Fernwärme-Streit in Böblingen

Podiumsdiskussion: Ärger über Fernwärme bekommt ein Ventil

Bei der Podiumsdiskussion der KREISZEITUNG über gestiegene Fernwärme-Preise lassen viele Betroffene Dampf ab - Konstruktive Vorschläge formuliert

  • img
    Auf dem Podium haben leidenschaftlich diskutiert (v.l.): Gerd Hertle, Markus Rau, Ben Schlemmermeier (für die Stadtwerke), Ulrich Soller (Experte), Otto Kühnle (Moderator), Peter Aue, Werner Dorß und Wolfgang Braig (für die IG Fernwärme) Foto: TB

Die Atmosphäre im gesteckt vollen Sparkassenforum hat am Dienstag zum Motto "Dampf im Kessel" gepasst: Sie war genauso hitzig, wie die Diskussion auf dem Podium. Dort haben die Teilnehmer intensiv über den Zustand des Fernwärmenetzes und die geänderte Tarifstruktur gestritten.

Artikel vom 01. Januar 1970 - 01:00

BÖBLINGEN. Obwohl der Andrang im Sparkassenforum schon Minuten vor dem Einlass um 18.30 Uhr erheblich ist, bleibt die Garderobe im Foyer verwaist. So eilig haben es die Besucher, einen der 405 Plätze im Sparkassenforum zu ergattern, dass sie lieber ihren Wintermantel mit auf den Platz nehmen. Am Ende reichen die Stühle knapp nicht, und einige Zuhörer müssen mit einem Stehplatz vorlieb nehmen - das Bürgerinteresse an der Frage nach gerechten Fernwärme-Preisen ist ungemindert hoch. Mehr noch: Die Wogen der Emotion lassen sich an diesem Dienstagabend auf und vor der Bühne nur schwer in Zaum halten.

OB-Begrüßung: Das spürt gleich zu Beginn der Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Lützner, der unter Buh-Rufen begründen muss, warum er lieber nicht auf dem Podium mitdiskutieren will. Er sieht sich in einer Doppelrolle: Einerseits will er als Oberbürgermeister die Interessen der Bürger vertreten, andererseits ist er als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Stadtwerke deren oberster Kontrolleur. Das Podium überlässt er daher lieber den operativ Tätigen - fordert aber eine sachliche und faire Diskussion. Die gab es dann auch, wenngleich das Publikum den ganzen Abend über schnell dabei ist, einzelne Aussagen entweder johlend zu bejubeln oder hämisch auszubuhen.

Zustand des Fernwärmenetzes: Die wohl drängendste Frage in technischer Hinsicht stellt Moderator und KRZ-Chefredakteur Otto Kühnle gleich zu Beginn an den technischen Leiter der Stadtwerke, Markus Rau. Der hat zu Veranschaulichung eine alte und eine neue Fernwärmeleitung aus dem Böblinger Netz mitgebracht. Alles in allem seien viele Leitungen in einem sehr schlechten Zustand, sagt er. Mit einem Spezialflugzeug haben die Stadtwerke 2014 aus 1000 Metern Höhe sogenannte Thermografie-Aufnahmen gemacht, um Wärmeverluste sichtbar zu machen. Außerdem sind die Werke in 886 Schächte gestiegen und haben mit weiteren Methoden eine umfangreiche Schadensstatistik angelegt. Alles in allem kommt Rau zu dem Schluss: "Das Fernwärmenetz ist in einem sehr, sehr, sehr schlechten Zustand." Das Publikum und die Vertreter der Interessengemeinschaft Fernwärme (IGFW) hören das allerdings nicht gern.

Wasserverluste: Der SWBB-Geschäftsführer Gerd Hertle rechnet vor, dass im Böblinger Netz jedes Jahr vier Millionen Liter Fernwärmewasser verloren gehen, nach Branchenstandards dürften es allerdings nur 400 000 bis 700 000 Liter sein, also um das Zehnfache weniger. Von technischer Seite erhält er dabei Unterstützung vom Sachverständigen Ulrich Soller, der aufzeigt, dass auch hier der Teufel im Detail liegt: "Nach meinen Informationen wurde hier nicht röntgensicher geschweißt." Laut ihm müssen beim Verlegen von Fernwärmeleitungen die Schweißnähte mindestens stichprobenartig mit einem Röntgengerät auf Dichtheit überprüft werden, was bei einem Teil der in Böblingen verlegten Leitungen aber nicht geschehen sei. Unter Protesten erklärt Gerd Hertle, dass in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren demnach das halbe Fernwärmenetz zu erneuern sei. Drei der 54 Kilometer haben die Stadtwerke bereits ausgetauscht im vergangenen Jahr - für über 4,5 Millionen Euro.

Allen voran argumentiert IGFW-Experte Wolfgang Braig dagegen, dass es für Fernwärmeleitungen gar keine vorgegebene Lebensdauer gebe und eine gut verlegte Leitung durchaus Jahrzehnte halten könne. Außerdem reichten winzige Lecks, um viel Wasser zu verlieren. Braig fordert unter Beifall: "Finden Sie diese Löcher!" Der emeritierte Professor pocht darauf, dass die Stadtwerke vor der Ausgliederung ordnungsgemäß gearbeitet hätten.

