Erdhebungen

"Die Ausdehung kann keiner vorhersagen"

Jochen Weinbrecht, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes im Landkreis, über die neuesten Erkenntnisse zu den Erdhebungen in Böblingen

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    So sieht das Ergebnis der im Januar durchgeführten Befliegung der Erdhebungsgebiete aus: Die unterschiedlich gefärbten Linien weisen auf die Höhe der Hebung hin (von 10 bis 40 Zentimeter im Norden und von 10 bis 25 Zentimeter im Süden). Hebungen unterhalb von 10 Zentimetern konnten nicht erfasst werden Grafik: Landratsamt

Am Freitag kam die überraschende Meldung: Das Erdhebungsgebiet im Böblinger Süden hat sich ausgedehnt. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, bei der die betroffenen Areale aus einem Flugzeug abgescannt wurden. Damit können die Erdbewegungen dargestellt werden.

Artikel vom 25. März 2014 - 16:54

BÖBLINGEN. Jochen Weinbrecht ist als Leiter des Wasserwirtschaftsamtes der Mann, der im Böblinger Landratsamt für alles zuständig ist, was mit Wasser und wasserführenden Gesteinsschichten zu tun hat. Seit in Böblingen Erdhebungen festgestellt worden sind, ist sein Amt als Behörde vor Ort zuständig für die Schadenserhebungen, die Ursachenforschung und die Sanierung eventuell schadhafter Geothermie-Bohrungen. Wir haben uns über die Ausdehnung des Hebungsgebietes und den aktuellen Stand der Ursachensuche mit ihm unterhalten.

 

Seit Freitag wissen wir, dass das südliche Hebungsgebiet größer als erwartet ist. Stehen wir vor einer neuen Dimension der Erdhebungen in Böblingen?

Nein. Als neue Dimension würde ich das nicht bezeichnen. Das ist eher ein Fortschreiten, das bei Quellvorgängen zu erwarten ist.

 

Ist damit das Gebiet, in dem Häuserschäden zu erwarten sind, endgültig definiert?

Das kann man aus dieser Befliegung noch nicht ableiten. Es scheint sich aber abzuzeichnen, dass sich im nördlichen Gebiet die Hebungen elliptisch ausdehnen. Daher ist ein Zusammenhang mit der einen verdächtigen Bohrung, die sich im Zentrum der Ellipse befindet, naheliegend. Im Süden ist die Situation hingegen komplexer. Da haben wir es nicht nur mit 15 Bohrungen auf sieben Grundstücken zu tun, sondern auch mit einer sichelförmigen Ausdehnung des Hebungsgebietes.

 

Was bedeutet das?

Auch dort befinden sich einige Bohrungen im Zentrum. Da die Hebungen sich aber nicht gleichförmig um eine Mitte ausdehnen, müssen wir nun schauen, welche Bohrungen wir in den Randbereichen untersuchen müssen.

 

Das heißt, es werden weitere Befliegungen notwendig?

Wir überlegen gegenwärtig, welche Folgeuntersuchungen Sinn machen - weitere Befliegungen oder Feinvermessungen vor Ort. Die wesentliche Energie müssen wir momentan in die Ursachenforschung und in die Sanierung stecken.

 

Gibt es bereits Schadensmeldungen aus dem Gebiet Richtung Ganssee, das jetzt ebenfalls als betroffen gilt?

Derzeit haben wir rund 150 Schadensmeldungen vorliegen, die sich auf die beiden Areale etwa gleich verteilen. Es kann sein, dass im Süden darunter auch welche sind, die bisher außerhalb lagen. Das Gebiet wabert an den Rändern aus.

 

Wie weit noch?

Das ist schwierig einzuschätzen, das kann derzeit niemand vorhersagen. Aber klar ist: Desto mehr sich das Zentrum hebt, desto mehr sind die Auswirkungen auch in der Fläche spürbar.

Umso wichtiger wird es, rasch die Ursachen zu finden. Im Norden, heißt es, soll die verdächtige Bohrung demnächst weiter untersucht werden.

Ja, dort scheint nach Gesprächen mit dem Grundstücksbesitzer und seinem Anwalt der Weg für weitere Voruntersuchungen frei zu sein. Wir hoffen, vor Ostern die Arbeiten fortsetzten zu können.

 

Die Hebungen können erst gestoppt werden, wenn defekte Bohrungen saniert sind. Wie stehen dort die Chancen?

Das Problem ist, dass es für eine Sanierung derzeit keinerlei Patentrezepte gibt. Jede Bohrung hat ihre eigenen Bedingungen. Wenn es ganz gut läuft, dann könnten wir den Schaden minimalinvasiv beheben. Dazu müssten wir aber in die vorhandene Bohrung hineinkommen. Das hat in Leonberg funktioniert. Wenn das nicht gelingt, dann wird's schwierig. Dann gilt es, ein anderes Verfahren zu wählen, das eine Sanierung mit möglichst wenig Risiko für das Hebungsgebiet erlaubt. Schließlich muss dabei erneut in den sich hebenden Boden eingegriffen werden. Hierzu benötigen wir auch die Hilfe des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau.

 

Und wie sieht's im Süden derzeit aus?

Dort sind wir gut im Zeitplan. Diese Woche werden vier Bohrungen untersucht. Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden diese von einer Expertenrunde besprochen, um das weitere Vorgehen abzuklären.