Erdhebungen

Die Risse fordern einen Vollzeit-Nebenjob

Werner Schubert und Dieter Eger stehen an der Spitze der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen - Freitag kommt der Umweltminister

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    Kritischer Blick an die Kellerdecke: Die Geschäftsführer der IGE-BB Werner Schubert (links) und Dieter Eger / KRZ-Foto: Bischof

Die Böblinger Erdhebungsopfer haben sich zusammengeschlossen. Der vor wenigen Wochen gegründeten Interessen- gemeinschaft gehören mittlerweile 177 Gesellschafter an. Die Geschäftsführer Werner Schubert und Dieter Eger verleihen der organisierten Macht ein Gesicht.

Artikel vom 02. Juli 2014 - 04:36

BÖBLINGEN. Auf Dieter Egers Terrasse sitzt es sich nett. Viel Grün, wenig Einblicke, der Stadtrand nicht weit. Hier kann man es aushalten. Dennoch sitzt Eger seit längerer Zeit nicht mehr wirklich entspannt an diesem Ort. "Schauen Sie", sagt er und zeigt auf den Rasen, "hier war der Boden vor fünf Jahren noch um 45 Zentimeter tiefer". Der 56-Jährige lebt auf dem Scheitelpunkt des nördlichen Erdhebungsgebietes. Seit sich die Erde in Böblingen bewegt, verläuft die höchste Ausdehnungslinie mitten durch seinen Garten.

Was diese Wölbung anstellt, wird deutlich, wenn man Dieter Egers Haus betrachtet: Zentimeterbreit sind die Risse, die sich durch den Keller ziehen, die Fugen in den Fliesen werden breiter, der Anbau entfernt sich langsam vom Haupthaus, festverankerten Teilen hat der Hausherr längst überall Entlastung verschafft. Im Keller stemmen sich Stützen gegen die zerstörerische Kraft aus dem Untergrund, dass das Dach noch lange dicht hält, glaubt Dieter Eger nicht mehr.

Das Haus des Diplom-Kaufmanns zählt zu den am stärksten geschädigten Gebäuden in der Stadt. Nicht viel besser ist es um das Wohnhaus von Werner Schubert im südlichen Hebungsgebiet bestellt: "Ich kann die Risse, die sich im Keller gebildet haben, mittlerweile bis unters Dach verfolgen", erzählt der 46-Jährige. Die andere Hälfte des von ihm bewohnten Doppelhauses steht seit mehreren Monaten leer. Die Behörden sahen die Sicherheit für die Bewohner nicht mehr gewährleistet.

Manchmal landen Ungeduld und Zorn bei der IGE an

Schubert und Eger sind zwei von mittlerweile 190 geschädigten Hauseigentümern in der Stadt. Seit klar ist, dass die Schäden kein Zufall sind, haben sie sich mit einem Team von Mitstreitern dafür eingesetzt, dass sich die Behörden um Aufklärung kümmern. Seit einigen Wochen sind sie ganz vorne dran, wenn es darum geht, die Interessen der Geschädigten zu vertreten: Die Gesellschafter der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) haben sie zu ihren Geschäftsführern gewählt.

Spätestens seither haben die beiden nicht nur jede Menge Verantwortung zu tragen, sondern auch viele Erwartungen und Aufgaben zu erfüllen: Regelmäßige Treffen mit dem Beirat, Öffentlichkeitsarbeit, Kontakt zu den Mitgliedern, Austausch mit den Behörden, Besprechungen mit dem Anwalt, schauen, dass der Draht zur Politik nicht abreißt. Fest steht: Die Risse in ihren Häusern hat den beiden unfreiwillig einen Vollzeit-Nebenjob beschert. Zeit für andere Dinge? Bleibt da nicht mehr viel - "außer fürs Hausreparieren", stellt Dieter Eger sarkastisch fest.

Warum tut man sich das an? "Schauen Sie die Schäden hier an", erwidert Dieter Eger und deutet auf sein Haus, in das er vor über 20 Jahren eingezogen ist. Die Hoffnung, dass dem Spuk, der unter ihnen abgeht, so schnell wie möglich Einhalt geboten wird, hat Dieter Eger und Werner Schubert gemeinsam mit acht Beiräten zu Aktivisten gemacht.

"Ein bisschen wie bei der Elternbeiratswahl" sei es schon gewesen, schmunzelt Werner Schubert, Lehrer an einer beruflichen Schule, auf die Frage, ob es viele Freiwillige für dieses Amt gegeben habe. Dass sie sich als Betroffene organisieren mussten und es dafür auch treibender Kräfte bedarf, wurde vielen Erdhebungsopfern bereits im Herbst deutlich. Damals lud das Landratsamt zu einer ersten Infoveranstaltung ein und kam den Heimgesuchten viel zu zögerlich rüber. Danach war klar: Nur mit einem gemeinsamem Auftritt und gemeinsamer Organisation können die Bürger eine gewichtige Rolle spielen, wenn es um Aufklärung und Ansprüche, Untersuchungen und Entschädigung, um Schuld und Sanierung geht.