Struktur des Netzes: Der von den Stadtwerken als Experte mit aufs Podium gebrachte Geschäftsführer der LBD-Beratungsgesellschaft für Energiewirtschaft, Ben Schlemmermeier, rechnet dem Publikum abgeklärt vor, dass im Böblinger Netz nur etwa 1800 Kilowattstunden pro Leitungsmeter im Jahr transportiert würden. Der Durchschnitt in Deutschland läge allerdings wesentlich höher: Bei 2800. Vereinfacht gesagt wird also in Böblingen zu wenig Wärme im Vergleich zur Gesamtlänge der verlegten Leitungen transportiert.

Auch Ulrich Soller berechnet die Wirtschaftlichkeit des Netzes als "mäßig", fielen doch nur 1100 sogenannte Vollbenutzungsstunden pro Jahr an, obwohl bei anderen Netzen das Doppelte ein üblicher Wert ist. Kurz gesagt sehen diese beiden das Netz als zu groß dimensioniert für die Zahl der tatsächlichen Abnehmer. Ein Faktum, das aus der Vergangenheit herrühren kann.

In den siebziger und achtziger Jahren nämlich ging man davon aus, dass auf der Diezenhalde (hier wurden die Häuser zwangsweise an das Fernwärmenetz angeschlossen) einmal 15 000 Menschen leben würden. Tatsächlich sind es heute nur 8500.

Die Debatte macht an diesem Punkt einen Sprung, zum Personalbesatz der Stadtwerke. IGFW-Sprecher Peter Aue bringt seine Verwunderung zum Ausdruck, dass bei den Stadtwerken seit Ausgliederung 2012 personell kräftig aufgestockt wurde. Er führt an, dass die Werke von 38 Kräften im Jahr 2013 innerhalb von zwei Jahren auf 80 angeschwollen seien. Außerdem seien derzeit neun Stellen ausgeschrieben. Gerd Hertle allerdings gibt nur 59 derzeitige Mitarbeiter an - Saisonarbeiter, Azubis und Aushilfen nicht mitgerechnet. Bedauernswerterweise kann das Podium nicht klären, wer von beiden die korrekte Zahl hat.

Quersubventionierung: Die IGFW treibt außerdem um, dass die Spartenergebnisse der Stadtwerke kaum transparent seien. Zumal die Sparten Strom und Gas von den Stadtwerken selbst als "margenschwach" bezeichnet werden und es naheliegend ist, dass Gewinne in der Fernwärme mit dazu beitragen sollen, die Neukundengewinnung in diesem schwierigen Markt querzufinanzieren. Gerd Hertle entgegnet, man habe bei den 13 Geschäftsbereichen "eine sehr strenge Spartenrechnung".

Das allerdings solle er dann doch aber bitte auch veröffentlichen, fordert Rechtsanwalt Werner Dorß, der für die IGFW teilnimmt. "Auch laut Bundeskartellamt sind Fernwärmekunden gefangen", sagt er und schlägt vor, einen gänzlich unabhängigen Wirtschaftsprüfer hinzuziehen, der dieses für alle nachvollziehbar und transparent machen kann. "Das ist ein Vorschlag, über den man nachdenken kann", sagt Hertle dazu und wirkt nicht abgeneigt. Für die Tatsache, dass der Geschäftsbericht a) verspätet und b) nur beim Bundesanzeiger abrufbar ist, muss Hertle deutliche Kritik einstecken. Vor allem die Wortmeldung des Wirtschaftsprofessors Karl-Heinz Rau aus Böblingen legt den Finger noch einmal tief in diese Wunde.

Die Stadtwerke verteidigen ihre neue Preisstruktur zum Abschluss mit der Tatsache, dass in der Vergangenheit vor allem Großabnehmer mit viel Wärmeabnahme die kleinen Abnehmer quersubventioniert hätten. Durch den erhöhten Grundpreis, der sich an der Anschlussgröße bemisst, hätte man dies stärker ins Gleichgewicht gebracht, begründet Ben Schlemmermeier den bei vielen Hausbesitzern unpopulären Schritt. Die IGFW hält allerdings dagegen, dass eine Verschiebung der Kosten weg vom tatsächlichen Wärmeverbrauch ökologisch wenig sinnvoll sei. Ein Einwand, den die Stadtwerke kaum ausräumen können.

Mit dem Versuch, die Wogen zu glätten, ergreift OB Wolfgang Lützner am Ende noch einmal das Wort. Er sehe ein, dass die Stadtwerke künftig vieles noch detaillierter veröffentlichen sollten, auch weitere Informationsveranstaltungen für die Kunden seien denkbar. Ein Vorschlag von IGFW-Beistand Werner Dorß klingt in seinen Ohren ebenfalls vernünftig: Die Einrichtung eines Kundenbeirats, der als Gremium tiefere Einsichten erhalten soll. Die Vertreter der IG Fernwärme dürften das gerne hören, ist doch die mangelnde Transparenz bei den Stadtwerken seit Jahren ihr Hauptkritikpunkt.