Fernwärme-Streit in Böblingen

Experte: "Das Fernwärmenetz ist völlig marode"

Laut dem Experten Ulrich Soller liegen die Gründe für die teurer gewordene Böblinger Fernwärme in jahrelangem Missmanagement

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    Als Experte für Heizungsbau war Ulrich Soller in ganz Deutschland unterwegs Foto: Bischof

Der Holzgerlinger Ulrich Soller hat in ganz Deutschland als Fachmann für Energietechnik und Heizungsbau gearbeitet. Vor dem jüngsten Preisanstieg bei der Fernwärme in Böblingen wurde er als Experte hinzugezogen. In der hitzig geführten Preisdebatte legt er den Finger in die Wunde. Und spricht Klartext.

Artikel vom 18. November 2016 - 10:34

Herr Soller, in einem Interview im Mai haben Sie gesagt, der Grundpreis der Böblinger Fernwärme sei auch nach der ersten Erhöhung immer noch viel zu niedrig. Jetzt werden die Stadtwerke ihn noch mal von 34 auf etwa 75 Euro erhöhen.

Grundsätzlich muss man dazu sagen, dass die bis dato gültige Tarifstruktur nicht zukunftsfähig war.

Wie meinen Sie das?

Das Problem ist, dass die jährlichen Fixkosten der Stadtwerke für die Fernwärme nur zum Teil im Grundpreis enthalten waren, der andere Teil wurde versucht, über die Kosten für die tatsächlich abgenommene Wärme abzurechnen. Das führt für die Stadtwerke aber langfristig zu einer Schieflage, da viele Fernwärmekunden anfangen, ihre Häuser zu dämmen, nur noch einen kleineren Anschluss benötigen und dadurch noch weniger Grundpreis bezahlen.

Woher kommt diese Verquickung der Kosten, die den Preis sehr undurchsichtig gemacht hat?

Das resultiert noch aus der alten Struktur der Stadtwerke, als diese noch ein Eigenbetrieb der Stadt Böblingen waren. Damals war der Grundpreis mit unter zehn Euro hoffnungslos zu niedrig angesetzt.

Heute beträgt der Grundpreis das siebenfache. Wie erklärt sich dieser enorme Aufschlag?

Als die Fernwärme in Böblingen in den siebziger Jahren ausgebaut wurde, habe ich im Ingenieurbüro des CDU-Landtagsabgeordneten Rudolf Decker die Abteilung Haustechnik geleitet. Dort bin ich mit dem Thema vielfach in Berührung gekommen, als in der Stadt Fernwärmeleitungen verlegt wurden. Dem Stand der Technik entsprechend lagen die damals in Asbestzementmantel-Rohren.

Asbest ist mittlerweile als giftig eingestuft, sind die Rohre denn mittlerweile erneuert?

Nur zum Teil. Etwa zwei Drittel der Fernwärmeleitungen in Böblingen sind noch mit diesem Asbest ummantelt. Die müssen jetzt natürlich dringend ersetzt werden. Neben dem bedenklichen Baustoff verlieren diese alten Leitungen auch viel Wärme und es gibt an vielen Stellen Lecks, was zu einem hohen Wasserverlust führt.

Lässt sich das irgendwie beziffern?

Das Netz verliert jeden Tag etwa 5000 Liter Wasser. Es ist aber kein gewöhnliches Wasser, sondern destilliertes. Diese sogenannte Nachspeisung ist also recht aufwändig, ich würde sagen, sie kostet die Stadtwerke täglich mehrere hundert Euro. Das ist ein weiterer Grund für den Austausch der Leitungen. Und das kostet.

Trägt der neue Fernwärmepreis dem jetzt also Rechnung?

Ja, ungefähr. Allerdings ist die Kritik der IG Fernwärme insofern nicht sachgerecht, als dass dort die Preisstruktur verzerrt dargestellt wurde. Es wurde ein 15-Kilowatt-Anschluss mit 1100 Vollbenutzungsstunden angeführt. In so einem Fall entsteht natürlich ein überhöhter Jahrespreis, wenn ein vergleichsweise hoher Anschlusswert und damit Grundpreis angenommen wird bei relativ wenig Verbrauch. Dann kommt natürlich ein überhöhter Jahrespreis dabei raus.

