Erdhebungen

Erdhebungen: Geschädigter zieht vor das Landgericht

Bohrunternehmer mit neuer Firma am Start

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Die Erdhebungen in Böblingen werden ein Fall für das Stuttgarter Landgericht. Ein Geschädigter hat jetzt eine Nachbarin verklagt, auf deren Grundstück fehlerhafte Bohrungen vorgenommen worden sind. 200 000 Euro soll diese für die Schäden am Haus des Klägers bezahlen.

Artikel vom 13. November 2017 - 14:39

BÖBLINGEN. Bisher standen die rund 200 geschädigten Hausbesitzer zusammen und versuchten gemeinsam und ohne Gerichte einen Ausgleich für die entstandenen Schäden zu erstreiten. Hierfür gründeten sie die Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) und beauftragten einen Rechtsanwalt, der sie seither berät und vertritt. Nun ist ein IGE-Mitglied ausgeschert und versucht im Alleingang, eine Entschädigung für sich zu erstreiten.

"Mein Mandant hat sich mit dieser Klage nicht leicht getan", sagt der Böblinger Rechtsanwalt Reinhard Klindwort. Dass der Hausbesitzer aus der Robert-Bosch-Straße nun gegen sein betagte Nachbarin vorgehe, die vor rund zehn Jahren gemeinsam mit ihrem verstorbenen Ehemann eine Erdwärme-Heizung installieren ließ, gefalle diesem auch nicht. Aber der Kläger habe jetzt "die Nase voll", erklärt Klindwort. Schon seit Jahren werde er nachts von knackenden Wänden heimgesucht, die Böden seien schief und die Türen ließen sich nicht mehr schließen. Zu viel Zeit sei vergangen, in der sich in Sachen Entschädigung nichts getan habe.

Ob die Summe, die von der Versicherung des Bohrunternehmens bisher in Aussicht gestellt worden ist, jemals reichen wird, um seine Schäden zu begleichen, stellt der Mann infrage. Daher, erzählt Klindwort, wolle er nun von einem Gericht geklärt haben, ob und wieviel Schadenersatz ihm zustehe. "Mein Mandant hat nicht das Geld, um die Schäden zunächst einmal zu stoppen", sagt Klindwort.

Der Kläger beruft sich darauf, dass ein Hausbesitzer, auf dessen Grundstück eine Geothermie-Bohrung unsachgemäß ausgeführt wurde, als Auftraggeber für den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden kann. Wer eine Firma beauftragt, betont Reinhard Klindwort, sei auch dafür verantwortlich, dass diese sauber arbeite.

Als Streitwert hat Reinhard Klindwort 200 000 Euro angesetzt. Diese Summe umfasse nur den Schaden an der Immobilie, betont er. Die Wertminderung des Grundstückes sei darin nicht berücksichtigt. Sieht das Gericht die Sache ebenso, müsste die Privathaftpflichtversicherung der beklagten Nachbarin dafür aufkommen, ansonsten würde ihr wohl der Gang in die Privatinsolvenz drohen.

Falls sein Mandant im Falle eines gerichtlichen Erfolges kein Geld von seiner Nachbarin erhalte, erwägen Klindwort und sein Mandant, ihre Forderungen beim Land einzuklagen. Das Landratsamt habe die Bohrungen schließlich genehmigt, argumentiert Klindwort. Dann müsse dieses auch seiner Rolle als Aufsichtsbehörde gerecht werden. Mehr Aufsicht und andere Richtlinien, fordert Klindwort. "Der Staat", findet er, "kann sich da nicht rausreden".

Dass der Vorstoß seines Klienten nach einem langen Weg durch die Gerichtsinstanzen aussieht, streitet Reinhard Klindwort nicht ab. Ob sein Mandat mit der Klage daher einen Zeitvorteil erlangen wird, möchte Reinhard Klindwort nicht prophezeien. "Der Instanzenweg", räumt er ein, "ist auch ein Ding". Und wann rechnet er mit einem Ergebnis? "Das kann ich heute nicht sagen", antwortet der Rechtsanwalt.

Während Gerichte, Anwälte und Versicherungen die Schuld und die Entschädigungszahlungen zu klären versuchen, ist Erwin Gungl, Inhaber der gleichnamigen Firma, die für die fehlerhaft ausgeführten Bohrungen in Böblingen verantwortlich ist, bereits wieder im Geschäft mit Sondenbohrungen unterwegs.

Über sein neues Unternehmen möchte Erwin Gungl nicht sprechen

Nachdem sein Unternehmen aufgrund der Vorkommnisse in Böblingen Konkurs anmelden musste, hat Gungl im März 2016 die Firma Geopunkt in Renningen gegründet. Aufgeteilt ist das Unternehmen, das über 300 000 Euro Stammkapital verfügt, in die Sparten Spezialtiefbau, die Gungl verantwortet, und Bohrtechnik. Diesem Bereich steht Sebastiano Ragusa, ehemaliger Geschäftsführer der Firma Gungl, vor. Die Referenzliste zeigt, dass die Firma bereits zahlreiche Aufträge im Land erhalten hat. Auf was es in dieser Branche ankommt, hat die Firma Geopunkt offensichtlich verstanden: "Wenden Sie sich an ein spezialisiertes Bohrunternehmen oder ein erfahrenes Ingenieurbüro, denn Fehler in der Ausführung können teuer werden", rät das Unternehmen potentieller Kundschaft auf der Internet-Seite.

Wer von Erwin Gungl wissen möchte, wie die Geschäfte laufen, was die Kunden zur Vergangenheit des Bohrunternehmers sagen und wie man mit gutem Gewissen einen solchen Neustart wagen kann, der scheitert: Wie könne die Zeitung darauf eine Antwort erwarten, nachdem, was sie über ihn geschrieben habe, empört er sich. Damit ist das Gespräch über die neue unternehmerische Betätigung des Erwin Gungl auch schon beendet.