Erdhebungen

Der Untergrund beruhigt sich

Erdhebungen in Böblingen: Über die Hälfte der defekten Bohrungen sind saniert - Verantwortung der Bohrfirma ist kaum mehr wegzudiskutieren

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    Ortstermin: Landrat Roland Bernhard (l.) und die betroffenen Bürger lassen sich von einem Experten die Erkundungsbohrung im Bereich des Heinrich-Heine-Wegs erläutern KRZ-Foto: SRC

Im Kampf gegen die Erdhebungen gibt es weitere Erfolge zu vermelden: Zehn von siebzehn defekte Bohrungen sind erfolgreich saniert. Beim Besuch des südlichen Hebungsgebietes versicherte der Landrat den Betroffenen erneut seine Unterstützung.

Artikel vom 25. Juli 2015 - 15:42

BÖBLINGEN. Eins war nach dieser "guten Kunde", die Roland Bernhard den Bewohnern bei seinem Besuch im Hans-Thoma-Weg überbrachte, nicht mehr wegzudiskutieren: "Die Ursache für die Erdhebungen ist damit klar", erklärte der Landrat. Rund 13 000 Liter Zementsuspension haben die Experten der Sanierungsfirma in die Erde rund um die acht undichten Bohrsonden im benachbarten Heinrich-Heine-Weg gepumpt. "Solch eine Menge, "geht da nur rein, wenn die Bohrungen unsachgemäß ausgeführt wurden", erläuterte Bernhard.

Dieser Fakt ist für den Kreischef ein wertvolles Argument, wenn es demnächst in die Auseinandersetzung mit den Versicherungen geht: Am 27. August hat er hochrangige Vertreter von AIG, Allianz und Württembergischer Versicherung zu sich ins Landratsamt gebeten. Bei diesen drei Unternehmen ist die verantwortliche Bohrfirma Gungl versichert und mit deren bisherigen Verhalten ist der Landrat alles andere als glücklich. Die hätten sich bisher den Schwarzen Peter gegenseitig zugeschoben, statt eine Schadensübernahme anzuerkennen. Das möchte Roland Bernhard nun nicht mehr akzeptieren. "Ich werde Tacheles reden", versprach er den rund 80 Anwesenden, "die Versicherungen haben schließlich einen Ruf zu verlieren".

Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner versicherte dem Landrat die volle Unterstützung der Stadt zu. Er äußerte sich vorsichtig optimistisch, dass die Hebungen gestoppt werden und formulierte die Hoffnung, dass bald alle Sonden saniert sein werden. Großes Lob fand Lützner für die rund 200 Hausbesitzer, die den Großteil der geschätzten 60 Millionen Euro Schäden, erlitten haben. "Ich bin Ihnen dankbar, dass sie die Emotionen zurückhalten", sagte er, "ich kann nachvollziehen, was es bedeutet, wenn das Lebenswerk gefährdet ist".

Schlagabtausch mit dem Kritiker

Jürgen Weinbrecht, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes im Landratsamt, war die Erleichterung über die erfolgreichen Sanierungen anzumerken. Er sprach von "großen Erfolgen" und einem "großen Glück", dass die verantwortliche Firma Keller ein Verfahren anwende, das den undichten Stellen mit minimalen Eingriffen zu Leibe rücke. "Sonst", erklärte er, "hätten wir hier riesige Löcher graben müssen".

Eine gute Nachricht hatte Jürgen Weinbrecht auch für das nördliche Hebungsgebiet mitgebracht, das bereits im vergangenen Jahr saniert worden war. "Dort hat sich an einzelnen Stellen die Hebungsgeschwindigkeit um zehn bis zwanzig Prozent verringert", berichtete er - ein Indiz, dass sich die Erde langsam beruhigt. Ob und bis wann wieder endgültig Ruhe in der Tiefe angesagt ist, konnte Weinbrecht nicht sagen: "Vor der Hacke ist es dunkel", laute ein alter Bergbau-Spruch, der auch für Böblingen gelte. Weitere Messungen aus der Luft sollen im Herbst neue Ergebnisse liefern.

Wie geht es nun weiter? Sieben Sonden müssen noch abgedichtet werden. In der kommenden Woche werden die Sanierer in den Herdweg und den Schliffkopfweg ziehen, ein halbes Jahr später sind dann die restlichen Bohrungen dran. Wenn alles gut geht, rechnete Jürgen Weinbrecht, könnte in einem Jahr die letzte undichte Stelle im Böblinger Untergrund geschlossen werden. Dann wird der Landkreis rund fünf Millionen Euro an die Sanierungsunternehmen für ihre Arbeit überwiesen haben. Ein Betrag, den das Land an die Kreiskasse zurückzahlen wird.

Zu einer kurzen Auseinandersetzung kam es, als der Landrat auf die Böblinger CDU-Kreisrätin Daniela Braun einging, die dem Landratsamt Fehler bei der Genehmigung der Bohrungen vorwirft und einen Nothilfefonds für die Betroffen fordert. Bernhard warnte vor diesem Ansinnen einer "Einzelinitiative". Dies sei ein "katastrophaler Fehler" und würde die Versicherungen in ihrer Zahlungsunwilligkeit unterstützen. Daniela Brauns Mann Hans-Peter unterbrach den Landrat daraufhin mehrere Male und warf dem Landkreis vor, "in 20 Fällen Mist gebaut" zu haben. Dafür erntete Braun deutliche Missfallensäußerungen der Anwesenden und einen Rüffel des Landrats, der sich gegen diese "beleidigende Art und Weise" verwahrte. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen", bekannte Roland Bernhard, der zuvor die IG Erdhebungen Böblingen, die rund 150 Geschädigte vertritt, für deren sachliche Arbeit lobte. Bernhard kündigte an, dass er bereit sei, "ein Notprogramm" mit öffentlichen Geldern zur Behebung der Gebäudeschäden aufzulegen, wenn es nicht gelinge, sich mit den Versicherungen binnen eines Jahres zu einigen.

Werner Schubert, Sprecher der IGE, appellierte an die Geschädigten besonnen zu bleiben und nannte es eine "unfassbare Freude", einen zaghaften Rückgang der Erdhebungen im Norden zu beobachten. Auch für ihn und seine Mitstreiter gibt es keine Zweifel, dass die Bohrfirma die Verantwortung für die Hebungen trage. Eine Klage gegen das Unternehmen werde daher gerade vorbereitet, da die angestrebte außergerichtliche Einigung gescheitert ist.

Auch Schubert setzt auf die Hoffnung, dass irgendwann einmal der Spuk im Böblinger Untergrund ein Ende hat. So lange überlässt er dem Galgenhumor erst einmal das Feld:. "Wir wohnen hier, wir bleiben hier", bekannte er, "ich glaube auch kaum, dass jemand mein Haus gerade kaufen würde".