Erdhebungen

"Die Schäden werden jede Woche schlimmer"

Erdhebungen: Interview mit Thomas Treutler, Sprecher der Geschädigten, über die Kritik an den Behörden - Interessengemeinschaft geplant

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Artikel vom 30. Oktober 2013 - 17:12

BÖBLINGEN. Die Erdhebungen in der Stadt sorgen für immer größere Dimensionen: An bestimmten Stellen hat sich der Untergrund in den vergangenen Jahren um über 30 Zentimeter gehoben, und arbeitet weiter - mehrere Millimeter pro Monat. In der vergangenen Woche kamen, wie berichtet, rund 350 Betroffene zu einer Infoveranstaltung des Landratsamtes. Trotz des Beifalls dafür, dass die Behörden das Problem mittlerweile sehr ernst nehmen, war die Kritik am Tempo, mit der die Ursachensuche angegangen wird, unüberhörbar.

Wir sprachen darüber mit Thomas Treutler. Der 45-Jährige lebt mit seiner Familie in der Gaußstraße im Haus seiner Oma. Das Gebäude ist ebenfalls von den Erdhebungen in Mitleidenschaft gezogen. Treutler, IT-Geschäftsführer in einer großen Handelsgruppe, hat die Homepage der Betroffen erstellt und koordiniert gemeinsam mit den am meisten betroffenen Nachbarn beider Gebiete den Aufbau einer Interessengemeinschaft.

 

Die Behörden haben vergangene Woche zum ersten Mal die betroffenen Eigentümer ausführlich informiert. Welchen Eindruck hatten Sie von der Veranstaltung?

Es wurde deutlich, dass die Behörden sich nun erstmalig bereit erklärt haben, in Führung zu gehen und das voranzutreiben, was ihre Aufgabe ist.

 

Dennoch wurde mehrmals an diesem Abend Kritik am Tempo der Ursachenforschung laut. Mahlen die Mühlen im Landratsamt zu langsam?

Ja, wir sind unzufrieden mit dem Tempo und wünschen uns so schnell wie möglich eine Prüfung der Bohrlöcher. Wenn diese zum Ergebnis käme, dass die Geothermie-Bohrungen die Ursache für die Erdhebungen sind, hätten wir endlich Klarheit, eine verantwortliche Bohrfirma und eine Versicherung im Boot, die die Sache zukünftig in die Hand nimmt.

 

Das Landratsamt hat zugesichert, so schnell wie möglich zehn Bohrlöcher zu untersuchen, die sich in den am stärksten betroffenen Gebieten befinden. Was fordern Sie?

Unser Wunsch ist es, dass man ein Bohrloch herausgreift und dieses umgehend öffnet und untersucht. Wir haben da auch eine Bohrung im Visier, die an der Stelle liegt, wo sich die Erde in den vergangenen Jahren um knapp 40 Zentimeter mit am stärksten gehoben hat. Dort befinden sich auch rund 20 beschädigte Wohnhäuser in nächster Umgebung. Der Eigentümer wäre unserer Information nach mit dieser Maßnahme einverstanden, so dass diese Untersuchung sofort möglich wäre.

 

Hoffen Sie im Erfolgsfall auf eine rasche Entschädigungen aller Betroffenen?

Ja, das ist unsere Hoffnung. Es handelt sich schließlich um ein und dieselbe Firma, die die aus unserer Sicht relevanten Bohrungen in beiden betroffenen Wohngebieten unternommen hat. Wir gehen davon aus, dass eine schnelle Regelung beziehungsweise zeitnahe Unterstützung auch im Interesse der Geothermie-Branche ist, die sonst Gefahr läuft, in Verruf zu geraten.

 

Bei der Infoveranstaltung haben Sie eine bessere Informationspolitik der Behörden eingefordert.

Ja. Wir haben den Eindruck, dass man uns von den Gesprächen abschottet. Bisher hat die Verwaltung nur zwei Mal ein offizielles Lebenszeichen in unsere Richtung abgegeben, die restlichen Infos mussten wir aus den Zeitungen und Einzelgesprächen zusammensammeln. Das ist kein Krisenmanagement. Im Landratsamt sitzen zwar gute Experten aber es fehlt ein Kommunikations-Profi.

 

Stadt und Landratsamt wollen eine gemeinsame Internetseite zur Verfügung stellen, auf der über die Entwicklungen aktuell informiert wird. Reicht das?

Nein. Eine Internetseite ist sicher eine gute und notwendige Sache. Was uns aber fehlt, ist ein zentraler Ansprechpartner. Die Zeit drängt, der Winter kommt. Wir sehen, wie die Schäden jede Woche schlimmer werden und wissen nicht, was wir in dieser Situation an unseren Gebäuden tun sollen. Da hilft uns keiner. Vor allem die älteren Menschen unter den Betroffenen sind mit der Situation teilweise völlig überfordert. Wir haben bereits zwei Haushalte an Oberbürgermeister Lützner gemeldet.

 

Sie haben zur Gründung einer Interessengemeinschaft aufgerufen. Wie ist die Resonanz?

Ich habe mittlerweile Unterschriften von über 80 Betroffenen, die sich an einer Interessengemeinschaft (IG) beteiligen wollen. Das ist ein gutes Zeichen, denn ohne gemeinsames Vorgehen können wir keinen Druck erzeugen. Wahrscheinlich hätte es dann auch keine Infoveranstaltung gegeben. Momentan bereiten wir die Gründung der IG mit zwei Anwälten vor, die Erfahrung mit dieser Geothermie-Problematik haben. Ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr zur Gründungsveranstaltung laden. Meine Hoffnung ist, dass wir dann auch die Stadt Böblingen und die Stadtwerke Böblingen als Betroffene dort begrüßen können. Das hat Oberbürgermeister Wolfgang Lützner zumindest öffentlich verkündet. Da nehme ich ihn beim Wort.

Weitere Infos auf der Internetseite der Betroffenen: http://www.erde-hebt-sich.de