Also können Sie die Kritik der IG Fernwärme nicht ganz nachvollziehen?

Wenn ein altes Haus am Fernwärmenetz hängt, das nicht dem Standard entspricht, mag es schon möglich sein, dass es einen hohen Anschlusswert benötigt. Klar. Maßgeblich ist eigentlich weniger der Anschlusswert, sondern die Menge des Heizwassers, das jeden Tag durch den Kreislauf gepumpt wird. Das ist bei einem schlecht gedämmten Haus mit schlechter Heizung mehr, was die Kosten nach oben treibt.

Viele Kunden kritisieren auch die Kommunikation der Stadtwerke und dass sie mit Prämien in neue Verträge gelockt werden.

Das mag sein. Aber wie sollen die Stadtwerke die Kunden sonst langfristig an sich binden? Das ist eine strategische Überlegung, die dort gemacht wurde. Ob die gut kommuniziert wurde, steht auf einem anderen Blatt. Der Grund für den Ärger dürfte aber viel eher sein, dass schon vorher zu viel aufgewirbelt wurde. Außerdem sind Preiserhöhungen natürlich immer unpopulär.

Eine verzwickte Situation: Auf der einen Seite verärgerte Kunden, auf der anderen Seite die Stadtwerke, bei denen hohe Investitionen in das marode Netz anstehen.

Die Stadtwerke haben natürlich jetzt ein Kostenproblem. Der nüchterne Hintergrund: Die Stadt Böblingen hat sich salopp gesagt einen schlanken Fuß gemacht und wollte mit der Ausgliederung der Stadtwerke in eine eigene GmbH im Jahr 2012 das Problem loswerden.

Heißt konkret?

Zuvor waren die Stadtwerke ein Eigenbetrieb, der keine Rücklagen für die Instandhaltung des Fernwärmenetzes gebildet hat. Jetzt sitzen die auf einem alten Netz, das dringlich zu sanieren ist. Und die Stadt hat sich daraus verabschiedet und eigentlich der Verantwortung entzogen.

Aber die Stadt ist doch immer noch Mehrheitseigner der Werke?

Trotzdem ist die Konstruktion so angelegt, dass die Stadt Böblingen nicht nachschusspflichtig ist.

Also soll die Stadtkasse möglichst nicht belastet werden?

So ist es. Das ist der Hintergrund. Zugleich will die EnBW als Anteilseigner mit dieser Beteiligung an den Stadtwerken auch etwas verdienen.

Jetzt werden die Kosten ganz offensichtlich auf die Kunden umgelegt. Ist die Fernwärme in Böblingen jetzt also überteuert?

Die IG Fernwärme hat in ihrem Preisvergleich nicht unbedingt Stadtwerke beigezogen, die teurer sind. Die gibt es auch. Der Preis hängt eben von der Struktur des Fernwärmenetzes ab. In Böblingen scheint dieses mit 43 Kilometern aber vergleichsweise weitläufig bei relativ wenigen Anschlüssen, nämlich nur 1800. In der Branche spricht man von der sogenannten Anschlussdichte. Davon leitet sich auch ab, ob ein Standort "fernwärmewürdig" ist. Die Anschlussdichte ist in Böblingen nicht allzu hoch.

Wie schneidet Böblingen ab dem 1.1.2017 im Preisvergleich mit anderen Städten ab?

Der Preis für die Fernwärme in Böblingen liegt im Vergleich mit dem von anderen Netzen sicher im oberen Bereich, allerdings nicht extrem. Ohne Mehrwertsteuer gerechnet, liegt der Arbeitspreis bei unter sechs Cent pro Kilowattstunde. Das ist günstig.

Wie liegt die Fernwärme preislich im Vergleich zu Heizarten wie Gas oder Öl ab?

Von der Wartung einmal abgesehen liegt die Wärme aus Gas derzeit bei etwa sieben Cent, Öl etwas darunter. Allerdings würde ich nicht auf Öl setzen, das wird bestimmt bald teurer. Saudi-Arabien hat gerade erst eine Staatsanleihe aufgenommen. Die scheinen also Geld zu brauchen. (schmunzelt)