Fernwärme-Streit in Böblingen

Fernwärme-Bezieher Brodbeck: "Ich bin kein Schmarotzer"

Der Böblinger Gerd Brodbeck wehrt sich mit Zahlen gegen das Argument, Fernwärme sei eine günstige Heiztechnik

  • img
    Gerd Brodbeck in seinem Keller an der Übergabestation für die Fernwärme: Jahrelang wurde sein Anschlusswert viel zu hoch angesetzt Foto: Thomas Bischof

Im Streit um die Preisgestaltung bei der Fernwärme in Böblingen scheint immer wieder der Vorwurf auf, bis zur Gründung der neuen Stadtwerke hätten die Kunden auf Kosten der Allgemeinheit besonders billig geheizt. Dem stellt Gerd Brodbeck seine Zahlen entgegen.

Artikel vom 20. Dezember 2016 - 10:32

BÖBLINGEN. Der springende Punkt in der Auseinandersetzung um die Preisgestaltung der Stadtwerke ist der Zustand des Leitungsnetzes und mögliche Versäumnisse der alten Stadtwerke bei Unterhalt und Investitionen. Diesem Zwist wird die KREISZEITUNG mit einer öffentlichen Diskussion (siehe Info) am 31. Januar auf den Grund gehen. Dabei soll es um Investitionen und Versäumnisse ebenso gehen wie um die Frage, inwieweit das Konstrukt der neuen Stadtwerke für den Preisschub verantwortlich ist. Eines möchte der Böblinger Gerd Brodbeck aber gerne vorab einmal klargestellt haben: Die zwangsweise an die Leitungen angeschlossenen Kunden hätten keinesfalls über Jahre hinweg besonders billig geheizt. "Ich bin kein Schmarotzer", wehrt er sich gegen solche Unterstellungen.

Und legt Zahlen auf den Tisch. Gebaut hat der Böblinger Feuerwehrmann in den Jahren 1996/97. "Wir haben damals sehr hochwertig gebaut", schildert der Leitende Angestellte aus dem Baustoffbereich seine damaligen Überlegungen. Ein Mauerwerk von 36 Zentimetern zog er hoch. Und "wir hatten uns für eine damals unübliche Aufsparrendämmung entschieden", beschreibt er die Wärmedämmung von 120 Millimetern Dämmstoff auf dem Dach. Seitdem hat er nicht weiter energetisch aufgerüstet. Warum auch: "Bei einem Blowerdoor-Test haben wir 2015 die heutigen Standardwerte erreicht." Bei diesem Test wird das Haus auf Undichtigkeiten und Wärmebrücken untersucht.

"Eigentlich wollte ich gar nicht an die Fernwärme angeschlossen werden", erinnert er sich an die Genehmigungsprozedur. Doch der Maurener Weg gehört ins Satzungsgebiet der Fernwärme - da ist der Anschluss Pflicht: "Eigentlich wollte ich einen Kachelofen oder Kamin anschließen, der wurde aber bei der Bauvoranfrage gestrichen." Er sei sich damals bewusst gewesen, dass er "wesentlich mehr ausgeben muss und in Abhängigkeit gerate". Alleine an der Fernwärme führte kein Weg vorbei.

Also hieß es erst mal bezahlen. "Das waren bei den Erschließungskosten rund 8000 Mark", hat er ausgerechnet. Dazu kamen einmalige Anschlussgebühren von 12 300 Mark. Zusätzlich musste die Übergabestation im Keller finanziert werden: Noch einmal 10 000 Mark plus Mehrwertsteuer. "Damals hätte ich für eine sehr gute Ölheizung, Tank und Kamin 20 000 bis 22 000 Mark ausgegeben - höchstens", bilanziert der Fachmann vom Bau.

Jetzt, da die Stadtwerke den Grundpreis der Kunden massiv erhöhen, rückt der Anschlusswert der Gebäude noch mehr in den Fokus als bei der ersten Preisrunde vor eineinhalb Jahren. Denn in der Tat bezahlten die Kunden einen sehr niedrigen Grundpreis, dafür schwankten die Kosten je nach Winter beträchtlich. Bei Brodbeck wurde der Anschlusswert seinerzeit alleine nach der Wohnfläche von rund 170 Quadratmetern berechnet. Und heraus kamen 22,4 Kilowattstunden (kWh). Diesen Wert ließ Brodbeck von einem Energieberater überprüfen. Der ermittelte einen Anschlusswert von 5,5 kWh aus den Verbräuchen der vergangenen Jahre. "Dann wollte er aber 14 kWh reinschreiben, das sei so mit den Stadtwerken abgesprochen. Die Differenz zwischen altem und neuem Wert müsse halbiert und dann draufgeschlagen werden, weil es sonst nicht funktioniert", empört sich der 48-Jährige noch immer. "Wir sind doch nicht auf dem Bazar, wir schreiben das rein, was ermittelt wurde", beharrte er. Ein Architekt, der schon vorab von ihm beauftragt wurde, einen Energieausweis nach DIN4108-6 und DIN 4701-10 zu erstellen, hatte einen fast identischen Wert wie den zuerst beim Energieberatungsgespräch berechneten festgestellt. Beim Energieausweis werden sämtliche Werte des Gebäudes (unter anderem Volumen, verwendete Baustoffe, Bauausführung etc.) zur genauen Berechnung herangezogen. Aus den 22,4 kWh sind jetzt aktuell 6,9 geworden. Doch Brodbeck gehört zu jenen Kunden, die sich schon der ersten Preiserhöhung verweigerten: "Ich bezahle nur den alten Betrag, ich will da einen konkreten Nachweis für die Kosten haben". Denn nach der neuerlichen Preiserhöhung rechnet er mit einer Kostensteigerung auf rund 1240 Euro für sein Haus. Vor der ersten Preiserhöhung im Sommer 2015 lag er bei rund 950 Euro. Was eine Erhöhung um rund 30 Prozent macht.

Mehr als 1000 Liter Heizöl, hat er berechnet, bräuchte er aber auch nicht pro Jahr. Und läge damit unter den Fernwärmekosten. "Außerdem habe ich all die Jahre aufgrund des zu hohen Anschlusswertes zuviel Grundgebühr bezahlt", kontert er die Vorwürfe, bisher hätten die Kunden auf Kosten der Stadtkasse, also der Allgemeinheit, besonders billig geheizt.