Fernwärme-Streit in Böblingen

Fernwärme: Stadtwerke Böblingen schichten Preis um

Bezugspreise ändern sich von 1. Januar 2017 an - Kosten hängen stärker von Hausgröße ab - Schriftliche Verträge

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    Unterirdische Fernwärme-Leitungen in Sindelfingen. Gut zu erkennen: Die weiße Isolation, mit der eine Wärmeabgabe an die Umgebung verringert werden soll. Foto: red

Ein abrupter Preisanstieg bei der Fernwärme der Stadtwerke Böblingen sorgte im vergangenen Jahr bei manchem für Unmut. Jetzt will der Versorger seine Preise transparenter machen - und startet mit einem neuen Preismodell ins neue Jahr.

Artikel vom 02. November 2016 - 11:05

BÖBLINGEN. Die Stadtwerke Böblingen ändern ihren Preis für Fernwärme. Vom 1. Januar 2017 an wird sich der Grundpreis für den Anschluss ans Fernwärmenetz deutlich erhöhen. Im gleichen Zug sinkt aber der Arbeitspreis, also der Preis für die tatsächlich bezogene Energie. Bisher betrug der Grundpreis für alle Verbraucher 34,30 Euro pro Kilowatt. Vom 1. Januar an richtet er sich stärker nach der Anschlussgröße des Verbrauchers und steigt stufenweise in drei Zonen an, wobei größere Anschlüsse wie etwa Bürogebäude oder größere Wohnblocks eine Art Mengenrabatt erhalten.

In der ersten Zone (bis 50 Kilowatt) beträgt der Grundpreis pro Kilowatt 75,57 Euro, in der zweiten (50 bis 100 Kilowatt) 61,29 Euro und in der dritten (100 bis 500 Kilowatt) noch 55,93 Euro. Der Arbeitspreis ist nicht in Zonen gestaffelt und sinkt von bisher 85,87 Euro auf 66,72 Euro pro Megawattstunde.

Außerdem richten die Werke den Preis für die Fernwärme an Kennwerten aus, die das statistische Bundesamt herausgibt. So fließen etwa die Preise für leichtes Heizöl, Erdgas oder auch das allgemeine Lohnniveau in den Preis mit ein. "Das macht künftige Preisentwicklungen, also steigende und sinkende Preise transparent und nachvollziehbar", sagt Stadtwerke-Sprecherin Martina Mayer.

Tatsächlich haben die Stadtwerke Böblingen in Zukunft also kaum noch einen direkten Einfluss auf die Preisgestaltung. Künftige Schwankungen der Kennwerte schlagen sich auf den Preis durch, und nicht betriebswirtschaftliche Überlegungen des städtischen Energieversorgers.

Fernwärme-Kunden spüren Preisänderung erst Ende 2017

Unterm Strich haben die Stadtwerke mit zusätzlichen Fernwärme-Erlösen in Höhe von 1,5 bis 2,5 Prozent kalkuliert. Dazu sagt Sprecherin Mayer: "Der Mehrerlös dient ausschließlich dazu, das bestehende Defizit in der Fernwärmesparte auszugleichen und unser Sanierungsprogramm zu finanzieren." Mayer betont aber, dass es sich dabei um eine grobe Schätzung handle, da die Erlöse von der Heizleistung der Gebäude abhängen und damit von der Umgebungstemperatur.

Die Gewichtung, wie stark die einzelnen Kennziffern in die Formel eingeflossen sind, haben unabhängige Experten übernommen. Die neue Berechnung beginnt am Neujahrstag 2017, somit werden Fernwärme-Kunden erstmals Ende 2017 die Preisänderung tatsächlich im eigenen Geldbeutel spüren. Dann erst rechnen die Stadtwerke das Jahr ab und legen die Abschlagszahlungen für 2018 fest. Am heutigen Donnerstag sollten alle Fernwärme-Kunden der Stadtwerke Unterlagen in ihrem Briefkasten haben, die einerseits die neue Preisformel ausführlich erklären, und andererseits vorrechnen, wie sich der Preis für jeden einzelnen voraussichtlich ändern wird.

