Erdhebungen

"Machen Sie gemeinsam Druck"

Erdhebungen: Die Geschädigten im Böblinger Osten wollen Interessengemeinschaft gründen - Infoveranstaltung mit juristischem Experten

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    Volles Haus: Rund 100 Böblingerinnen und Böblinger, die im von Erdhebungen betroffenen Südosten wohnen, lauschen den Erfahrungen von Eberhard Haaf Fotos: Stürm

Die Betroffenen der Erdhebungen im Böblinger Osten wollen ihre Interessen bündeln. Bei einer Infoveranstaltung wurde die Gründung einer Interessengemein- schaft beschlossen. Für Beistand soll ein Profi sorgen: Der Freiburger Rechtsanwalt Dr. Eberhard Haaf hat bereits die Erdhebungs-Geschädigten in Staufen und Rudersberg vertreten.

Artikel vom 03. Februar 2014 - 17:12

BÖBLINGEN. Das Interesse war riesig, der Gemeindesaal der Martin-Lutherkirche am Freitagabend bis zum letzten Stuhl gefüllt. Rund 100 Böblingerinnen und Böblinger, deren Häuser zwischen dem Friedhof und der Eichendorffschule stehen, waren gekommen, um sich zu informieren, wie sie ihrem Schicksal am besten begegnen können. Denn seit geraumer Zeit, ist nichts mehr wie es war im Wohngebiet: Wandrisse, platzende Fliesen und Instabilitäten haben bisher rund 60 Häuser in diesem Geviert heimgesucht - Erdwärmebohrungen stehen als Verursacher im Verdacht.

"Wir wollen mehr für uns tun", erklärte Erwin Adler, einer der sieben Mitglieder des Initiativkreises, warum man nicht mit dem zweiten betroffenen Gebiet südlich der Stuttgarter Straße den Schulterschluss suche. Es gebe zu viele Unterschiede, so dass eine gemeinsame anwaltliche Vertretung derzeit keinen Sinn mache. Der jetzt geplante Alleingang müsse aber nicht der letzte Schritt sein, betonte er.

Mit der Gründung einer Interessengemeinschaft soll zunächst dafür gesorgt werden, dass man sich in Zukunft auf "juristischer Augenhöhe" mit den übrigen an dieser Sache beteiligten Akteure befinde, erklärte Adler. Ziel müsse sein, das Tempo der Behörden bei der Ursachenforschung zu beschleunigen, Akteneinsicht zu erhalten, die Ursachen und Verantwortlichkeiten zu klären sowie eine Verjährung zu verhindern. "Wir wollen Klarheit", betonte Adler die Stoßrichtung der Initiative.

Als wichtigsten Helfer auf diesem Weg sehen Adler und seine Mitstreiter Eberhard Haaf. Der Anwalt ist einer der besten juristischen Kenner der Erdhebungs-Materie. Haaf hat sowohl in Rudersberg wie auch in seiner Heimatstadt Staufen, wo mit 270 betroffenen Gebäuden bisher die größten Geothermie-Schäden aufgetreten sind, die Betroffenen juristisch vertreten.

Diese Erfahrungen wollen nun auch die Böblinger nutzen. Haaf soll die Interessen der Hausbesitzer im südlichen Gebiet vertreten, falls es zur Gründung einer Interessengemeinschaft kommt. Dazu riet der Jurist mit Nachdruck. Nur so könnten das Geld und die Aktivitäten der Betroffenen sinnvoll gebündelt werden. Haaf warnte ausdrücklich vor Alleingängen. "Sie müssen Druck machen", empfahl er, "schmieden Sie sich zusammen, gehen Sie gemeinsam vor". In Staufen und Rudersberg hätten die Betroffenen mit dieser Strategie große Erfolge erzielt: vom Runden Tisch und einer Stiftung über organisierte Beweissicherung bis hin zum Schlichtungsverfahren, das Kleinschäden und notwendige Reparaturen unbürokratisch regle.

Dass sie erst am Anfang eines dornenreichen Weges stehen, wollte Haaf den Anwesenden nicht vorenthalten. Er sprach von "Emotionen, Aggressionen und Krankheiten", von denen die Betroffenen in seinen Einsatzgebieten heimgesucht worden seien und stimmte die Häuslesbesitzer auf eine harte Zeit ein: "Sie brauchen viel Zeit, Nerven und Geduld." In Staufen hebe sich die Erde sieben Jahre nach den Bohrloch-Sanierungen immer noch leicht. An endgültige Schadensbehebung sei noch nicht zu denken.

Umso mehr macht es für Eberhard Haaf Sinn, diesen schwierigen Weg gemeinsam zu gehen und von den Erfahrungen in Staufen und Rudersberg zu profitieren. Wenn er die Fälle vergleiche, erzählte er, würden sich "erstaunliche Parallelen" aufdrängen - von den Hebungsumfängen bis eben hin zu Erdwärmebohrungen im Umfeld.

In Staufen und Rudersberg ist die Aufklärungsarbeit jedoch schon erledigt, die Versäumnisse der Bohrfirma sind nachgewiesen: Krumme Bohrungen, mangelhafte Abdichtung, ungeeignetes Füllmaterial und fehlende Informationen an die Behörden. "Ich würde mich nicht wundern, wenn auch in Böblingen diese Mängel festgestellt würden", meinte Haaf, der mit Schäden in zweistelliger Millionenhöhe rechnet. Damit würde Böblingen hinter Staufen die zweitgrößte Dimension von Geothermie-Schäden aufweisen.

Klarheit über die Ursache der Schäden und somit die Schuldfrage bringt jedoch erst ein Gutachten des Landesamtes für Geologie. Dort wird laut Haaf von Experten "neutral und sehr gut" nachgewiesen, wo die Probleme liegen: Bei der ausführenden Firma oder bei den Behörden, die ihre Amtspflicht vernachlässigt haben. Das Problem dabei: Hierfür bedarf es Erkundungsbohrungen an auffälligen Bohrlöchern. Die sind in Böblingen noch nicht in Sicht. Erst rund neun Monate nach Abschluss dieser Untersuchungen rechnet Haaf mit Ergebnissen.

Was ist, wenn nichts zu holen ist?

Dann sei klar, wer haftbar gemacht werden könne: Die Firma, die Besitzer der Grundstücke, auf denen gebohrt wurde, die Behörden oder das Land. Aber auch dann gebe es noch jede Menge Unwägbarkeiten. Nicht zuletzt die Frage, wie gut die Bohrfirma versichert ist und ob es diese nach Klärung der Sache überhaupt noch gebe.

Und was passiert, wenn nirgends etwas zu holen ist? Auch diese Frage thematisierte Eberhard Haaf und hatte eine Antwort, die Hoffnung verbreitete: "Dann ist die politische Ebene gefragt", wusste er. "Die wird es sich nicht erlauben, Sie auf Ihren Schäden sitzen zu lassen." In Staufen habe das Land immerhin ein Drittel der Kosten übernommen. "Aber", lautete seine Empfehlung, "Sie müssen auf die Politik einwirken."

Der erste Schritt soll mit der Gründung einer Interessengemeinschaft in den kommenden Wochen folgen. Benötigt werden hierfür nicht nur ein Geschäftsführer und jede Menge Mitglieder, die diese mit Einlagen auch finanziell schlagkräftig machen - sondern auch "Geduld, Geduld, Geduld", wie Eberhard Haaf den Geschädigten ins Gewissen redete. "Beißen Sie die Zähne zusammen" lautete sein Rat für den Nachhauseweg.