Erdhebungen

Die Experten sprechen Klartext

Landesamt für Geologie: Fehlerhafte Geothermiebohrungen sind für die Erdhebungen im Böblinger Nordosten verantwortlich

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Jetzt ist es amtlich: Die defekten Geothermiebohrungen sind verantwortlich für die Erdhebungen in Böblingen. Zumindest für das nördliche Gebiet kommt das Landesamt für Geologie mit seinem Gutachten zu diesem Ergebnis.

VON MICHAEL STÜRM

Artikel vom 13. Januar 2016 - 09:22

BÖBLINGEN. Es wurde lange erwartet und immer wieder verschoben, jetzt ist es öffentlich: Das Landesamt für Geologie (LGRB) präsentierte gestern sein Gutachten zu den Erdhebungen im Nordosten der Stadt.

Die Sicht der staatlichen Bergbauexperten (siehe auch Hintergrund) auf den quellenden Untergrund in Böblingen überrascht nicht, lässt aber auch keine Zweifel aufkommen: Die zwei Erdwärmesonden, die Ende September/Anfang Oktober 2008 in der Siemensstraße 130 Meter tief in die Erde getrieben wurden, haben dazu geführt, dass sich die Erde in der Nachbarschaft bis zu 45 Zentimeter gehoben und Schäden an Gebäuden und Leitungen in Millionenhöhe verursacht hat.

"Heute ist ein Meilenstein erreicht", betonte Prof. Dr. Ralph Watzel, der Leiter des LGRB, vor rund 100 von den Erdhebungen betroffenen Bürgern. Über ein Jahr lang habe seine Behörde "mit großer Sorgfalt und Umsicht" die Vorkommnisse im Untergrund des nördlichen Erdhebungsgebietes untersucht. Ähnlich sah es Landrat Roland Bernhard. Er bezeichnete diesen Dienstag als "einen wichtigen Tag", weil nun ein unabhängiges Institut nachweise, dass undichte Erdwärmesonden zu den Hebungen und Schäden in Böblingen geführt haben. "Wir brauchen diese Kausalität", erklärte Bernhard mit Blick auf die Regulierung der Schäden mit den Versicherungen.

Auf 157 Seiten haben die Experten der Landesbehörde Daten, Messungen und Erkenntnisse ausgewertet, die sie in den vergangenen Monaten gesammelt haben. Dr. Clemens Ruch und Dr. Rupert Prestel, an der Studie beteiligte Mitarbeiter des Landesamtes, brachten den Betroffenen gestern knapp 90 Minuten lang das Ergebnis ihrer Untersuchungen mit ausdifferenzierten Erklärungen nahe. Die beiden präsentierten mehrere Fakten, die den Experten als Beweise gelten, dass die Geothermiebohrungen die Ursache für die Hebungen sind.

Da ist zum Beispiel die geringe Distanz von nur hundert Metern von den Bohrlöchern bis zum Zentrum der Hebungen sowie die zeitliche Nähe von Bohrungen und ersten Hebungsbewegungen. Clemens Ruch zeige Satellitenaufnahmen, die demonstrieren, dass nur wenige Wochen nachdem die Sonden in der Erde waren, eine steile Hebungskurve nachzuweisen ist.

Als weiteres Indiz nannte Ruch auffällige Temperaturanstiege in den tieferen Bereichen der Erdwärmesonden - ein Effekt, der bei einer chemischen Reaktion entstehe und klar mache, dass der an dieser Stelle zwischen 56 und 114 Metern Tiefe vorkommende Anhydrit in Gips umgewandelt worden sei. Die Folge: Das so genannte "Gipskeuperquellen", das die Erdhebungen hervorgerufen habe.

Klar verneinen können die Geologen, dass diese Ausdehnung des Gipskeupers von durchlässigen Schichten im Grundwasserbereich verursacht worden sind. Genauso scheiden für die Leute vom LGRB die Mineralwasserbohrung bei der benachbarten Mineraltherme und ein Erdbeben als Ursache der Erdhebungen aus. Dies, heißt es in dem Papier, "kann auf Grundlage aller vorliegenden Erkenntnisse ausgeschlossen werden". Dafür spreche auch, dass die Hebungen abgeklungen seien, nachdem die defekten Sonden saniert worden waren.

Landrat und Oberbürgermeister machen den Versicherungen Dampf

Auch die 4500 Liter Spezialzement, die bei der Reparatur der Sonden zur Abdichtung in den Untergrund gepresst werden mussten, werten die Gutachter als Zeichen, dass bei den Bohrungen etwas schief gelaufen sein muss. "Wenn da so viel reinpasst, muss etwas undicht sein", meinte Ruch. Die hohe Aufnahmemenge belege, dass in beiden Erdwärmesonden keine wirksame Abdichtung nach außen vorhanden gewesen sei.

Eindeutig ist für die Vertreter des LGRB auch, dass die Sanierungsversuche der beiden Sonden erfolgreich verlaufen ist: Schon bald nach der Abdichtung haben die Satelliten einen Rückgang der Hebungen an die Erde gefunkt. Für Clemens Ruch ist dies ein weiterer eindeutiger Hinweis, dass Sonden und Erdhebungen unmittelbar miteinander zusammenhängen.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse bekundete der Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Lützner, nun "klare Worte der Versicherungen einzufordern". Auch der Insolvenzverwalter der bankrotten Bohrfirma Gungl könne die Ansprüche der Geschädigten jetzt nicht mehr zurückweisen. "Mit diesen Fakten", prophezeite Lützner, "können wir den Zug vorwärts bringen".

Auch für den Landrat ist seit gestern juristisch alles wasserdicht: "Es gibt für die Erdhebungen keine anderen Ursachen als die defekten Geothermiesonden. Punkt. Basta", erklärte Roland Bernhard. Das sei nun "glasklar" bestätigt. Mit diesen Erkenntnissen werde er sich auch nochmals per Brief an die Versicherungen wenden, versprach er. Diese müssten nun den ursächlichen Zusammenhang von schadhaften Bohrungen und Erdhebungen anerkennen und rasch ein Schiedsverfahren zur Klärung der Haftungsverantwortung in Gang bringen. (siehe auch Hintergrund).