Erdhebungen

Der Satellit funkt hoffnungsvolle Signale

Erdhebungen: Vor allem im Böblinger Norden scheint sich der Untergrund langsam zu beruhigen - Ein Zusammenhang mit den Sondensanierungen wird deutlich

Die Erdhebungen scheinen eingedämmt. Vor allem im nördlichen Hebungsgebiet hat sich die Erde in den vergangenen Monaten langsamer ausgedehnt als zuvor. Deutlich wurde auch, dass die Hebungen in dem Moment nachgelassen haben, als die Geothermiesonden saniert waren. Für den Landrat ein weiterer Beweis, dass die Bohrungen Ursache für die Hebungen sind.

VON MICHAEL STÜRM

Artikel vom 20. Oktober 2015 - 10:02

BÖBLINGEN. "Jetzt kann sich niemand mehr wegducken", sagte Landrat Roland Bernhard gestern bei einer Pressekonferenz mit Blick auf die Versicherungen der Bohrfirma. Munition für diese Einschätzung lieferte dem Kreischef ein Satellit, der in 500 Kilometern Höhe über Böblingen hinwegfliegt. Jeden elften Tag wirft das Gerät der Airbus-Unternehmensgruppe im Auftrag des Landratsamtes ein ganz genaues Auge auf die Erdhebungsgebiete (siehe Hintergrund) und kann so ganz genau die Veränderungen der Erdoberfläche an dieser Stelle aufzeigen.

Was das Überwachungsgerät zwischen März 2014 und September 2015 aufgezeichnet hat, sorgte gestern bei einer Pressekonferenz für Zufriedenheit in der Landkreisverwaltung: Bis Anfang 2015 hob sich die Erde im nördlichen Hebungsgebiet rund um die defekte Geothermie-Bohrung in der Siemensstraße noch mit bis zu fünf Millimetern pro Monat. Seit Januar ist die Tempokurve, die der Satellit Richtung Erde funkt, deutlich flacher: Nur noch zwei Millimeter pro Monat hebt sich der Untergrund dort seither. "Eine tolle Botschaft", befand Roland Bernhard.

Diese Entwicklung scheint nun das, was eigentlich schon lange klar war, aber mühsam mit Fakten unterlegt werden muss, ein weiteres Mal zu bestätigen: Die undichten Geothermiebohrungen sind für die Erdhebungen verantwortlich. Denn nachweisbar ist nun, dass ab dem Moment, wo die Sanierer die undichten Sondenschläuche in der Siemensstraße verpresst haben, das Hebungstempo deutlich nachgelassen hat. Für den Landrat war dies gestern auch Anlass zu vorsichtigem Optimismus für die Zukunft: "Die neuesten Messungen machen sogar Hoffnung, dass die Hebungen im Norden bald ganz zum Stillstand kommen", meinte er. Für eine Entwarnung sei es zwar noch zu früh, "aber wir sind guter Dinge."

Diese Zuversicht dehnte Bernhard gestern auch auf das südliche Hebungsgebiet aus: Statt drei Millimeter nur noch zwei Millimeter Hebung pro Monat, lautet hier die Botschaft aus dem All. In diesem Quartier befinden sich die Sanierungen noch in vollem Gange. "Auch da sind wir optimistisch, dass die Sanierungen greifen", sagte der Landrat. Seine Erkenntnis: Die fünf Millionen Euro Sanierungskosten, die das Landratsamt vorgeschossen hat, "sind nicht versenkt". Erleichtert zeigte sich Roland Bernhard auch darüber, dass der Mut, die Sanierungen unmittelbar auszuführen, belohnt worden seien.

Das besondere Augenmerk des Landrats richtete sich gestern jedoch auf die Forderungen, die die Daten vom Satelliten nun erlaubten. Bernhard nannte die Ergebnisse einen "Aufschrei an die Versicherungen", sich jetzt auf eine Schadensregulierung zu einigen. Wie mehrfach berichtet, hat die verantwortliche Bohrfirma Gungl drei Versicherungen, die sich streiten, wer für die Schäden an den knapp 200 Gebäuden aufkommt. Im Raum steht eine hohe zweistellige Millionensumme. Bernhard bezeichnete diese Konstellation als "blöde Situation". Er forderte die Unternehmen auf, nicht lange auf ein Schiedsgerichtsverfahren zu setzen, sondern unter dem Eindruck der Messergebnisse sich zu einem Konsortium zusammenzuraufen, das zumindest rasch Mittel für Sofortmaßnahmen der Betroffenen bereitstellt. "Zeigen Sie den Geschädigten ein Gesicht", appellierte der Landrat an die Versicherungen, "das Pokerspiel darf nicht zum Nachteil der Geschädigten ausgehen."

Ähnlich äußerten sich auch die Vertreter der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE), in der sich rund 120 Geschädigte zusammengeschlossen haben. Von "zeitnaher und schneller Hilfe" hätten die Versicherungen eine andere Auffassung wie die IGE, betonte Dieter Eger von der Interessengemeinschaft, der vor allem eine dringende Regelung zu Gutachten für Sofortmaßnahmen forderte.

Roland Bernhard zeigte Verständnis für die Ungeduld der Geschädigten und signalisierte, dass auch bei ihm die Geduld endlich sei, wenn die Hängepartie sich noch länger hinziehe. "Irgendwann", forderte er die Versicherungen auf, "muss mal Kohle fließen." Er wolle sein Bestes leisten, versicherte er. "Ich bin aber nicht die Versicherung und nicht der Umweltminister, sondern nur Landrat", betonte er.

So langsam, stellte Bernhard fest, sei der Zeitpunkt gekommen, um im nördlichen Hebungsgebiet mit dringenden Sanierungsmaßnahmen durchzustarten. Wann sein Geduldsfaden reißt, machte der Kreischef bereits im Sommer deutlich: Beim Besuch im südlichen Hebungsgebiet kündigte er im Juli ein "öffentliches Notprogramm" an, "wenn sich binnen eines Jahres nichts tut".