Historisches vom Flugfeld

Das Tor zur Welt wird wieder geschlossen

KRZ-Serie 100 Jahre Flugplatz Böblingen: Vom Landesflughafen zum militärischen Standort der Fliegerei

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    Teil der NS-Kriegsmaschinerie: Aus dem zivilen Landesflughafen Böblingen wurde 1938 ein reiner Militärflughafen, der später dann vorwiegend Schulungszwecken diente Foto: Archiv

Es waren die schönsten Jahre, die Böblingen als Flughafenstandort von 1925 bis 1938 erlebte. Mit der Verlegung des Tors zur Welt auf die Fildern, kehrte in Böblingen militärischer Alltag ein. Und die Zerstörung des Krieges zeichnete die Stadt.

VON HANS-JÜRGEN SOSTMANN

Artikel vom 23. Oktober 2015 - 13:43

BÖBLINGEN. Schon 1933 war von den Nationalsozialisten die Verlegung des Klemm-Werkes nach Halle/Saale und des Landesflughafens in den Raum Nellingen vorgesehen. Doch Nellingen entsprach dann doch nicht den Vorstellungen der Planer und so wurde ab 1936/37 Echterdingen/Bernhausen als Standort eines neuen Landesflughafens festgelegt. Böblingen sollte wieder Militärflugplatz werden und dies wurde ab 1937 mit dem Bau der Fliegerhorstkaserne auf dem Gelände der abgebrochenen Rohrmühle und Vorbereitungsmaßnahmen direkt auf dem Flughafen umgesetzt.

Wurde für Böblingen 1925 das Tor zur Welt aufgetan, so wurde es jetzt wieder geschlossen. Die blauen Uniformen der Lufthansa und des DLV mussten immer mehr den Uniformen der Luftwaffe weichen. Eine rege Bautätigkeit entfaltete sich hinter dem Bahnhof und selbst auf dem Flughafengelände. In die 1937 begonnenen Kasernengebäude zogen nach und nach die fliegertechnischen Einheiten, wie die Horstkompanie, Luftnachrichtenkompanie, Werftkompanie und die Baukompanie ein.

Vor der offiziellen Übergabe der Fliegerhorstkaserne hatte noch die "Bauleitung Flugplatz Böblingen" mit einer schön gestalteten Einladung zum Sommerfest am 23.Juli 1938 mit zwanglosem Beisammensein auf der Terrasse des Flughafenhotels, gemeinsamem Essen in der Kantine und abends zu Tanz mit Bewirtung eingeladen. Von der Lufthansa wurden dabei Rundflüge angeboten - zum Preis von drei Reichsmark.

Mit dem Einmarsch des Panzer-Regiments 8 am 9. April 1938 wurde Böblingen wieder Garnisonstadt. Am Dienstag, 25.April 1939, putzte sich die Stadt schon wieder heraus. Überall hingen die roten Fahnen mit dem NS-Parteiabzeichen, das 1936 offiziell zum Hoheitsabzeichen des Dritten Reiches deklariert wurde. Der offizielle Einzug des I. Jagdgeschwaders 52 stand bevor. Am Nachmittag marschierte die Truppe durch die mit vielen Menschen gesäumten Straßen zum Festplatz bei der Turnhalle an der Tübinger Straße. Hier wurde das Geschwader von Landrat Dr.Raunecker, von Bürgermeister Dr. Röhm und von Kreisleiter Krohmer mit herzlichen Grußworten in ihrer neuen Fliegergarnison willkommen geheißen.

Doch bevor die Fliegersoldaten des Verbandes so richtig heimisch wurden, bekamen sie den Befehl zur Verlegung im Juni nach Bonn-Hangelar. Es wurden in Böblingen noch der Stab, die II. Gruppe und mehrere Staffeln aufgestellt, die nach und nach auch verlegt wurden. Es war auf dem Fliegerhorst ein stetiges Kommen und Gehen und Böblingen wurde zum Schulungszentrum für die Flieger.