Wie sich die Preisänderung auswirkt, rechnen die Stadtwerke an zwei Beispielen vor. So kam im bisherigen Preismodell ein Einfamilienhaus beispielsweise auf einen Grundpreis von 411 Euro und einen Arbeitspreis von 943 Euro, ergo einen Gesamtpreis von 1355 Euro pro Jahr. Laut der neuen Preisformel werden für die gleiche Menge Wärme jetzt 1506 Euro fällig, also unterm Strich rund 150 Euro mehr. Grund ist der deutlich gestiegene Grundpreis, den die Senkung des Arbeitspreises nicht wettmachen kann.

Im zweiten Beispiel sinken die Kosten: Wird ein Wohnblock herangezogen, der im alten Preismodell bisher einen Grundpreis von 12 524 Euro hätte bezahlen müssen und einen Arbeitspreis von 60 293 Euro, macht das zusammen 72 817 Euro. Nach der neuen Formel kommt der Block auf einen erhöhten Grundpreis von 21 674 Euro und einen Arbeitspreis von 45 729 Euro, also unterm Strich auf nur noch 69 662 Euro.

Ohnehin sind große Einheiten viel eher für die Wärme aus der Leitung geeignet, also kleine. Der Aufwand für die Fernwärmeleitung ist vergleichsweise hoch und rechnet sich erst, wenn je Anschlussstelle viele damit heizen und Warmwasser beziehen. Eine Besonderheit des Böblinger Netzes ist aber, dass das Verhältnis zwischen verlegten Leitungen und tatsächlichen Abnehmern recht ungünstig ausfällt. Insgesamt liegen 53 Kilometer Fernwärmenetz unter den Straßen von Böblingen.

Darin fließen wie in einem riesigen Heizkreislauf 1,1 Millionen Liter Wasser. Das entspricht der Füllung von 7333 Badewannen. Dem gegenüber stehen allerdings "nur" 1870 einzelne Abnehmer: Wohnblocks, Hochhäuser, Behörden, Schulen, Kindergärten und kleinere Wohneinheiten. Letztere machen mit rund 75 Prozent allerdings den Löwenanteil aus. Was das Netz vergleichsweise teuer macht. "In Jena beispielsweise gibt es ein Fernwärmenetz mit rund 18 000 Haushalten aber nur etwa 18 Kilometern Leitungsnetz", sagt Martina Mayer.

Erstmals schriftliche Verträge

Mit einem weiteren Umstand will der Energieversorger im Zuge der Preisumgestaltung aufräumen: schriftliche Verträge. "Bis dato haben wir mit unseren Kunden keine schriftlichen, sondern nur faktische Verträge", sagt Sprecherin Mayer. Das bedeutet, schon mit der reinen Abnahme der Fernwärme ist der Nutzer Kunde bei den Stadtwerken, muss die Rechnungen bezahlen. Damit soll nun Schluss sein. Mayer: "Mit den schriftlichen Verträgen wollen wir vor allem Rechtssicherheit und Transparenz für unsere Kunden schaffen." Die Verträge liegen den zugesandten Unterlagen bei - Kunden können sie noch bis zum 30. November an die Stadtwerke schicken oder in der Geschäftsstelle im Einkaufszentrum abgeben.

Dazu besteht allerdings kein Muss. Auch wer den Vertrag nicht schriftlich eingehen möchte, erhält von 1. Januar an die Wärme zu den neuen Preisen. Allerdings belohnen die Stadtwerke alle Unterzeichner mit einem Bonus von 2,5 Prozent auf den Arbeitspreis. Dieser gilt für die gesamte Laufzeit des Vertrags bis zum Jahresende 2021. Auch einen weiteren Bonus geben die Stadtwerke weiter. Der sogenannte Ausgleichsbonus soll (bei unterschriebenem Fernwärme-Vertrag) möglicherweise zu hohe Anschlussleistungen über drei Jahre lang ausgleichen.