Erdhebungen

"So ein Risiko würd' ich niemals eingehen"

Weil ein Eigentümer in der Mahdentalstraße 13 Erdwärme nutzen will, laufen besorgte Anwohner Sturm - Landratsamt stoppt Genehmigung

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Ist Böblingen überall? Die Erdhebungen, die hier an rund 100 Häusern Risse haben entstehen lassen, sorgen seit Wochen Anwohner der Mahdentalstraße 13 in Sindelfingen. Dort will ein Grundstückseigner nach Erdwärme bohren lassen. Das Landratsamt hat kürzlich die Genehmigung zurückgezogen - vorerst.

Artikel vom 20. Dezember 2013 - 17:12

SINDELFINGEN. Der Weihnachtsfriede unter den Nachbarn gegenüber der Schlanderer-Bebauung ist gesichert. Das Landratsamt Böblingen, wasserrechtliche Genehmigungsbehörde für die Geothermie-Bohrung, hat sein Okay vom Mai, dass der Allgemeinmediziner Dr. K. aus Sindelfingen eine Probebohrung vornehmen darf, widerrufen. Nicht zuletzt auch auf Intervention der Stadt Sindelfingen, namentlich Baubürgermeisterin Dr. Corinna Clemens. Sie hatte an den Landrat geschrieben, der durch die Böblinger Querelen eh in Sorge und in Alarmstimmung ist.

Doch für die Anrainer der Mahdentalstraße 13 ist mit dem vorläufigen Stopp der Bohrgestänge das Thema natürlich längst nicht vom Tisch. Sie raten Dr. K. und den Behörden, das Geothermie-Nutzungs-Vorhaben zumindest in dieser Ecke der Stadt ein für allemal zu beerdigen. Ihre Sorge kommt nicht von ungefähr. Die Baubürgermeisterin hat in einer der letzten Sitzungen des Technik- und Umweltausschusses nämlich bestätigt, dass es sich bei dem betreffenden Bereich in der Mahdentalstraße um ein "hydrologisch schwieriges Gebiet" handle. Sprich: Hier gibt es jenen Gipskeuper im Untergrund, der sich bei Kontakt mit Wasser aufbläht wie Hefe in Backwaren oder Rigipsplatten bei Nässekontakt.

"Wenn ich anstelle von Dr. K. wäre, würde ich mir es doch 100 Jahre überlegen, ob ich das auf Teufel komm raus durchziehen will", gibt eine Anwohnerin gestern im Gespräch mit der KRZ zu bedenken. Die potenziellen Schäden durch Geothermienutzung könnten hier immens sein. Sie beschränken sich ja nicht nur auf die Wohnhäuser im direkten Umfeld der Hausnummer 13. Das Unheil könnte auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstehen. Gerade legen die Bauarbeiter dort letzte Hand an die Neubebauung des Schlanderer-Areals. "Nicht auszudenken, was passieren würde, träten dort Risse auf", weiß Gisela Herrendörfer (70), die gegen die Erdwärmebohrungen initiativ geworden ist. Ihre Nachbarn folgen ihr. "Wenn ich eine Unterschriften-liste machen würde, haben alle gesagt: ,Da unterschreib ich auch'", zitiert sie Reaktionen. Dr. K. sei deshalb gut beraten, jetzt die Notbremse zu ziehen und das geplante und genehmigte Fünffamilienhaus konventionell zu beheizen.

Inwiefern das der Arzt Dr. K., der das vorm Abbruch befindliche Zweifamilienhaus erworben hat, mittlerweile auch so sieht - wer weiß. In einem Schreiben an die Anwohner, datiert vom 21. November, sieht es zumindest nicht danach aus. Darin wettert K. nicht nur gegen die Einwendungen, die die Nachbarschaft gegen sein Bauvorhaben gemacht habe (unter anderem ging es um die Dimensionen einer Tiefgarage). K. macht auch geltend, dass er einen "Vertrag über 21 000 Euro mit der Bohrfirma abgeschlossen" habe: "Dazu kommen die Kosten für die Bohrgenehmigung, Architekten-, Heizungs- und Sanitärplanung."

Eine vernünftige Lösung könne man nur zusammen finden, erwähnt K. sich selbst, den Architekten, den Statiker, die Bohrfirma, das Landratsamt sowie Heizungs- und Sanitärplaner. K. wörtlich: "Es geht um viel Geld, deswegen können Sie nicht alles

"Ich möchte Ihnen keinen Schaden verursachen"

von mir verlangen." Freilich schließt K. sein Schreiben mit der Formulierung: "Ich möchte Ihnen durch mein Bauvorhaben keinen Schaden verursachen."

Laut Nachbarn war in der Vergangenheit auch auf dem Schlanderer-Areal nach Erdwärme gebohrt worden - von jener Renninger Firma Gungl, die auch in Böblingen gebohrt hat. "Das haben die aber ganz schnell wieder eingestellt", sagen sie. Eine Beobachtung, die für Jochen Weinbrecht nicht ungewöhnlich ist. Sondern sogar gut so - "sobald Gips angetroffen wird", sagt der Leiter des Wasserwirtschaftsamts. Weinbrecht, der das Landratsamt gerade "leidgeprüft" nennt, sieht keine Rechtsgrundlage, solche Bohrungen zu verbieten, wenn entsprechende Sicherheitsnachweise erbracht würden. Und das, was vonseiten des Landratsamts an Auflagen komme, seien die strengsten in ganz Baden-Württemberg. Ein Sachverständiger sei grundsätzlich bei den Bohrungen mit dabei. Die Erlaubnis dafür in der Mahdentalstraße gehe auch "nur" bis in 76 Meter Tiefe.

Dem Bauherrn und seinem Architekten, die vorgestern im Landratsamt waren, seien für diesen Standort jetzt jedoch oberflächennahe Flachkollektoren oder sogenannte Erdwärmekörbe vorgeschlagen worden. Inwiefern sich das dann noch wirtschaftlich rechnet, sei unklar. "Dr. K. will sich das nun überlegen", sagt Jochen Weinbrecht.