Fernwärme-Streit in Böblingen

IG Fernwärme warnt vor Vertragsunterschrift - Infografiken zum Download

Neue Preisstruktur der Stadtwerke bringt für viele Kunden erneut massive Preiserhöhung - Nachlass als Lockangebot bezeichnet

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    Die IG Fernwärme hat in dieser Grafik Kosten der Fernwärme für ein durchschnittliches Haus in verschiedenen Städten verglichen.

Der Streit um die Preisgestaltung für die Fernwärme geht in eine neue Runde. Denn für viele Kunden bedeutet die neue Tarifstruktur eine weitere Erhöhung der Preise. Die IG Fernwärme macht dagegen mobil. Insbesondere der Preisnachlass, der für einen Vertragsabschluss bis 30. November gewährt wird, wird kritisiert.

Artikel vom 10. November 2016 - 11:03

BÖBLINGEN. Peter Aue, Pressesprecher der Interessengemeinschaft Fernwärme, hat für die Stadtwerke erst einmal ein Lob parat: "Marketingmäßig ist das spitze, die haben das Thema Preiserhöhung clever umschifft." Dass die Stadtwerke ihren Kunden im Zwangsanschlussgebiet (siehe Hintergrund) künftig mehr Geld für den Grundpreis und einen niedrigen Preis für die bezogene Energie abnehmen wollen, sei aber "trickreich und an Dreistigkeit nicht zu überbieten". Besonders clever sei dabei der angebotene Preisnachlass über 2,5 Prozent, wenn bis zum 30. November der allen Kunden zugestellte Vertrag unterschrieben werde. Der soll laut Stadtwerken (die KRZ berichtete) mehr Transparenz und Rechtssicherheit schaffen. Den Nachlass gebe es dann bis Ende 2021. Bisher, und auch künftig, beliefern die Stadtwerke auch ohne expliziten Vertrag. Mit der Unterschrift aber, so Aue, verzichteten die Kunden auf alle Rechte und bezahlten "auf alle Ewigkeit zu viel". Denn auch die neuerliche Preiserhöhung will die IG Fernwärme, inzwischen ein eingetragener Verein, beim Kartellamt anfechten.

Denn hinter der neuen Preisstruktur steckt für die IG Fernwärme vor allem eine erneute Preiserhöhung. Die einen Großteil der Kunden trifft, die in Einfamilienhäusern oder kleinen Wohneinheiten ans Netz angeschlossen sind. Für die sorgt der höhere Grundpreis trotz der reduzierten Abgabepreise für die Wärme selbst, für einen mächtigen Preisanstieg. Für die Durchschnittskunden, die einen Anschlusswert von 15 kW haben und 1100 Vollbenutzungsstunden, hat die IG die Preissteigerungen der letzten Jahre ausgerechnet (siehe Grafik). Demnach liegt Böblingen ab dem 1. Januar 2017 18,7 Prozent über dem teuersten vergleichbaren Wärmeanbieter, der ebenfalls die Hitze überwiegend aus Müll bezieht. "Sindelfingen lässt sich nur bedingt als Vergleichsmaßstab heranziehen, weil wir mit unseren Erschließungsbeiträgen schon die Infrastruktur mitbezahlt haben, die Stadtwerke Sindelfingen die Leitungen aber weitgehend selbst bezahlen mussten, da es so gute wie keine Zwangskunden gibt", betont der pensionierte Diplom-Ingenieur. Böblingen liege sogar über 20 Prozent über der vergleichbaren Anlage in Magdeburg.

Für die IG Fernwärme nutzen die Stadtwerke ihr Monopol, das sie aufgrund des Anschlusszwangs haben, "missbräuchlich aus". Weswegen auch auf diese Preiserhöhung eine Beschwerde bei den Kartellbehörden erfolgen wird - diesmal durch den Verein, der über 200 Mitstreiter hat. "Uns laufen die Leute gerade die Türe ein", freut sich Aue über weiteren Zulauf. Am 25. November soll eine Informationsveranstaltung folgen. Eindringlich warnt er vor der Unterschrift des Vertrages mit dem Bonus: "2,5 Prozent sind so wenig Geld im Vergleich zu dem, was man zurückbekommen könnte." Man könne die erhöhten Preise aber auch unter Vorbehalt bezahlen. Er selbst bezahle weiter lediglich Preise wie vor der ersten Preiserhöhung im August 2015. "Die sollen mich verklagen" gibt er sich kampfeslustig.

Individueller Bonus bei zu hohen Anschlussleistung

Aue gesteht aber ein, dass es "für die großen Blocks eine andere Kiste ist, da könnten die Preise tatsächlich niedriger ausfallen." Die IG-Aktivisten fürchten aber auch, dass der in einigen Schreiben der Stadtwerke auftauchende Ausgleichsbonus die Kunden zur Unterschrift bewegen könnte. Der wird gewährt, wenn die Anschlussleistung des Abnehmers deutlich überhöht ist im Vergleich zur tatsächlich bezogenen Wärme. Damit wird der Grundpreis reduziert. Bisher musste dafür auf jeden Fall ein qualifiziertes Fachbüro den Anschlusswert neu berechnen. Nun gewähren die Stadtwerke bei einem offensichtlichen Missverhältnis eben jenen Bonus - aber nur bis zum 31. Dezember 2019. Bis dahin müsste dann ein neuer Anschlusswert ermittelt werden.

Die neue Preisformel, kritisiert die IG Fernwärme, werde dazu führen, dass sich mancher Hausbesitzer überlege, aus der Fernwärme auszusteigen und Luft-Wasser-Wärmepumpen einzusetzen. Zudem befürchtet Aue, dass die "Nutzer die Anschlussleistungen auf Teufel komm raus reduzieren und dann bei kaltem Wetter mit Kaminen und Kaminöfen oder Elektroöfen zusätzlich heizen". Die Abwärme des Restmüllmeilers werde dann ungenutzt in die Luft geblasen. Erste Reaktion aus den Reihen des Gemeinderates und von Seiten des Oberbürgermeisters machen Aue wenig Hoffnung: "Die Politik ärgert mich noch mehr als die Stadtwerke, die hält ihre schützende Hand drüber."

Info:

Als Servive stellen wir hier Infografiken als Download zur Verfügung.

► Kostenvergleich Energieträger (aktualisiert)

► Vergleich Fernwärmepreise (aktualisiert)

► Preisindex Fernwärme in Deutschland (aktualisiert)