Erdhebungen

Schäden, die "mehr als bedrücken"

Erdhebungen: Umweltminister Untersteller verspricht beim Besuch in Böblingen eine sofortige Reparatur der defekten Bohrsonden

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    Hausbesitzer Dieter Eger zeigt Umweltminister Franz Untersteller (l.) und Landrat Roland Bernhard (r.), wie sein Keller gestützt werden muss

Ein erster Durchbruch ist geschafft: Anlässlich seines Besuchs bei den von den Erdhebungen betroffenen Bürgern sicherte Umweltminister Franz Untersteller gestern die umgehende, 4,5 Millionen teure Sanierung der Erdwärmebohrungen zu.

Artikel vom 05. Juli 2014 - 18:06

BÖBLINGEN. Dieser Botschaft, die von rund 100 betroffenen Bürgern bei einer Aussprache mit dem Minister im Martin-Luther-Gemeindehaus mit lautem Beifall bekundet wurde, ging ein Besuch Unterstellers zweier stark geschädigter Gebäude voraus.

In der Altinger Straße bereiten die in der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) zusammengeschlossenen Bürger dem Mann aus der Stuttgarter Regierung einen Empfang, der deutlich macht, was sie umtreibt und was sie von dem Minister erwarten. "Zerstörte Häuser, zerstörte Lebensplanung", "Schuldlos ruiniert", ist auf knallgelbe Plakate gedruckt, "ein halbes Jahr Verzögerung, 2,5 Zentimeter Hebung" beklagt ein anderes Transparent, "Sanierung sofort" lautet eine weitere Forderung.

Warum die "Geothermie Böblingen zerreißt", wie auf einem Plakat zu lesen ist, ist für Franz Untersteller vermutlich auf den ersten Blick nicht zu erkennen, als er sich mit seinem Tross dem schmucken Siedlungshäuschen von Dieter Eger nähert. Bei der Inspektion ist jedoch rasch das ganze Ausmaß zu erkennen, das aufquellender Gipskeuper im Boden angerichtet hat: Dicke Risse in den Mauern und Wänden, Dachrinnen, die sich vom Haus lösen, Fliesen, die nicht mehr passen, Stützen im Keller, Alt- und Neubau, die sich langsam voneinander trennen: Akribisch hat der Hausbesitzer die Schäden mit Schildern für den Gast dokumentiert und versenkt zur Verdeutlichung immer wieder den Meterstab in den Schäden, die die Kräfte im Untergrund an seinem Eigentum hinterlassen haben. Nicht unerwähnt lässt Eger auch die jahrelange Odyssee, die ihn bei den Behörden regelmäßig abblitzen ließ, als er darauf hinwies, dass irgendetwas rund um sein Haus nicht stimme.

Als der Minister wieder aus der Haustür tritt, ist die Erwartung bei den Wartenden groß: Johann Binder, Mitglied im Beirat der IGE-BB, erhofft sich, dass Untersteller eine finanzielle Unterstützung für die Sanierung der Bohrlöcher zusagt. Sein Kollege Jochen Schurer fordert, "dass er konkret sagt, wie es mit der Sanierung der defekten Bohrlöcher weitergeht - kurzfristig, ohne große Kostendiskussion". Denn nur dann könne in einigen Jahren an eine Sanierung der Häuserschäden gedacht werden.

In die gespannte Stille hinein bekennt der Minister, dass es "mehr als bedrückend" sei, was er gesehen habe. Vor allem deshalb, weil klar sei, dass die Schäden nicht zum Stillstand kämen. Und dann kommen die entscheidenden Sätze, mit denen vermutlich die meisten Anwesenden nicht gerechnet haben: "Wir werden die Sonden zeitnah sanieren. Um die Finanzierung müssen sie sich nicht kümmern, das ist unsere Sache. Da bekommen wir eine Regelung hin".

Landrat Roland Bernhard bleibt es dann anschließend bei der Unterredung im übervollen Saal des Martin-Luther-Gemeindehauses überlassen, zu übermitteln, was er in einem Gespräch mit dem Minister am Morgen vereinbart hat. "Wir werden die Sanierungen der schadhaften Bohrungen sofort in die Wege leiten", verkündet er. Der Minister habe zugestimmt, dass dies "ohne lange Prozesse und Vereinbarungen" geschehen könne. Die oberste Priorität sei, die Hebungen sofort zu stoppen. "Wir handeln jetzt, um das Geld werden wir später streiten", versichert Bernhard und benutzt das Bild von der Feuerwehr: "Die fragt auch nicht wer bezahlt, bevor sie zu löschen beginnt." Der Landrat hofft, dass nach den notwendigen Vorarbeiten im Herbst begonnen werden kann und Anfang 2015 alle Bohrungen dicht sind. Damit wäre die Voraussetzung geschaffen, dass die Hebungen gestoppt sind, die Erde sich wieder beruhigt, und sobald dies der Fall ist, die Häuser saniert werden können.

Dass dies kein finanzieller Pappenstiel ist, macht Roland Bernhard ebenfalls deutlich: Rund 1,5 Millionen Euro im nördlichen und 3 Millionen im südlichen Gebiet werden für die komplizierten und schwierigen Arbeiten, die nur wenige Spezialisten beherrschen, fällig.

Für Franz Untersteller ist jedoch klar, dass die Initiative des Landes nicht bedeute, dass der Steuerzahler für diese Sanierungen aufkomme. Es gebe hier einen Verursacher, nämlich die ausführende Bohrfirma. "Die Faktenlage ist erdrückend", betont der Minister. Dass diese Firma, deren Inhaber Erwin Gungl persönlich anwesend ist, sich der Verantwortung stelle, darüber sei er sehr dankbar, sagt Untersteller. Dennoch findet er deutliche Worte an das Unternehmen und dessen Versicherung: "Wo es einen Verursacher gibt, gibt es auch eine klare Adresse, an die die Rechnung zu schicken ist."

Untersteller kündigt ein Gespräch mit der Allianz-Versicherung an, um dort noch einmal zu verdeutlichen, dass nicht nur die Begleichung der Gebäudeschäden erwartet werde, sondern auch die Sanierungskosten der defekten Bohrungen. "Wir haben den Appell vernommen und werden diesen an die Versicherung weitergeben", bekundet Malte C. Günther, der die Bohrfirma und die Allianz anwaltlich vertritt.

Große Zufriedenheit äußert zum Abschluss Werner Schubert von der Interessengemeinschaft über die Zusage aus Stuttgart. Zuvor weist er den Minister eindringlich auf die Betroffenheit und die Ängste der rund 200 Familien hin, die in ihrem beschädigten Häusle einer ungewissen Zukunft entgegenleben. "Löschen Sie diesen Brand zügig und mit aller Kraft", fordert er den Minister auf.