Erdhebungen

Am Start eines dornenreichen Ultralaufs

Erdhebungen: IG möchte die Interessen der Betroffenen bündeln - Bohrung im Norden soll rasch saniert werden

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Nächste Woche wird sich laut Landratsamt entscheiden, wie mit der auffälligen Erdwärmebohrung im nördlichen Hebungsgebiet weiter verfahren wird. Am Freitagabend haben sich rund 100 von den Erdhebungen Betroffene zu einer weiteren Infoveranstaltung mit dem Freiburger Juristen Dr. Eberhard Haaf getroffen.

Artikel vom 17. März 2014 - 17:06

BÖBLINGEN. Vergessen oder auf Eis gelegt? Manch einer, dessen Haus im nördlichen Hebungsgebiet parallel zur Stuttgarter Straße steht, hat sich in den vergangenen Tagen diese Frage gestellt. Der Trupp der Erkundungsbohrer hat das Grundstück, auf dem eine defekte Erdwärmebohrung vermutet wird, schon längst wieder verlassen - mit einem Ergebnis, das die Betroffenen nicht zufrieden stellt. Denn, so viel wurde deutlich: Mit einem der beiden Löcher scheint etwas nicht zu stimmen. Den Experten ist es jedoch nicht gelungen, mit den notwendigen Messinstrumenten bis ans Ende des Bohrloches in 130 Meter Tiefe zu gelangen, und zu ermitteln, was die Ursache für den Defekt sein könnte.

Dusan Minic, Pressesprecher des Landratsamtes, bestätigt den Stillstand. Die Ursache habe formale Gründe, erklärt er. Denn als nächster Schritt müsse die Bohrung so zugängig gemacht werden, dass sämtliche Messinstrumente in die Tiefe geführt werden könnten. "Dafür gibt es Möglichkeiten", sagt Minic. Dieser Eingriff käme jedoch bereits der Vorbereitung einer Sanierung gleich. "Allerdings", erläutert Minic, "benötigen wir für diese Maßnahme eine individuelle Vereinbarung mit dem Eigentümer." In dieser Woche ist ein Treffen anberaumt, bei dem die Behörde mit dem Betroffenen das weitere Vorgehen absprechen möchte. "Wir müssen zunächst mit dem Eigentümer reden und wollen mit diesem gemeinsam zu einer Lösung kommen", erklärt Dusan Minic.

Vorher sei es nicht möglich, weitere Details zu fixieren. "Wir haben das nördliche Hebungsgebiet weder vergessen, noch auf Eis gelegt", versichert er und ist zuversichtlich, dass in dieser Woche noch ein Zeitplan veröffentlicht wird, der darüber informiert, wie es in diesem Gebiet mit der Ursachenforschung weitergeht.

Der Pressesprecher ist optimistisch, dass mit der dann angewendeten Technik endgültig geklärt werden kann, ob diese Bohrung für die Erdhebungen in jenem Bereich verantwortlich ist. Zunächst werde man den Auffälligkeiten weiter nachgehen. "Wenn sich diese bestätigen, dann wird saniert", sagt Dusan Minic. "Wir möchten die Sache möglichst rasch über die Bühne bringen", beteuert er und bittet um Verständnis, dass nicht immer alles so rasch funktioniert, wie es die Betroffenen erwarten.

Schließlich müssten an acht Standorten in den nächsten Wochen 17 Bohrungen vorgenommen werden, um die Auslöser der Erdhebungen aufzuspüren. Was das bedeutet, verdeutlicht Minic, wenn er erklärt, dass pro Standort, der untersucht werden muss, bis zu 20 Akteure beteiligt sind - vom Eigentümer über die verschiedenen Behörden und die Erkundungsfirma bis hin zu Baufirmen und Heizungsbauern. Diese müssten alle unter einen Hut gebracht werden. "Das ist nicht immer ganz einfach", weiß Dusan Minic. "Wenn ein Rädchen sich plötzlich nicht mehr richtig dreht, gerät alles ins Stocken", berichtet er. Deshalb sei Böblingen in dieser Hinsicht auch nicht mit den Fällen in Staufen und Leonberg zu vergleichen. "Dort", erläutert Minic, "gab es nur eine Bohrung, die sämtliche Schäden verursacht hat".

Die Bohrung im Norden ist bisher die einzige, die untersucht worden ist. Für das südliche Hebungsgebiet zwischen Eichendorffschule und Friedhof steht jedoch mittlerweile der Fahrplan für die Erkundungsbohrungen. Laut Dusan Minic werden Ende März die ersten vier Bohrungen unter die Lupe genommen, Ende April folgen dann die nächsten vier. Für weitere sieben Bohrlöcher seien die Abläufe "in Planung". Bis zum Sommer, glaubt Dusan Minic, könnten alle Bohrungen untersucht sein. "Dann", sagt er, "hoffen wir auf ein klares Bild".

Dass dies nur ein erster Schritt auf einem dornenreichen Weg wäre, wurde am Freitagabend bei der Infoveranstaltung in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasiums deutlich. "Wir benötigen einen langen Atem", verdeutlichte Werner Schubert den Anwesenden. Schubert ist einer der vorläufigen Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen, die wie berichtet, vergangene Woche gegründet wurde (siehe Info). "Wir wollen uns dafür einsetzen, dass die Ursachen gefunden, die Hebungen gestoppt und die Betroffenen entschädigt werden", skizzierte er die Ziele der bisher elf Mitstreiter umfassenden IG. Nur wenn möglichst viele Betroffenen beitreten, entstehe ein stabiles Fundament mit solider finanzieller Ausstattung, um die Ansprüche durchzusetzen, meinte Schubert.

Auch die Böblinger Stadtverwaltung möchte die betroffenen Bürger in Zukunft stärker unterstützen. Oberbürgermeister Wolfgang Lützner versprach, alle zur Verfügung stehenden Mittel zu aktivieren, präsentierte Ansprechpartner im Rathaus, verkündete die Verpflichtung eines Statikers, der die Sicherheit der Gebäude kostenlos überprüft, und stellte eine Minderung der Grundsteuer für die von den Erdhebungen Heimgesuchten in Aussicht.

Eberhard Haaf, der bereits die Hebungsopfer in Staufen und Rudersberg juristisch vertritt, informierte wie bereits im Januar über die Fallstricke, Notwendigkeiten und Chancen, die der Kampf gegen die Erdhebungen und für eine finanzielle Entschädigung beinhaltet. Auch er riet den Betroffenen dringend, sich zusammenzuschließen, um ihre Rechte gemeinsam einzufordern. Wann dieser Weg beendet sein könnte, darüber wollte er keine Prognose abgeben. "Sie brauchen viel Geduld und starke Nerven", prophezeite er dem Auditorium. "Das wird kein Sprint und auch kein Marathon, sondern ein Ultralauf", bekräftigte Werner Schubert.