Erdhebungen

Versicherung bietet zwölf Millionen

Allianz möchte die Böblinger Erdhebungsopfer entschädigen und erkennt Schuld der Bohrfirma an - Kritik aus den Reihen der Betroffenen

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    Als Minister Untersteller vor Ort war, wurde kräftig demonstriert / Foto: Archiv

Artikel vom 05. Mai 2017 - 14:42

BÖBLINGEN. Die Allianzversicherung stellt den Erdhebungsopfern zwölf Millionen Euro zur Verfügung. Damit sollen die Schäden an Gebäuden, Straßen und Versorgungseinrichtungen beglichen werden. Der tatsächliche Schaden dürfte jedoch weit darüber liegen. Bei den Betroffenen hält sich die Begeisterung daher in Grenzen.

Die Bereitschaft der Versicherung, den Schaden zu regulieren ist das Ergebnis zweier Gutachten, die die Allianz in Auftrag gegeben hat. In einer Expertise haben Fachleute aufgezeigt, dass die Bohrfirma Gungl die Geothermiesonden auch im südlichen Hebungsgebiet nicht fachgerecht eingebaut hat. Dies hat das Landesamt für Geologie in einem Gutachten bereits für das nördliche Hebungsgebiet festgestellt.

Eine zweite Expertise hat sich mit den juristischen Folgen dieses Schadensfalles befasst. Ergebnis: Die Versicherungen des Bohrunternehmens sehen für jedes der beiden Hebungsgebiete jeweils sechs Millionen Euro Deckungssumme vor, die die Allianz den Geschädigten zur Verfügung stellen muss - mit einer Einschränkung: Dies gilt nur für Schäden, die zwischen dem 27. Oktober 2011 und dem 31. Dezember 2014 festgestellt worden sind. Für den restlichen Zeitraum beruft sich die Allianz auf Ausschlussklauseln.

Dass die zwölf Millionen Euro nicht reichen werden, um die Ansprüche der Geschädigten zu befriedigen, räumte Stefan Löschner, Haftpflichtexperte der Allianz, am Freitag bei einem Pressegespräch ein. Über die Gesamthöhe des Schaden wollte er keine Angaben machen. "Uns liegen noch keine Forderungen vor", sagte Löschner, "daher können wir auch keine seriösen Angaben machen". Schätzungen gehen von 20 bis 50 Millionen Euro aus. Löschner machte auch deutlich, dass sein Unternehmen nicht bereit ist, mehr zu bezahlen, als das Gutachten empfiehlt. "Wenn die Betroffenen der Meinung sind, dass die Deckungssumme nicht zutreffend ist, müssen sie das juristisch klären lassen", erklärte er.

Für den Fall, dass die Versicherungssumme nicht ausreicht, sieht das Gesetz ein "Kürzungs- und Verteilungsverfahren" vor. Mittels diesem sollen die zwölf Millionen nach einer vorher festgelegten Quote unter den Hebungsopfern verteilt werden. Zu den Berechtigten zählen nicht nur die Hausbesitzer, sondern auch die Stadt Böblingen sowie die Energieversorger, deren Straßen und Leitungen ebenfalls durch die Hebungen in Mitleidenschaft gezogen sind.

Bevor es zu diesem Verfahren kommt, hat der Gesetzgeber jedoch eine hohe Hürde gesetzt: Alle Betroffenen müssen diesem Vorgehen zustimmen. "Wenn nur einer sagt, da mach' ich nicht mit, scheitert das", erklärte Stefan Löschner. Dann müsste ein Gericht entscheiden - falls es von einem Betroffenen angerufen wird.

"Frühere Schäden werden ausgegrenzt"

Bei der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE), in der rund 100 Geschädigte vereint sind, haben die Nachrichten von der Allianz für Licht und Schatten gesorgt. "Wir sind erfreut darüber, dass die Allianz die Schuld des Bohrunternehmens anerkennt", sagte Sprecher Thomas Treutler. Mit den übrigen Ergebnissen zeigte er sich weniger zufrieden. Sowohl die Schadenshöhe wie auch die Anzahl der Schadensfälle sehe man bei der IGE anders, betonte er.

Treutler kritisiert auch, dass die Versicherung sich weigert, Schadensfälle vor dem Oktober 2011 zu übernehmen, obwohl die ersten Erdwärmebohrungen bereits im Jahr 2008 stattfanden. "Frühere Schäden werden damit ausgegrenzt", betonte er. Allianz-Mann Löschner begründet dies damit, dass das Schiedsverfahren, mit dem die Haftung der drei beteiligten Versicherungen auf die Allianz übertragen wurde, nur diesen Zeitraum abdecke. Eine andere Regelung würde die Einigung der Versicherung gefährden.

"Wichtig ist für uns, dass alle Schäden reguliert werden", erklärte Thomas Treutler und ließ durchblicken, dass auch das Land oder die Eigentümer der Sonden in Betracht kämen, wenn es um weitere Schadensregulierungen gehe. Dies zu klären und die entsprechenden Schritte zu unternehmen, sei nun die Sache des Anwalts, der die Gutachten zunächst prüfen und auswerten muss.

Landrat Roland Bernhard stellte sich am Freitag in einer Stellungnahme auf die Seite der Hebungsopfer. Er begrüßte, dass die Allianz die betroffenen Hausbesitzer entschädigen möchte. "Damit", schreibt er in einer Pressemitteilung, "erkennt die Versicherung zum ersten Mal an, dass die Bohrfirma fehlerhaft gehandelt hat". Nicht ohne weiteres nachvollziehbar seien für ihn indes die Einschränkungen, die die Versicherung bei der Schadensregulierung mache. Dies bedürfte einer eingehenden Erörterung. "Wir werden nun wie bisher die IGE dabei unterstützen ihre Ansprüche geltend zu machen", versprach Bernhard. Das Landratsamt werde daher das Angebot der Allianz an die Geschädigten und die Gutachten eingehend prüfen.