Erdhebungen

Für Sanierer wird Thaumasit zum Trauma

Pastöses Mineral macht Verpressung der Sonden für Erdwärme unmöglich - Abzug der Baustelle in Böblingen - Neues Verfahren

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    Bis die Firma Keller ein neues Sanierungsverfahren entwickelt hat, zieht sie ihre Baustelleneinrichtungen in Böblingen ab Foto: Thomas Bischof/Archiv

Vier Bohrungen vor Schluss der Sanierung im südlichen Hebungsgebiet von Böblingen werden die Arbeiten ausgebremst. Im Untergrund widersetzt sich das Mineral Thaumasit. Nun müssen die Sanierer ein neues Verfahren entwickeln. Dies kann Monate dauern.

Artikel vom 01. April 2016 - 04:48

BÖBLINGEN. Landrat Roland Bernhard sah sich in Sachen Sanierung der schadhaften Erdwärmesonden schon auf der Zielgeraden, "und jetzt werden wir abgefangen", bedauerte er gestern in einem Pressegespräch. Die mit der Verpressung der Sonden beauftragte Firma Keller wird ihre Baustelleneinrichtung abziehen. Im heimatlichen Renchen soll ein neues Verfahren entwickelt werden, mit dem die Sanierer dem Bremsklotz Thaumasit zu Leibe rücken können.

Denn am Ende bekamen die Arbeiter kaum noch Zement in den Sonden verpresst. Stattdessen spülten sie mit dem Wasser, das feine Risse in die Schläuche schneidet, eine "zähflüssige Masse" mit ans Tageslicht. Aus "Zement, Wasser und sulfathaltigem Gestein" bildete sich laut Dr. Klaus Kleiner vom Gutachterbüro Vees bei niedrigen Temperaturen das Mineral Thaumasit. Was auch am falschen Zement liegen kann, den die ausführende Firma Gungl verwandte, wie der Landrat anmerkte.

Die "milchige, leicht joghurtartige Masse", wie Norbert Schuhmacher von der Firma Keller das Thaumasit beschrieb, machte die Sanierung der vier verbliebenen Sonden unmöglich. "Für uns handelt es sich um Traumasit", merkte Schuhmacher ironisch an und beschrieb die Wirkung der zähen Masse: "Der Schneidschlauch, mit dem wir die Schlitze in die Sondenwände schneiden, ließ sich nicht mehr ziehen, wir bekommen kaum Suspension rein."

Da sich die Masse mit dem Zement, der in die schadhaften Sonden verpresst wird, nicht verdrängen lässt, funktioniert die bisherige Sanierungstechnik nicht mehr. "Wir brauchen größere Löcher, ohne Rand und Bart", beschreibt Schuhmacher die Herausforderung. Doch "dafür gibt's kein Patentrezept, solche chirurgischen Instrumente gibt es nicht", weiß Jochen Weinbrecht, der Leiter des Amtes für Wasserwirtschaft. Vor Ort habe man weitere Schneidversuche in den Schläuchen gemacht, die Schlitze seien aber in kürzester Zeit zu gewesen. Deshalb habe man nun zwei Modelle in Auftrag gegeben: Eines für einen breiteren Schnitt und ein Stanzwerkzeug, um ein Loch in die Wand zu stanzen. "Wir können diese Versuche aber besser bei uns im Bauhof durchführen", erläutert Schuhmacher, warum die Tests nicht vor Ort in Böblingen gemacht werden. Dort habe man einen 35 Meter tiefen Brunnen, um die Werkzeuge zu testen. "Wir brauchen jetzt einen Geistesblitz und Glück", macht Schuhmacher deutlich, dass man hier absolutes Neuland betritt.

Deshalb mochte gestern auch niemand einen Zeitplan für die Wiederaufnahme der Sanierungsarbeiten an den verbliebenen vier Löchern aufstellen. Was laut Weinbrecht aber weniger gravierend ist, weil "die letzten vier Löcher weniger auffällig waren". Beim Landratsamt geht man davon aus, dass die Werte für die Hebungen, die im April veröffentlicht werden, dies bestätigen. "Thaumasit ist besser als Luft und Wasser um die Sonden", sieht der Leiter der Wasserwirtschaft keinen Grund zur Panik, schließlich habe man nach Prioritäten saniert. Und alle warnten vor einem Schnellschuss, der mehr schaden als nützen könne.

Derweil will der Landrat bei einem Treffen mit der Bürgerinitiative über das Vorgehen in Sachen Entschädigung sprechen. Die setzt dabei vorerst auf das Schiedsverfahren, das bis zum Jahresende stehen soll.