Erdhebungen

So schnell wie möglich an die Bohrungen rankommen

Erdhebungen in Böblingen: Umweltdezernent Wolf Eisenmann geht davon aus, dass Erdwärmebohrungen die Ursache sind und drängt auf rasche Schadensregulierung

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    Wolf Eisenmann

Risse in den Hauswänden, so breit, dass eine Hand durchpasst, Fliesen, die von den Wänden platzen, und Terrassen, die sich mehrere Zentimeter aus dem Erdreich bewegen: Rund 80 Häuser im Böblinger Südwesten sind durch Erdhebungen beschädigt. Wie geht es weiter für die Betroffenen?

Artikel vom 25. Oktober 2013 - 17:12

BÖBLINGEN. Heute lädt der Landkreis die Betroffenen zu einer Infoveranstaltung (siehe Info). Der Umweltdezernent des Landkreises, Wolf Eisenmann, nimmt im Interview zu den Ursachen, Problemen und Lösungen dieses Phänomens Stellung.

 

Erst 40, mittlerweile 80 Häuser. Die Anzahl der von den Erdhebungen Betroffenen steigt ständig. Haben die Behörden die Dimensionen noch unter Kontrolle?

Ja, obwohl 80 betroffene Häuser ein immenses Ausmaß ist. Wir gehen davon aus, dass sich mittlerweile annähernd alle Betroffenen gemeldet haben. In den vergangenen Wochen sind viele Leute vorstellig geworden, die bei ihren Gebäudeschäden gar nicht an Erdhebungen dachten und erst durch die Veröffentlichungen sensibilisiert worden sind. Die Hausbesitzer schauen jetzt natürlich genauer hin. Das ist auch gut so.

 

Sind die Erdhebungen überhaupt noch einzugrenzen oder muss sich ganz Böblingen Sorgen machen?

Es gibt keinen Anlass zur Sorge, dass weitere Gebiete betroffen sind. Sämtliche Meldungen von Gebäudeschäden stammen aus den bisher bekannten Gebieten im Nordosten der Stadt.

Immer wieder hört man Kritik von den Betroffenen, dass die Behörden zu spät informiert hätten. Warum wurden zuerst Gasleitungen kontrolliert und dann erst die Hauseigentümer benachrichtigt ?

Wir hatten Ende des Jahres 2012 erste Kontakte mit den Betroffenen. Zuvor richteten sich die Aktivitäten der Gebäudebesitzer an die Stadt Böblingen. Davon wussten wir zunächst nichts. Als klar wurde, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, haben wir uns im Februar 2013 mit der Stadtverwaltung in Verbindung gesetzt und gemeinsam beschlossen, dass wir etwas unternehmen und den Gasnetzbetreiber informieren müssen, da klar war, dass hinter den Erdbewegungen eine Ursache steckt. In diesem Stadium war indes das Thema Geothermie noch nicht relevant. Wir haben allerdings schnell entschieden, dass wir Geld für Messungen in die Hand nehmen müssen, um der Ursache besser auf den Grund zu kommen. Insgesamt haben wir bis jetzt rund 40 000 Euro dafür ausgegeben.

 

Die Untersuchungen laufen nun. Welche Erkenntnisse haben sie bisher erbracht?

Wir wissen nun, dass sich die Erde in den betroffenen Gebieten in den vergangenen Jahren um etwa 30 Zentimeter gehoben hat. Die Hebungen schreiten derzeit fort - je nach Gebiet zwischen mehreren Millimetern und einem Zentimeter pro Monat.

 

Ist es sicher, dass Geothermiebohrungen die Ursache sind?

Den letztendlichen Beweis hierfür kann erst die einzelne Untersuchung der Bohrsonden liefern. Mittlerweile aber gehen wir davon aus, dass Erdwärmebohrungen die Ursache sind. Bei dieser großflächigen Hebung käme nur noch ein weiterer Auslöser in Betracht. Das wäre die Thermalwasserbohrung in Böblingen. Dafür wäre das Schadensbild aber untypisch. Sicher ist jedoch, dass Straßenbau- oder Kanalarbeiten als alleinige Verursacher ausscheiden.

 

Wie viele Bohrungen kommen in den betroffenen Gebieten als Verursacher in Betracht?

Wir gehen derzeit von zehn Bohrungen und knapp 20 Bohrlöchern aus, die von einer Firma ausgeführt worden sind.

Wer haftet, falls Ihre Mutmaßungen zutreffen?

Um dies herauszufinden, sind wir als Behörde jetzt gefordert. Gerade sind wir dabei, eine Vereinbarung mit der betroffenen Bohrfirma und deren Versicherer zu schließen, die es möglich macht, die Erdsonden in den betroffenen Häusern zu untersuchen. Für Schäden kommt dann der Verursacher auf.

 

Wie geht es weiter für die Betroffenen? Wann können diese mit Hilfen und Entschädigungen rechnen?

Wir erkennen bei der Versicherung und der Bohrfirma eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Auch bei den betroffenen Hauseigentümern ist jetzt die Einsicht vorhanden, dass wir an die Sonden ran müssen. Wenn alles klappt, rechne ich damit, dass wir Anfang 2014 die Bohrungen untersuchen, die Ursache der Erdhebungen lokalisieren und die Haftungsfrage regeln können. Wenn klar ist, dass Fehler bei den Bohrungen die Erdhebungen verursacht haben, dürfte es keine Probleme bei der Haftung geben. Dann gehe ich davon aus, dass die Gebäudesanierungen von der Versicherung komplett bezahlt werden.

 

Wären mit der Reparatur der Bohrungen auch die Erdhebungen gestoppt?

Wenn die Schäden an den Bohrungen behoben sind, gibt es quasi keinen "Nachschub" mehr für das Aufquellen der Gipsschicht im Boden. Aber die Erfahrungen belegen, dass die Rissbildungen noch eine geraume Zeit nachwirken. Eine Sanierung der Häuser macht daher erst Sinn, wenn die Erde sich wieder beruhigt hat. Wir müssen da allerdings in Monaten und Jahren denken. Das ist für die Betroffenen ein ganz harter Umstand, zumal die Besitzer nichts dafür können. Deshalb sehe ich uns in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass wir so schnell wie möglich an die Bohrungen rankommen.

 

In Leonberg gibt es einen ähnlichen Fall von Schäden, die durch Erdbohrungen verursacht worden sind, die durch dieselbe Firma getätigt worden sind. Wie werden dort die Entschädigungs- und Haftungsfragen geregelt?

Dort haben wir sowohl mit der Bohrfirma als auch mit der Versicherung gute Erfahrungen gemacht. Die für die Schadensregulierung verantwortlichen Leute sind von den Betroffenen sehr gelobt worden. Da es sich um die gleiche Bohrfirma und dieselben Versicherungen handelt, habe ich für Böblingen große Hoffnung, dass auch dort im Schadensfall schnell die Summen zur Sanierung der Gebäude aufgebracht werden.

Wie gehen Sie derzeit im Landkreis mit Geothermie-Bohrungen um?

Wir haben gelernt und sind sehr vorsichtig. Wo sich Gipskeuper befindet, gibt es keine Bohrgenehmigung. Um dies durchzusetzen, werden wir den Rechtsweg nicht scheuen.