Erdhebungen

Die Geschädigten drängen auf verschärftes Tempo

350 Betroffene bei der Infoveranstaltung zu Böblinger Erdhebungen

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Artikel vom 28. Oktober 2013 - 17:12

BÖBLINGEN. Die Behörden möchten den Erdhebungen in der Stadt mit höchster Priorität begegnen. Dies versicherten Landrat Roland Bernhard und Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner am Freitagnachmittag rund 350 betroffenen Bürgern, die zur Info-Veranstaltung in die bis zum letzten Platz besetzte Aula des Kaufmännischen Schulzentrums kamen. Die Sorgen der Betroffenen um ihr von teilweise massiven Rissen und Gebäudeschäden heimgesuchtes Eigentum waren groß, die Erwartung, dass die Ursache so schnell wie möglich gefunden und bekämpft wird, war hoch.

Nachhaltig war der Eindruck, den Landrat Roland Bernhard vom Besuch der geschädigten Häuser mitbrachte. "Ich war teilweise geschockt", gestand er, "das treibt uns alle um." Die Schäden, die er bei seiner Visite erlebt habe, seien das Schlimmste, was Häuslesbesitzer passieren könne, meinte er. Bernhard warnte aber auch davor, Sündenböcke zu brandmarken: Die Hauseigentümer, die sich für Erdwärmebohrungen entschieden hätten, hätten dies aus ökologischer Verantwortung getan.

Dass Geothermie-Bohrungen die Ursache für die Erdbewegungen im Nordosten Böblingens sind, davon gehen die Experten im Amt für Wasserwirtschaft des Landratsamtes mittlerweile aus - auch wenn der letzte Beweis noch fehlt. Jochen Weinbrecht, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft, präsentierte den Anwesenden die zwei Gebiete, in denen mittlerweile rund 100 Häuser beschädigt sind und verwies auf neun Erdwärmebohrungen in diesen Bereichen, die in den Jahren 2006 bis 2008 dort unternommen worden sind.

Wie auch Umweltdezernent Wolf Eisenmann im Interview mit der KREISZEITUNG bereits erklärte, hat sich in den vergangenen Jahren dort die Erde um bis zu 35 Zentimeter gehoben. Weinbrecht sprach auch von Rissen, in den Häuserwänden, die sich teilweise "beunruhigend schnell bewegen"- bis zu 2,7 Zentimeter in sechs Monaten. Der Fachmann machte deutlich, dass für diese massiven Veränderungen wohl nur Quellungen im Erdreich in Frage kämen - Verschiebungen, die entstehen, wenn aus fehlerhaften Erdwärmebohrungen Wasser austritt, das die in der Tiefe befindliche Gipskeuperschicht aufquellen lässt.

Dass diese Gesteinsschichten in den betroffenen Gebieten existieren, ist unbestritten, ob die Bohrungen undicht sind, ist indes bisher nur Mutmaßung. Und damit sind auch der Behörde laut Weinbrecht die Hände zunächst gebunden. Denn um den Nachweis einer undichten Bohrung zu erbringen, müssen die Sonden untersucht werden - und das funktioniert nur, wenn die Eigentümer, die Bohrfirma und deren Versicherung mitspielen.

"Wir werden alles unternehmen, um die Suche nach den Ursachen und die Schadensregulierung so schnell wie möglich in die Bahnen zu leiten", versprach der Landrat. Man wolle "entschlossen" vorgehen und habe am Freitag bereits eine Vereinbarung mit der Firma und deren Versicherung unterzeichnet, die entsprechende Untersuchungen gewährleiste. Auch der Anwalt der Eigentümer habe signalisiert, dass der Zugang zu den Bohrsonden möglich gemacht werde. Spätestens Anfang 2014 sollen die Untersuchungen an den ersten zehn Sonden stattfinden, der Rest soll im Frühjahr folgen. Damit sollen die Grundlagen für eine Schadensregulierung der Versicherung gelegt werden.

Dass dieser Zeitplan bei den Betroffenen nicht gerade Begeisterung hervorrief, wurde schnell deutlich. Immer wieder wurden die Verwaltungsleute mit drängenden Fragen nach einer schnelleren Ursachenforschung konfrontiert. "Wir warten schon seit zwei Jahren, dass etwas vorwärts geht", kritisierte eine Betroffene, eine andere Besucherin empfand es als "untragbar", dass erst im kommenden Jahr etwas unternommen werde. "Wir werden ein Leben lang davon betroffen sein", klagte sie. "Ich würde lügen, wenn ich Ihnen sagen würde, wir können das in einigen Monaten alles schaffen", entgegnete der Landrat, Er geht davon aus, dass es rund zwei Jahre dauern wird, bis alle notwendigen Dinge geregelt sind, versprach aber auch eine nochmalige "Verfeinerung" des Zeitplans.

Immer wieder waren Hilflosigkeit, Verunsicherung und Verzweiflung im Raum zu spüren, wenn von gebrochenen Kellerwänden, massiven Rissen und befürchteten Wertverlusten die Rede war, wenn von notwendigen provisorischen Reparaturen, um Frostschäden oder Defekten an Versorgungsleitungen vorzubeugen, berichtet wurde oder wenn die Suche nach den richtigen Gutachtern Thema war.

Fertige Lösungen und Hilfspakte zu liefern, dazu war auf dem Podium niemand in der Lage. Der Landrat verbreitete vorsichtigen Optimismus, als er auf ähnliche Fälle in Leonberg verwies, wo mit derselben Bohrfirma und derselben Versicherung "großzügige Lösungen" erzielt worden seien. "Sobald fehlerhaften Bohrungen nachgewiesen sind", munterte er die Anwesenden auf, "gibt es eine Schadensgewährleistung für Sie." Dass die Hebungen nach der Sanierung der Bohrlöcher noch einige Jahre nachwirken werden, wollte er dem Auditorium jedoch auch nicht verheimlichen.

Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner sagte zu, dass die Stadt einen Hilfskatalog erarbeiten und sich auch um Ersatzwohnraum bemühen werde. Auch technische Beratung und die Vermittlung von Statikern stellte er in Aussicht. Klar machte der OB aber auch, dass für den Schadensnachweis an seinem Gebäude jeder Besitzer selber verantwortlich sei. Landratsamt und Stadtverwaltung einigten sich darauf, eine Extra-Homepage zu erstellen, auf der ständig die neuesten Informationen zum Thema bereitgestellt werden sollen.

Im Frühjahr, kündigte der Landrat an, werde es eine erneute Infoveranstaltung geben. Dann hoffe er, dass auch Vertreter der Bohrfirma und der Versicherung anwesend sein werden. Vielleicht hat Wolfgang Lützner bis dahin auch eine Antwort auf die Frage eines Geschädigten parat, ob er so lange mit einem Erlass der Grundsteuer rechnen könne, bis sein Haus wiederhergestellt ist.

Die Homepage der Betroffenen gibt es unter http://www.erde-hebt-sich.de im Internet.