Erdhebungen

"Veränderungen bekommen wir schnell mit"

Erdhebungen: In Böblingen wurde insgesamt 200-mal nach Erdwärme gebohrt - Interview mit Martin Steinacker vom Wasserwirtschaftsamt

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    Ohne Stütze, wie hier in einem Haus im nördlichen Hebungsgebiet, geht nichts mehr: Dort sollen nun die Sonden-Sanierungen beginnen. 200-mal an 60 Standorten wurde im Böblinger Stadtgebiet insgesamt nach Erdwärme gebohrt. Im Landratsamt sieht man zurzeit keine Anzeichen für weitere defekte Anlagen KRZ-Foto: Thomas Bischof
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    Martin Steinacker

Rund 20 defekte Geothermie-Bohrungen sind für die Erdhebungen in Böblingen verantwortlich. Weitere 180-mal wurde nach Erdwärme im Stadtgebiet gebohrt. Wie groß ist das Risiko weiterer Hebungen und wie sind die Erfolgsaussichten bei den Sanierungen? Martin Steinacker vom Wasserwirtschaftsamt nimmt Stellung.

Artikel vom 30. September 2014 - 13:06

BÖBLINGEN. Vor rund einem Jahr keimte der Verdacht auf: Sind Erdwärmebohrungen verantwortlich dafür, dass immer mehr Häuser im Norden und Osten der Stadt Böblingen Risse bekommen? Mittlerweile zweifelt niemand mehr wirklich daran, dass rund 200 Hausbesitzer Opfer von Erdhebungen geworden sind. Undichte Geothermie-Bohrsonden sollen diese wiederum ausgelöst haben.

Das Böblinger Landratsamt hat jetzt Bilanz gezogen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass in den vergangenen zehn Jahren 200-mal in Böblingen nach Erdwärme gebohrt worden ist (siehe auch Artikel rechts). Vor allem im Norden und Osten der Stadt. Martin Steinacker ist im Wasserwirtschaftsamt des Landkreises Böblingen der Experte für dieses Thema. Der 54-Jährige Diplom-Geograph und Geologe ist in der Behörde unter anderem zuständig für die Geothermie.

 

200-mal wurde in den vergangenen zehn Jahren in Böblingen nach Erdwärme gebohrt. Beschleicht da den Fachmann nicht ab und an ein ungutes Gefühl, wenn rund 20 dieser Bohrungen bereits zu massiven Erdhebungen geführt haben?

Nein. Denn momentan gibt es keine Anzeichen, dass weitere Bohrungen defekt sind. Aber ich kann die Zukunft nicht vorhersagen. Wie das in fünf bis zehn Jahren aussieht, kann niemand sagen.

 

Es gibt Befürchtungen, dass irgendwann einmal 200 Bohrsonden-Sanierungen drohen.

Bei einer undichten Bohrung müssen zunächst einmal einige Faktoren auf ungünstige Weise zusammenkommen: Die Bohrung muss mangelhaft ausgeführt sein, und es muss Wasser vorhanden sein. Für Befürchtungen, dass alle Bohrungen in Böblingen einmal undicht sein werden, gibt es daher keinen Anlass. Wir haben aber die Situation im Blick, da wir das Stadtgebiet mit Satellitenaufnahmen beobachten. Dadurch würden wir Veränderungen sehr schnell mitbekommen.

 

Viele Menschen befürchten einen Dominoeffekt: Intakte Bohrungen in bisher nicht betroffenen Gebieten in Böblingen könnten durch die Hebungsbewegungen ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen und undicht werden.

Solche möglichen Entwicklungen haben wir sehr wohl im Blick. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, im Hebungsgebiet auch Bohrungen zu sanieren, bei denen wir nicht zu 100 Prozent sagen können, ob sie schadhaft sind, die aber wegen ihrer Lage gefährdet sind.

Wann starten die Sanierungen?

17 Bohrungen werden saniert. Wir beginnen Mitte Oktober mit zwei Bohrungen im Norden. Die restlichen Sonden werden dann Zug um Zug saniert. Wir hoffen, Anfang nächsten Jahres im Norden fertig zu sein (siehe Artikel nebenan).

 

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?

Wir tun unser Möglichstes mit dem, was der Stand der Technik aktuell bietet. Da sind wir gut aufgestellt. Ich bin deshalb zuversichtlich und gehe davon aus, dass wir alle Sonden dicht bekommen.

 

Bei manchen Bohrungen soll nur ein Sanierungsversuch möglich sein.

Ja. Es besteht in der Tat nur eine eingeschränkte Auswahl an Sanierungsmöglichkeiten. Wir verwenden jedoch das Verfahren, die Firma und das Personal, das auch die Sonden in Staufen erfolgreich abgedichtet hat und können daher auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Ich gehe davon aus, dass die Sanierungen deshalb auch bei uns funktionieren. Eines ist aber auch klar: Wir müssen jetzt handeln und können nicht warten, bis vielleicht eine bessere Technik auf dem Markt ist.