Erdhebungen

Sind Geothermiebohrungen bis Ende 2015 dicht?

Erdhebungen: Experten informieren die Geschädigten

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    Experte in Aktion: Ein Mitarbeiter der Firma Keller arbeitet an den Sondenverbindungen der Geothermieanlage in der Siemensstraße KRZ-Foto: Thomas Bischof

Artikel vom 11. November 2014 - 18:00

BÖBLINGEN. Ein Jahr nachdem die Erdhebungen in Böblingen öffentlich wurden, haben die Fachleute im Oktober mit der Sanierung der ersten defekten Erdwärmebohrung in der Siemensstraße begonnen. Um die Interessen der Besitzer der mittlerweile 190 geschädigten Häuser zu bündeln, wurde im März die Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) gegründet. Am Freitag trafen sich rund 120 Mitglieder, um sich von den Fachleuten über den Stand der Sanierungen informieren zu lassen.

 

DIE AKTUELLE SCHADENSLAGE: 190 gemeldete Schäden, 17 Häuser sanierungsbedürftig, sechs Gebäude abgestützt, eines nicht mehr bewohnbar - dies ist die bisherige Bilanz, die Werner Schubert, einer der beiden IGE-BB-Geschäftsführer, vorlegte.

 

DIE HEBUNGEN SCHREITEN FORT: Die Erde im Böblinger Osten bewegt sich weiter. Jochen Weinbrecht, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes im Böblinger Landratsamt, wartete mit ganz aktuellen Daten auf, die das belegen: Seit Februar ist ein Satellit damit beschäftigt, die beiden Hebungsgebiete regelmäßig zu erkunden. "Damit sind sehr genaue Messungen möglich", erklärte Weinbrecht. Die Ergebnisse liefern Beweise für fortdauernde Aktivität im Untergrund. Im nördlichen Gebiet hat sich die Erde im letzten halben Jahr um bis zu vier Zentimeter gehoben, im südlichen Gebiet waren es bis zu 2,5 Zentimeter.

 

WIE WIRD SANIERT?: Steffan Binde von der Firma Keller im badischen Renchen machte dem Publikum deutlich, dass das, was das Spezialunternehmen für Tiefbau mit der Sondensanierung in Böblingen unternimmt, kein Alltagsgeschäft ist. "Wir haben es hier mit einem diffizilen Problem zu tun", erläuterte er. "Das ist jedes Mal anders". Binde erläuterte die Sanierungsüberlegungen - vom gigantischen Bohrring bis zur minimalinvasiven Lösung, die bereits im südbadischen Staufen angestellt wurden.

Auch dort, im wohl weltweit bisher größten Erdhebungsfall, hat die Firma Keller die Bohrsonden saniert. In Böblingen wird nun wie in Staufen eine Sanierung durch die existierenden Bohrsonden angewandt. "Wie bei einem Herzkatheter", erklärte der Experte, werde ein Schlauch in die Sonde geführt. Durch diesen Schlauch wird Wasser mit Hochdruck gepumpt. Damit kann die Sonde mittels Düsen in regelmäßigem Abstand mit Wasserdruck aufgeschnitten werden. Durch die entstandenen Löcher wird dann eine Zementmasse durchgespritzt. Diese soll den defekten Ringraum der Bohrung und die Risse im umliegenden Gipskeuper abdichten.

 

DER ZEITPLAN: "Alle 17 bisher untersuchten Sonden sind so auffällig, dass sie saniert werden müssen", erklärte Jochen Weinbrecht. Quasi als Abfallprodukt der Erkundungen entdeckten die Behörden, dass auf einem Gelände rund 40 Meter tiefer gebohrt wurde als genehmigt. Ein Fakt, der seine Behörde noch zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen werde, sagte Weinbrecht. Falls sich alle in Verdacht stehende Bohrungen als defekt erweisen, müssen insgesamt 20 Sonden saniert werden.

Sofern es keine Problem gibt, geht Weinbrecht davon aus, dass laut aktuellem Zeitplan die Sanierung in der Siemensstraße im Januar beendet sein wird. Anschließend sollen die Geothermie-Bohrungen im Heinrich-Heine-Weg bis Juni 2015 saniert werden. Danach werden die Experten im Herdweg bis November zugange sein. Die letzten Sanierungen finden dann im Gansseeweg statt. Im günstigsten Fall könnten Ende 2015 alle Bohrungen dicht und damit die Ursachen für die Erdhebungen behoben sein.

 

WARUM GEHT'S NICHT SCHNELLER?: Eine Frage, die die Betroffenen immer wieder umtreibt und die bei Jochen Weinbrecht auf Verständnis stieß. "Das Problem ist die Sicherheit", sagte Weinbrecht. Die Firma Keller besitze "nur ein Top-Team, das bestens geschult ist", beteuerte Weinbrecht. Das befinde sich in Böblingen. Ein zweites Team sei derzeit im Aufbau und könnte eingesetzt werden, wenn es ausgebildet ist. Dies setze jedoch auch die doppelte Menge an Geräten voraus, gab er zu bedenken. "Unsere Devise ist Sicherheit vor Schnelligkeit", betonte Weinbrecht und hielt dafür einhelligen Applaus.

 

PROGNOSE: Wenn die Sonden saniert sind, da sind sich die Experten einig, werden die Hebungsbewegungen noch lange nicht beendet sein. Steffan Binde verwies jedoch auf die Erfolge, die die Sanierungen in Staufen hervorbrachten: Dort haben sich in den vergangenen sechs Jahren die Hebungsbewegungen um 60 Prozent verringert. Zu einer Garantie für einen 100-prozentigen Erfolg wollte sich jedoch auch Steffan Binde nicht hinreißen lassen. "Wir machen hier einen Feuerwehreinsatz", gab er zu bedenken. Und ergänzte: "50 Jahre Gewährleistung können wir nicht geben."