Erdhebungen

40 Hausbesitzer melden Risse in den Wänden

Messungen des Landratsamtes bestätigen unnatürliche Hebung des Bodens - Sind Bohrungen für Erdwärme im Jahre 2008 die Ursache?

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    Zwischen Stuttgarter und Altinger Straße gegenüber dem Stadion hebt sich Erde und sorgt für Risse in den Häusern KRZ-Foto: Thomas Bischof/Archiv

2011 traten vereinzelt erste Schäden auf, doch seit dem vergangenen Jahr häufen sich die Meldungen, inzwischen sind 40 Häuser in Böblingen betroffen. Auch wenn das Landratsamt nach ersten Messungen von einer "Gemengelage von Gründen" spricht, deutet vieles auf Erdwärmebohrungen als Ursache hin.

Artikel vom 07. September 2013 - 17:18

BÖBLINGEN. Für Landrat Roland Bernhard war es gestern Zeit, an die Öffentlichkeit zu gehen: Denn erste Messungen über drei Monate erbrachten den Nachweis, dass sich im Böblinger Osten die Erde hebt. Bis zu 20 Millimeter in drei Monaten. Zwischen dem Alten Friedhof und der Eichendorffschule und südlich der Stuttgarter Straße gegenüber vom Stadion wurden je fünf Messstellen angelegt. In diesem Bereich sind jeweils 20 Häuser bereits von Rissen durchzogen.

"Diese Dimension erfordert eine vertiefte Ursachenforschung", kündigte Bernhard weitere Untersuchungen und Messungen an. Denn die jetzt beobachteten Hebungen von vier bis sechs Millimeter pro Monat im Gebiet zwischen Stuttgarter und Altinger Straße sowie drei bis vier Millimeter zwischen Friedhof und Eichendorffschule lassen für den Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, Jochen Weinbrecht, nur einen Schluss zu: "Das sind keine natürlichen Schwankungen." Allerdings seien die Schäden nicht mit jenen in Leonberg oder Staufen vergleichbar, kein Haus musste geräumt werden oder sei statisch instabil. Dennoch seien Risse bis zu zwei Zentimetern Breite beobachtet worden. "Was gibt es für Schwaben Schlimmeres als Schäden an seinem Haus?", hat der Landrat Verständnis für die Besorgnis und will bei der Ursachenforschung und Schadensregulierung einen aktiven Part spielen.

Bernhard betont, dass es sich bei den Ursachen für die Hebungen und die Risse um eine Gemengelage handeln könne. Denn in den Jahren 2009 und 2010 seien auch Kanalarbeiten durchgeführt worden. Deshalb sei man auch im engen Kontakt mit der Stadt Böblingen. Laut Weinbrecht müsse man jeden Fall einzeln betrachten. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass sich der Untergrund hebt, weil in die Anhydritschichten Wasser eingedrungen ist und sich diese Schicht dann zu Gips verwandelt, der um "bis zu 60 Prozent aufquellen kann", wie Weinbrecht erläutert. Diese geologische Schicht liegt zwischen 25 und 50 Meter unter der Oberfläche, unter dem Schilfsandstein. Was den Verdacht auf Bohrungen für Erdwärmesonden in beiden betroffenen Gebieten lenkt. Im Jahr 2008 wurden zwei Bohrungen über 100 Meter südlich der Stuttgarter Straße niedergebracht, vier mal zwei Bohrungen bis zu 80 Meter waren es zwischen Friedhof und Eichendorffschule. Allesamt von derselben Firma in derselben Technik ausgeführt. "Die Firma arbeitet mit uns kooperativ an der Ursachenforschung mit", betonte Bernhard. Alle Schadensfälle liegen in einem Radius von 100 Metern um die Bohrungen aus 2008.

Hat sich Wasser einen Weg gesucht?

Für die Fachleute kann es durchaus sein, dass sich im Bereich der Bohrungen Wege für das Wasser geöffnet haben, die den Anhydrit zum Quellen bringen. "Wir haben seit 2012 andere Leitlinien, so etwas könnte nicht passieren", betont Bernhard. Schließlich müsse vor dem Anhydrit gestoppt und die Verpressdrücke müssten dokumentiert werden. Nun will der Landkreis zunächst das Messnetz erweitern und sich dann auch die Bohrungen ansehen. Im Oktober sollen alle Eigentümer informiert werden. Die Beweissicherung müsse aber von denen selbst in die Wege geleitet werden, auch wegen der Schadenersatzansprüche. "Das Phänomen stellt man aber nicht so schnell ab", macht Andreas Steinäcker vom Wasserwirtschaftsamt wenig Hoffnung auf einen sofortigen Stopp der Erdbewegungen, sollte die Ursache gefunden sein. Ist der Wasserzutritt auch verhindert, quillt das Gestein dennoch weiter. Was für die Hausbesitzer bedeutet, dass angebrachte Gipsmarken auch weiterhin brechen, Risse aufgehen und die Schäden weiter zunehmen. Die Hausbesitzer fürchten dabei neben den Kosten vor allem eines: Wertverlust an ihren Immobilien.