Erdhebungen

Das erste Bohrloch ist abgedichtet

Erdhebungen: Die Sanierungen der Geothermiebohrungen zeigen Erfolg - Landrat lobt die Betroffenen für ihre Besonnenheit

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    Treff auf der Sanierungsbaustelle: Böblingens Oberbürgermeister Lützner und Landrat Bernhard informieren die Betroffenen über den Verlauf der Sanierungen / KRZ-Foto: Bischof

Die erste defekte Erdwärmebohrung ist erfolgreich saniert. Dies verkündeten Landrat Roland Bernhard und Oberbürgermeister Wolfgang Lützner am Mittwoch bei einem Besuch der Baustelle im nördlichen Hebungsgebiet.

Artikel vom 19. Dezember 2014

VON MICHAEL STÜRM

BÖBLINGEN. Im äußersten Nordosten der Stadt ist derzeit wenig von beschaulicher Waldrandlage zu spüren. Dort, wo die Bebauung endet, hat sich ein Lkw mit einem Huckepack-Bohrturm zwischen die Bäume gepflanzt, wenige Meter um die Ecke wird die Siemensstraße von Baucontainern zugestellt: Die Erdsonden-Sanierer haben sich im Wohngebiet gegenüber der Mineraltherme eingenistet.

Der Lkw mit dem Bohrturm gehört zur Firma von Frank Burkhardt. Der Bohrspezialist aus dem Nordschwarzwald hat hier sein Gerät 130 Meter tief in die Erde gedreht, um zu erkunden, wie es im Untergrund aussieht. Ab 56 Metern sind die Mannen fündig geworden: Anhydrit - jenes Material, das, wenn es mit Wasser in Berührung kommt, bis zu 60 Prozent an Volumen zunimmt und wohl für die Hebung der Erde verantwortlich ist. In der Nachbarschaft ist es mittlerweile ein halber Meter.

Vor Frank Burkhardt liegt ein "Bohrkern" - Material, das aus einer Tiefe zwischen 84 und 85 Metern stammt: "Ton, Tonmergel und Gipsknollen", erläutert Burkhardt. Ob auch hier Anhydrit vorliegt, muss eine Laboruntersuchung erst noch zeigen. Wichtig ist das Ergebnis dieser Erkundungsbohrung für die Männer in den gelben Kitteln, die wenige Meter weiter im Vorgarten eines Hauses die Sonden einer defekten Erdwärmebohrung angezapft haben.

Auch hier dringen die Mitarbeiter der Firma Keller ganz tief in die Böblinger Erde, wenn sie ein dünnes blaues Kabel durch das Ventil der Geothermiesonde fädeln: In 130 Meter Tiefe, am Ende der Bohrung, haben die Leute der Spezialfirma aus Südbaden damit begonnen, Wasser mit Hochdruck in den Sondenschlauch zu spritzen. 54 Mal wird die Sonde auf diese Weise eingeritzt. Durch die Löcher wird eine Zementsuspension gepresst, die die Bohrung und ihr Umfeld abdichten soll. 3000 Liter der Masse sind bei der ersten Sanierung in den Untergrund gespritzt worden. Nun ist sie dicht.

Dass es eine heikle Mission ist, mit der sie unterwegs sind, haben die Beteiligten bereits erfahren: Bei der zweiten Sonde, die derzeit saniert wird, ist ein Druckschlauch gerissen und in der Tiefe stecken geblieben. "Wir konnten das Problem lösen", erzählt Jochen Weinbrecht. Der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes klärt rund 100 Betroffene, die das Landratsamt und die Stadt auf die Baustelle eingeladen haben, über den Stand der Sanierungen auf. "Wir betreten hier teilweise Neuland", gesteht er. Weinbrecht hat aber auch eine gute Nachricht so kurz vor Weihnachten mitgebracht: Die erste Sondensanierung ist geglückt. "Ein Meilenstein", sagt er. Dies lässt die Hoffnung wachsen, dass auch die restlichen 15 Bohrungen, die im Verdacht stehen, undicht zu sein, saniert werden können.

"Ohne Atempause", versichert Landrat Roland Bernhard, werde der Sanierungstrupp Anfang Februar, wenn er hier seinen Job erledigt hat, in das südliche Hebungsgebiet wechseln. Am Dienstag habe er die Verträge für die dortigen Reparaturarbeiten unterzeichnet - "mit zittriger Hand", erzählt er. Schließlich gehe da "ordentlich Kohle" über den Tisch. Insgesamt werden wohl 4,5 Millionen Euro für die Sanierungen fällig. Geld, das der Landkreis vorschießt.

Nicht so gut zu sprechen ist der Landrat daher auf die drei Versicherungen der Firma, die die defekten Sonden gebohrt hat. Die streiten sich bisher darum, wer die Verantwortung für die Schäden übernimmt, statt zu bezahlen. "Ich erwarte, dass die jetzt aus der Deckung kommen, statt sich den Schwarzen Peter zuzuschieben", erklärt der Landrat.

Großes Lob vom Kreischef gibt es hingegen für die Besonnenheit der betroffenen Bürger, die an diesem Nachmittag zu einem Imbiss an der Baustelle eingeladen sind. "Ich schätze sehr, dass wir das in einem so ruhigen Fahrwasser hinbekommen", sagt Roland Bernhard und zollt den von Gebäudeschäden Heimgesuchten und den Vertretern der Interessengemeinschaft (IG) großen Respekt für ihr verständnisvolles Verhalten. "Das erleichtert das Geschäft", meint er. Dieser Ansicht ist auch Steffan Binde von der Firma Keller. Der zückt einen Scheck über 2000 Euro, um die weitere Arbeit der IG zu unterstützen. "Ich bin erstaunt, was diese Bürgerinitiative auf die Beine stellt", sagt er, "Hut ab vor so viel Sachverstand".

Obwohl die Situation für die Betroffenen äußerst belastend ist, möchte Werner Schubert, einer der IG-Geschäftsführer, an diesem Tag wenigstens ein bisschen "feiern". "Ich habe das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt er. Das sei Anfang des Jahres nicht offensichtlich gewesen. Dennoch weiß Schubert, dass die nun begonnenen Sanierungen nur der Anfang eines langen Weges sind. Denn vor den Menschen stehe im Anschluss eine weitere "große Geschichte": Der Kampf um die Regulierung der Gebäudeschäden. Und da geht es um eine Dimension im mittleren zweistelligen Millionenbereich.