Historisches vom Flugfeld

Als sich in Böblingen noch der Jet Set traf

Der Ur-Böblinger Ernst Baisch erinnert sich an die glorreichen Zeiten, als der ehemalige Landesflughafen Glanz in das kleine Städtchen brachte

  • img
    Bevor der Flughafen bei Leinfelden-Echterdingen gebaut wurde, war Böblingen das Zentrum der Luftfahrt in Baden-Württemberg. Foto: red/Archiv

Hier das dörfliche Leben in der heimeligen Altstadt, dort der Flughafen, der die weite Welt ins Amtsstädtchen brachte, dazwischen die Unterstadt und der industrielle Aufschwung: In den 30er Jahren besaß Böblingen viele Facetten. Der Ur-Böblinger Ernst Baisch, geboren 1922, erzählt, wie er Stadt und Orte als junger Bursche erlebte.

Artikel vom 13. Februar 2017 - 13:56

BÖBLINGEN. Hinter dem Tor zum Landesflughafen begann für uns junge Böblinger eine andere Welt. Weil diese Welt für uns fremd und manchmal auch zu groß war, entwickelte das Areal vor den Toren der Stadt eine besondere Anziehungskraft. Auch für mich war der Flughafen immer etwas Besonderes - von den ersten Erlebnissen als Grundschüler bis zu den Zeiten, als Böblingen das Fliegen bereits wieder verlernt hatte, und ich auf dem Gelände Arbeit fand.

Wann sich das Geschehen auf dem Flughafen mir zum ersten Mal ins Gedächtnis brannte, weiß ich ganz genau. Dieses Datum sorgt auch heute noch bei vielen alten Böblingern für Gesprächsstoff: Es war der 18. September 1930.

Schon der ganze Morgen dieses Tags war von Flugmotorengeräusch erfüllt. Über dem Flughafengelände drehten zwei Flugzeuge ihre Runden. Immer wieder und wieder. Auf den Tragflächen turnte ein Mensch herum: Der Artist Fritz Schindler, der eine gefährliche Nummer für die anstehende Flugschau trainierte. Er wollte in der Luft von einem Flugzeug ins andere steigen - ohne Sicherung. Ein Himmelfahrtskommando, das um die Mittagszeit böse endete: Ein verhängnisvoller Fehler beim Umsteigen führte dazu, dass sich die beiden Flugzeuge berührten und abstürzten.

Ich seh's noch genau vor mir. Gerade war ich von der Schule gekommen und habe aus dem Fenster unseres Hauses den wagemutigen Kunststücken zugeschaut, als es passierte: Schindler wollte mit einer Strickleiter vom Doppeldecker in den darüberfliegenden Eindecker klettern. Was die Flieger nicht bedachten: Das untere Flugzeug verlor durch den Umstieg an Gewicht und bewegte sich nach oben, ein Zusammenstoß war nicht zu verhindern, die Flugzeuge verkeilten sich und krachten auf die Erde. Keiner der beteiligten überlebte dieses Unglück.

Eines der Flugzeuge rammte sich in ein Haus im Sindelfinger Wiesengrund, dort wo heute die Wolfgang-Brumme-Allee die Autobahn quert. Klar, dass ich schnell dorthin gerannt bin. Unvergessen bleibt für mich der Anblick des Wracks, das das Gebälk des Gebäudes komplett durchschlagen hatte. Genauso habe ich die Trauerfeier für die Opfer dieses Unfalls noch in Erinnerung: 5000 Leute versammelten sich hierzu auf dem Böblinger Friedhof.

Ein besonders faszinierender Ort war für uns das Flughafenhotel. Dort traf sich vor dem Krieg die bessere Gesellschaft. Viele reiche Leute, häufig auch aus Stuttgart, feierten hier ihre Feste, Bälle und Bankette. Vor allem die Silvester-Galas hatten einen großen Ruf. Der Glanz einer Welt, an der wir allerhöchstens Zaungast sein konnten, entfaltete seine besondere Wirkung. Nur wenige von uns hatten das Glück, einmal dabei zu sein: hin und wieder einige Mädchen, die von den Kavalieren zu den Tanzabenden eingeladen wurden und mein älterer Bruder Gottlob. Der war als Kaufmann bei der Firma Reisser dort öfters geschäftlich unterwegs und erzählte mir, wie nobel es im Flughafenhotel zuging.

