Erdhebungen

Als ob man eine Schokoladentafel bricht

Erdhebungen: Betroffene zeigen Böblinger Bürgervertretern das Ausmaß der Zerstörungen - Allparteienkoalition verspricht Hilfe

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    Besichtigungstour zu einem betroffenen Haus in der Feldbergstraße, das nur dank der Wärmedämmung unversehrt wirkt. Innen sind die Risse längst sichtbar, eine lange Fuge zeugt, davon dass sich der Wintergarten langsam vom Gebäude trennt KRZ-Fotos: Simone Ruchay-Chiodi

Seit einem Dreivierteljahr ist klar, dass sich die Erde in zwei Böblinger Gebieten bis zu 40 Zentimetern gehoben hat. Am Donnerstag hatten die Betroffenen amtierende Gemeinderäte und aktuelle Gemeinderatskandidaten eingeladen, damit diese sich selbst ein Bild von den Häuserschäden machen können.

Artikel vom 12. April 2014 - 16:54

BÖBLINGEN. Durch das Treppenhaus dringt Ungläubigkeit. "Oooh, brutal" und "Wahnsinn" lauten die Kommentare, als eine der Besichtigungsgruppen die Stufen zum ersten Stock erklimmt: Kurz vor der letzten Treppenstufe zieht sich ein Riss von der Decke bis zum Fußboden. Wer den Bruch in der Wand näher inspiziert, der kann fast seine Hand darin verschwinden lassen. Im Wohnzimmer sieht es nicht anders aus. Die Fliesen am Boden wandern auseinander, Wände teilen sich und bieten Durchblick, Klebebänder künden von verzweifelten Rettungsversuchen, im Keller stemmen sich Stützen gegen das instabile Mauerwerk.

Ein Stockwerk höher steht derweil Antonio LaMarra. Bereits vor dem Winter ist er zusammen mit der Familie aus seinem Haus in der Feldbergstraße ausgezogen. Bis Ende diesen Jahres hat er in einer Wohnung in Böblingen Zuflucht gefunden. Nun muss er nicht nur ein wertloses Haus abzahlen, sondern noch dazu die Miete stemmen. Ein städtischer Zuschuss mildert für einige Monate die finanzielle Situation. Noch. Wie es danach weitergeht, weiß er nicht. Nur so viel: Seit dieser Woche hat er es amtlich, dass sein Haus aufgrund der Erdhebungen unbewohnbar ist. "Das Schlimmste ist", sagt er, "dass wir keine Perspektive haben. Wir hängen in der Luft".

LaMarras Haus ist das bisher am stärksten in Mitleidenschaft gezogene Gebäude in Böblingen und befindet sich gewissermaßen im Epizentrum des südlichen Hebungsgebietes zwischen Ganssee und Friedhof. Hierhin haben die Betroffenen der mittlerweile gegründeten Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE-BB) die Gemeinderäte und Kandidaten der im Mai stattfindenden Kommunalwahlen eingeladen. "Die Erde hat sich an dieser Stelle um ein senkrecht gestelltes Din A 4 Blatt gehoben", erklärt Werner Schubert. Er ist einer der beiden Geschäftsführer der Interessengemeinschaft und führt die Gruppe durch die Feldbergstraße - vorbei an Rissen im Gehweg, die sich fünf Meter weiter an den Fassaden der Häuser weiter hochfressen, vorbei an Doppelhäusern, die sich langsam voneinander trennen, Treppenaufgängen, denen der Untergrund abhanden gekommen ist und frisch sanierten Fassaden, deren Risse nur dank der Wärmedämmschicht noch nicht für die Außenwelt sichtbar sind. "Das ist wie bei einer Schokoladentafel", erzählt Schubert, "wenn man die an einer Stelle bricht, setzt sich der Riss fort". Im Falle der Häuser vom Keller bis in den Dachboden.

Anschließend ziehen die IGE-BB-Leute in der Martin Luther Kirche, deren Gemeindesaal ebenfalls schon Risse aufweist, Bilanz. 218 Häuser, haben sie gezählt, befinden sich in den beiden betroffen Gebieten. "Macht rund 1000 Bürger, die betroffen sein können", verdeutlicht IGE-BB-Mann Thomas Treutler die Dimensionen. Bisher geschätzter Schaden an den Gebäuden: rund 60 Millionen Euro. 81 Hausbesitzer haben sich der Interessengemeinschaft schon angeschlossen.

"Belastungen, für die die Betroffenen nichts können"

Dass noch viele Fragen zu klären, manche Dinge unbefriedigend sind und sich viele Betroffene alleingelassen fühlen, wird deutlich. Thomas Treutler bittet daher die Anwesenden um Unterstützung. "Uns geht die Zeit aus", befürchtet er und wünscht sich einen intensiveren Kontakt zu den Kreistagsvertretern und Landtagsabgeordneten, artikuliert den Unmut der Betroffenen, dass es in Böblingen derzeit immer noch erlaubt ist, nach Erdwärme zu bohren und erwartet Hilfe bei der Beschleunigung der Ursachenforschung. Eine längerfristige finanzielle Unterstützung, um Gutachten bezahlen zu können, ist den Geschädigten ebenso ein Anliegen, wie eine Gruppe aus Vertretern von Gemeinderat und Verwaltungen, die als permanente Ansprechpartner fungieren und die regelmäßige Begutachtungen der Schäden. Unbefriedigend ist für Treutler auch das Schicksal der vielen älteren Menschen unter den Betroffenen. "Die sind teilweise völlig hilflos", weiß Treutler. "Ich bin super enttäuscht", gesteht er, "dass sich um diese Leute noch niemand gekümmert hat".

Was es bedeutet, die Erdhebungen als Untermieter zu haben, erzählt Dieter Eger. "Morgens und abends", berichtet er, "gehe ich täglich in den Keller und schaue, ob die Versorgungsleitungen noch so sind wie bisher. Nachts denkt man bei jedem Geräusch an die Leitungen". An einen längeren Urlaub wagt der Hausbesitzer schon lange nicht mehr zu denken. "Belastungen, für die die Besitzer nichts können", sagt Werner Schubert, der gesteht, dass er seit die Interessengemeinschaft gegründet ist, wieder etwas besser schlafen kann.

Sätze und Erzählungen, die bei den Bürgervertretern Eindruck hinterlassen. Schnell findet sich eine Allparteienkoalition, die sich zumindest an diesem Tag fest entschlossen gibt, den Betroffenen rasch zu helfen. Es werden Ideen von einer Anlaufstelle und Infoveranstaltungen geschmiedet, der Ruf nach moralischer Verpflichtung, "Zusammenstehen" und maximaler Unterstützung wird laut.

Ein praktisches, ganz unkonventionelles und kostenloses Hilfsangebot gibt es zum Schluss von Bauunternehmer und Gemeinderatskandidat Ralf Sklarski: "Wer nicht weiß, wie's weitergeht, soll anrufen", lautet sein Angebot. "Eine Stunde später sind die Stützsprieße da", verspricht er.