Dieter Eger und Werner Schubert sehen sich deshalb auch nicht als die Führungsfiguren. Das 10er-Team, in dem sich jede Menge Experten vom IT-Fachmann über Finanzkundige bis hin zu technisch versierten Ingenieuren befinden, ist der Kern der IGE, der zusammen nur ein Anliegen hat: Alles zu unternehmen, damit die Schäden so schnell wie möglich behoben werden.

Ein kleines Etappenziel haben die IGEler schon erreicht: "Seit wir so viele Mitglieder haben, werden wir anders wahrgenommen", empfindet Dieter Eger. "Wir treffen bei den Behörden auf offene Ohren". Dass die Anregungen der Betroffenen mittlerweile Aufmerksamkeit auf den Ämtern genießen, darüber ist Werner Schubert ein bisschen Stolz. Neulich, erzählt er, habe die Stadt Böblingen die älteren Betroffenen angeschrieben. Eine Sache, die den IGE-Leute schon lange am Herzen liegt, weil sie viele Senioren in der Nachbarschaft erleben, die oftmals völlig hilflos vor ihren beschädigten Häusern stehen. Auch im Landratsamt beobachtet Werner Schubert "einen Stimmungswechsel". Der Landrat habe es in den vergangenen Tagen an Deutlichkeit gegenüber dem Land und der Versicherung der Bohrfirma nicht missen lassen. "Die Erdhebungen", sagt Werner Schubert", sind im Landratsamt mittlerweile zur Chefsache geworden".

Dass das im Stuttgarter Umweltministerium mittlerweile ähnlich gesehen wird, hoffen die IGE-Leute an diesem Freitag zu hören. Da hat Minister Franz Untersteller seinen Besuch in Böblingen angekündigt, um sich ein Bild von den Dimensionen der Erdhebungen zu machen. Immerhin dürfte das, was zwischen der Stuttgarter Straße und dem Herdweg abgeht, mittlerweile einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe umfassen und im Ausmaß bundesweit bisher wohl nur noch von den Erdhebungen im badischen Staufen übertroffen werden.

Die Fakten und der Umgang damit sind aber nur eine Facette, mit denen das IGE-Team konfrontiert wird. Wenn Menschen vor ihren kippenden und brechenden Häusern stehen, dann landen auch die daraus resultierenden Emotionen häufig bei der IGE. "Wir versuchen dann Informationen entgegenzusetzen", erläutert Werner Schubert. "Die meisten Betroffenen haben schließlich nicht denselben Background wie wir", ergänzt Dieter Eger und zeigt Verständnis für manchen Zorn und manche Ungeduld, die bei ihnen anlanden. Dass nichts passiert, seit die defekte Bohrungen identifiziert sind, wie manche Außenstehende vermuten, möchte Dieter Eger nicht gelten lassen. "Im Hintergrund wird viel getan", erzählt er. Das Problem sei vielmehr, dass sich auch die Experten bei den undichten Bohrungen auf Neuland bewegten.

Dieter Eger und Werner Schubert kennen das Gefühl der Ohnmacht, das sich einstellt, wenn die Risse im Haus immer größer werden und auf den Ämtern mal wieder alles viel zu langsam geht, aus eigener Erfahrung nur zu gut. Dennoch ist bei den IGElern längst manche vorschnelle Reaktion bedachtem Handeln gewichen - und der Gewissheit, nicht mehr außen vor zu sein: "Wir haben mittlerweile präzise Infos", sagt Werner Schubert. Eine Abordnung der Interessengemeinschaft sitzt immer dabei, wenn irgendein Expertengremium oder ein Runder Tisch tagt. Brodelnde Emotionen oder drängende Ungeduld, das wissen die Vertreter der Geschädigten, gehören dort nicht zum Ton, der Erfolg verspricht: "Mit lautstarker Polterei können wir wenig erreichen", weiß Werner Schubert.

Das soll aber noch lange nicht bedeuten, dass die IGE sich im Interessen-Geflecht von Behörden, Sanierern, Verursachern und Versicherern von den dort agierenden Profis einwickeln lässt. "Wir haben uns bisher gut verkauft", sagt Werner Schubert. Das soll auch so bleiben. Und wenn es sein muss, ist die Interessengemeinschaft auch bereit, die Zähne zu zeigen: "Wir können kämpferisch sein", lässt Werner Schubert durchblicken. Denn eines ist klar: Bevor die Bohrungen nicht saniert, die Hebungen nicht gestoppt, die Entschädigungen nicht geregelt und das Feld für die Gebäudesanierungen nicht bereitet ist, wird die IGE ihre Mission nicht beenden. "Wir lassen uns nicht auf dem kleinen Dienstweg abspeisen", verkündet Dieter Eger, "zur Not begehen wir auch den Klageweg".

Dass sie damit am Anfang eines langen Weges stehen ist den beiden Geschäftsführern bewusst. "Wir hoffen, dass das keine unendliche Geschichte wird", sagt Dieter Eger, "denn unsere Lebensplanung haben wir uns anders vorgestellt".