Dinge, von denen wir nur zu träumen wagten

Auch das Flughafengebäude war tabu für die Öffentlichkeit. Wer rein wollte, benötigte eine Karte, um die Sperre zu passieren. Ab und zu schafften wir es jedoch, in den Vorraum des Empfangsgebäudes zu gelangen. Dann haben wir neugierig beobachtet, was das für Menschen sind, die da in die Flugzeuge steigen und sich von Dienstboten ihre Koffer an die JU 52-Flieger tragen ließen.

Es gab drei Tage in meinem Leben, an denen ich offiziell Zutritt hatte zu diesem Gelände, das zu Böblingen gehörte und doch so weit entfernt von den Bewohnern war. In den Jahren 1932, 1933 und 1936 stand ich ganz nah am Rollfeld. Damals landeten Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Rudolf Heß in Böblingen. Als Hitler-Junge musste ich mit zahlreichen anderen Buben Spalier stehen, um die Staffage für den Auftritt der Nazi-Größen zu besorgen. Stundenlang haben wir und sämtliche NS-Funktionäre aus der Gegend gewartet, bis die Partei-Oberen endlich da waren. Und dann ging alles ganz schnell: Die Herren setzten sich ins Auto und fuhren Richtung Stuttgart. Weg waren sie.

Dennoch war das für uns eine Sensation. Hier in Böblingen traf sich die Welt. Nicht nur die Nazis, auch die Kampfflieger aus dem 1. Weltkrieg schauten vorbei, Schauspieler und sonstige Prominente, die bei den Klemm-Werken ihr Flugzeug abholten. Die weltbekannten Maschinen wurden in unmittelbarer Nähe des Flughafens produziert, die Motorprüfstände befanden sich Richtung Dagersheim. Manchmal fanden dort Dauertests statt. Da röhrten dann die Motoren Tag und Nacht und machten einen Riesenlärm. Gestört hat das damals keinen.

Als ich im September 1945 aus dem Krieg zurückkehrte, war der Böblinger Flughafen bereits Geschichte. Die Amerikaner hatten das Gelände besetzt und als Depot für ihre Lkw und Panzer benutzt - der Beginn des späteren Panzerreparaturwerks und für mich Startpunkt einer glücklichen Episode in harten Zeiten.

Mein Onkel wurde als politisch unbedenklicher Sozialdemokrat nach dem Krieg Chef des Arbeitsamtes und besorgte mir einen Job bei den Amerikanern. Als Helfer musste ich auf dem ehemaligen Flughafen Autos umherschieben. Für mich war das alles andere als eine Strafarbeit. Im Gegenteil: Ich fühlte mich geradezu im Himmel auf Erden. Denn während überall die Versorgungslage katastrophal war, gab es bei den US-Streitkräften Dinge, von denen wir nur zu träumen wagten. Kaffee mit Sahne zum Beispiel. Und Zigaretten. Sobald ein US-Soldat eine Kippe wegwarf, war ich zur Stelle und sammelte die Tabakreste auf. Außerhalb des Flughafens war das die beste Währung. Die Krümel tauschte ich gegen Salatöl.

Und noch etwas machte mein Glück vollkommen: Ich wurde zum Heizer in der Turnhalle der Amerikaner und hatte damit Zugang zu Brennmaterial - in dieser Zeit absolute Mangelware. Jeden Abend packte ich meine Aktentasche voll mit Briketts. Dann musste ich diese nur noch an der Militärpolizei vorbeischmuggeln und schon war es zu Hause bei uns in der Helfergasse wieder ein wenig wärmer.

Aufgezeichnet von Michael Stürm