Erdhebungen

Risse vom Keller bis hinauf ins Dach

Das Haus der Familie La Marra ist von den Erdhebungen in Böblingen heftig in Mitleidenschaft gezogen - Mittlerweile rund 60 Betroffene

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    Ortstermin im schwer beschädigten Eigenheim: Gestern drehte das ZDF bei den La Marras im Wohnzimmer KRZ-Fotos: Thomas Bischof

Immer mehr Menschen sind von den Erdhebungen in Böblingen betroffen. Mittlerweile haben schon knapp 60 Anwohner Schäden an ihren Gebäuden beobachtet.

Artikel vom 09. Oktober 2013 - 17:12

BÖBLINGEN. Antonio La Marra zuckt mit den Schultern, während er an die Wand deutet. Ein breiter Riss klafft im Wohnzimmer entlang der Außenmauer. Es ist eine Bewegung zwischen Resignation und Ungewissheit, die die Fernsehkamera des ZDF in der Doppelhaushälfte unweit der Martin-Luther-Kirche einfängt. Hier in der Feldbergstraße hat die Erde in den vergangenen fünf Jahren ihre ganze Wucht unter Beweis gestellt.

Nichts ist in dem rund 50 Jahre alten Siedlungshäuschen mehr wie es war, als die La Marras das Haus im Jahr 1992 gekauft haben. Risse, wo man nur hinblickt: Am Fenstersturz in der Außenfassade, über der Haustüre, im Flur, im Fußboden, Risse längs, Risse quer, Risse im ersten Stockwerk, wo eine knapp zwei Zentimeter breite Lücke Durchblick ins Wohnzimmer bietet. Am heftigsten ist das Ausmaß der Bodenbewegungen im Keller zu sehen: Nahezu das komplette Geschoss ist mit Stahlstützen abgesichert. Eine Empfehlung des Statikers.

Die Familie La Marra befindet sich im Epizentrum der Erdbewegungen. Nirgends sind die Ausmaße so verheerend wie im Haus des 50-jährigen Drehers. Wohl fühlt sich Antonio La Marra mit seiner vierköpfigen Familie und den beiden Omas hier nicht mehr wirklich: "Man hat ein mulmiges Gefühl", gesteht er.

Wie berichtet sorgen seit längerer Zeit Rissbildungen und Absenkungen hier zwischen dem Herdweg und der Schwabstraße sowie im Wohngebiet südlich der Stuttgarter Straße für dicke Sorgenfalten bei den Bewohnern. Und nicht nur dort: Mittlerweile hat sich das Landratsamt eingeschaltet und weitere Messuntersuchungen veranlasst, um das ganze Ausmaß und die Ursache für dieses Phänomen ausfindig zu machen. Bis Ende Oktober, heißt es auf dem Landratsamt, hoffe man, das gesamte Ausmaß zu erkennen. Dem Vernehmen nach ist dieses nicht ganz gering: "Da tut sich was nach oben", sagt einer, der es wissen muss und spricht von signifikanten Zahlen.

Für die Betroffenen ist schon längst klar, wer für die Schäden an ihren Gebäuden verantwortlich ist: Erdwärmebohrungen, die in beiden Gebieten zur gleichen Zeit von derselben Firma unternommen worden sind. Auch das Fernsehen ist auf dieser Spur: Das ZDF-Team reist diese Woche noch für den Beitrag, der am Samstag im Länderspiegel gesendet wird, nach Staufen. Der südbadische Ort liefert schon mehrere Jahre Schlagzeilen, weil dort rund 100 Gebäude durch Erdwärmebohrungen teilweise massiv beschädigt worden sind.

"Bei mir", erzählt Thomas Treutler, "melden sich derzeit jeden Tag bis zu drei Leuten, die ebenfalls betroffen sind". Treutler, 45 Jahre alt mit junger Familie, besitzt ein Haus mit Rissen in der Gaußstraße und ist bemüht, einen gemeinsamen Auftritt der mittlerweile knapp 60 Betroffenen zu organisieren. Die Gründung einer Interessengemeinschaft ist geplant. "Die Unsicherheit bei den Leuten ist groß", erzählt er, "wir sehen schließlich unsere Investitionen in die Zukunft schwinden". Für viele Betroffene eine existenzielle Angelegenheit: Bei Einzelnen, erzählt Treutler, führe diese Situation bis hin zur Verzweiflung.

Auch Daniela Braun haben solche Ängste in den vergangenen Wochen öfters erreicht. Die CDU-Gemeinderätin wohnt in der Kniebisstraße und ist selbst von den Erdbewegungen betroffen, die ihr zwölf Jahre altes Doppelhaus heimgesucht haben. Die Unsicherheit, die Unklarheit, zu wissen, man könne nichts tun: "Das macht machtlos", befindet sie. Hinzu komme die Angst vor materiellen Konsequenzen, die nicht nur die unmittelbar Betroffenen erfasst: "Hier im Umfeld kann keiner mehr ein Haus verkaufen, hier bekommt niemand mehr ein Bankdarlehen", weiß sie. Ihr Befund: "Da gerät ein ganzes Wohnviertel in Sippenhaft." Umso wichtiger, sagt sie, sei es nun gemeinsam aufzutreten.

Wer wusste wann Bescheid?

Dass man als Einzelkämpfer auf verlorenem Posten steht, musste Johann Binder erfahren. Er war einer der ersten, der die Risse an seinem Haus in der Röntgenstraße den Behörden meldete. Die Reaktion? Binder schiebt seine Hände weit von sich: "Die wollten von nichts wissen", erzählt er. Der Oberbürgermeister genauso wenig wie die Leute auf dem Landratsamt, obwohl die schon länger Bescheid wissen müssten: Bereits im Frühjahr, erzählen die Anwohner, habe die EnBW im gesamten Wohngebiet die Gasleitungen überprüft - zur Sicherheit, wie es damals hieß.

Das Gefühl der Ohnmacht soll nun der Vergangenheit angehören. Thomas Treutler hat sich umgeschaut nach Anwälten, Gutachtern und Experten, die den betroffenen Menschen Beistand leisten sollen. Erstes Ziel: So schnell wie möglich die Ursache finden, damit die Experten wissen, wie sie die Erde in Böblingen wieder beruhigen können. "Für uns", sagt Treutler, "ist die letzte Hoffnung, dass das Wachstum der Schäden gestoppt wird". Noch in weiter Ferne ist dann allerdings, wer dafür haftet. Falls die Geothermie-Bohrungen als Ursache in Betracht kämen, müssten laut Dusan Minic, Pressesprecher des Landratsamtes, erst einmal umfangreiche Untersuchungen folgen.

Ob die La Marras dann noch in der Feldbergstraße wohnen, steht in den Sternen. "Haben Sie schon ans Ausziehen gedacht", möchte der Fernsehmann wissen. Antonio La Marra sagt nicht nein.