jahren um 5000 Einwohner angestiegen sei, die Infrastruktur für Auto-, Fußgänger- und Radverkehr aber kaum mitgewachsen sei. "Dieses Problem möchte ich langfristig lösen", erklärt Belz. Und hat auch einen kurzfristigen Lösungsansatz parat. "Ich möchte ein Stadtticket für 1,30 Euro anbieten. Damit hätten wir ein echtes Alternativangebot, um das Auto mal stehen zu lassen", wies er darauf hin, dass rund 70 Prozent des Verkehrs, der Böblingens Straßen verstopft, hausgemacht ist und nicht von außen kommt.

Das Radwegenetz müsse zudem endlich auf Vordermann gebracht werden, die Flickschusterei müsse aufhören, fügte er hinzu: "Konzepte gibt es bereits - sie werden aber nicht umgesetzt". Ein weiterer Ansatz, um Autos von den Straßen zu bekommen sei es, "Mobilitätspunkte" zu installieren - Orte, wo Räder oder Elektroautos zum Verleih bereit stehen könnten.

Weiter spricht Belz von Naherholungsplätzen, die aufgewertet und besser gepflegt werden müssten, mit einer Sauberkeitskampagne wolle er das Problem der Vermüllung des öffentlichen Raums in den Griff bekommen. Auf dem Flugfeld vermisse er ein Bürgerzentrum mit einem Jugend-, Sozial- und Religionsraum. Als wichtig sehe er es zudem an, dass nun seit zwei Jahren der Prozess der Schlossberg-Attraktivierung beschleunigt werde. "Hier musste man förmlich den Hund zum Jagen tragen, damit der Schlossberg endlich zum Thema wird", kritisiert Belz den Amtsinhaber und verweist auf mehrere Initiativen, die letztendlich im Gemeinderat in einen interfraktionellen Antrag mündeten. "Der Oberbürgermeister hat hier die Zeichen lange nicht erkannt." Und um den Ortskern Dagersheims müsse man sich in gleichen Maße kümmern. Schließlich betont er die Bedeutung des Erreichen der Klimaschutzziele - in diesem Zusammenhang hebt er die Sanierung der Schulen und Kindergärten besonders hervor. "Bis 2025 müssen alle Schulen und Kita-Gebäude saniert sein", stellt er klar. Und erhält viel Applaus für seine Ausführungen.

Weiter geht's mit einem Impulsvortrag "Finden Sie auch nie einen Parkplatz?" von Dr. Christine Lehmann, Krimi-Autorin, Stuttgarter Stadträtin, Rad-Bloggerin und SWR-Redakteurin. Sie verdeutlicht - provokant - anhand von statistischen Zahlen, welche Vorteile der Rad- gegenüber dem Autoverkehr hat. Anschließend bittet Belz seine Gäste zur aktiven Mitarbeit. An vier Stellwänden sollen diese Aufzeigen, an welchen Stellen in Böblingen im Bereich der Lebensqualität der Schuh drückt.

Der Kandidat, der als Oberbürgermeister auf Bürgerbeteiligung setzen will, legt jetzt schon damit los. Auch wenn er weiß: Damit zu Ergebnissen zu kommen ist wie Straßenwahlkampf: manchmal ungemütlich. Und in jedem Fall ein Bohren dicker Bretter.