Seit 1935 wurde das Sturzkampfflugzeug Junkers Ju 87 laufend weiter verbessert, so dass die Piloten immer wieder umgeschult werden mussten. Dies war in der Zeit von Dezember 1941 bis Ende Januar 1942 der Fall, als das I./St.G. 2 "Immelmann" nach Böblingen verlegt wurde, um auf den neuen Typ Ju 87 D-1 umzuschulen.

In der Zeit ihres Aufenthaltes erkundeten die Piloten und Flugschüler natürlich auch die Garnisonstadt Böblingen, und dies dürfte vor allem für die Böblinger Gaststätten, Cafés und Hotels eine wahre Freude gewesen sein, ebenso für die Bäcker und Metzger, die in die Versorgung des Fliegerhorstes miteinbezogen wurden.

Doch es war nicht "alles Gold was glänzte". Seit Kriegsbeginn musste die Firma Leichtflugzeugbau Klemm die Fertigung ihrer Sportflugzeuge zurückbauen. Das Werk wurde jetzt auf Kriegsbetrieb umgestellt. Ab 1940 bekam Klemm vom Ministerium den Auftrag, Stahlrohr-Rumpfgerüste für den Lastensegler "Gotha 242" und Teile für die "Arado 96" herzustellen. Ab 1942 mussten Rumpfklappen für Bombenschächte der "Dornier 217" geliefert werden und es mussten zur Bewältigung dieser großen staatlichen Aufträge immer mehr Leute eingestellt werden.

Bald betrug die Belegschaft mehr als 1200 Frauen und Männer. Für Klemm war die Umstellung seines Werkes eine persönliche Tragik. Er war nicht mehr Herr im eigenen Betrieb. Dazu kamen Bespitzelungen und Denunziation sowie Ärger mit der Partei und den Jugendorganisationen wegen seiner Kinder. Als er dann auch noch den Befehl erhielt, ab 1943 in seinem Werk den Lippischen Raketenjäger zu bauen, trat er aus der Partei aus und am 23. Mai 1943 auch als Geschäftsführer seines Werkes zurück.

Die Bombardements nehmen zu

Die Kasernen, der Fliegerhorst und natürlich das Daimler-Werk zogen mehr und mehr Flieger- und Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner auf sich, wobei aber auch die Stadt und Umgebung nicht verschont blieben. Der erste Angriff auf die Stadt erfolgte schon im November 1941. Der Fliegerhorst war erst ab dem 13. April 1944 Ziel der Angriffe.

Einem der schwersten Luftangriffe fielen am 19. Juli auch zu über 50 Prozent das Klemm-Werk I zum Opfer. Die Fertigung des Lippischen Raketenflugzeugs wurde sicherheitshalber schon im Mai in die Gurtweberei Schickhart nach Ebhausen und jetzt auch noch die Hauptverwaltung nach Nagold verlegt. Auch die bei Klemm arbeitenden Ostarbeiter wurden in einem Gebäude in Ebhausen untergebracht.

Der nächste schwere Bombenangriff erfolgte am 9. Dezember durch rund 60Bombenflugzeuge, die insgesamt 135 Tonnen Bomben in verschiedener Größe und Sprengkraft auf den Flugplatz und die Bahnanlagen abgeworfen hatten. Der Fliegerhorst war damit vorerst unbrauchbar. Doch immer wieder wurde eine Start- und Landebahn repariert. So geht aus dem letzten Angriffsbericht vom 19. März 1945 hervor, dass die acht feindlichen Jagdflugzeuge wieder ein Flugzeug schwer und zehn Flugzeuge mittelschwer beschädigt hatten. Opfer waren keine zu beklagen, denn ab März verließen die Soldaten und Zivilbediensteten des Flughafenbereichskommandos nach und nach den Fliegerhorst. Wichtige Einrichtungen wurden vorher noch gesprengt.

Auch die Firma Klemm verließ ihre Werkseinrichtungen in Böblingen, in Ebhausen und Nagold. Wie aus dem Tagebuch eines Mitarbeiters hervorgeht, setzten sich die Mitarbeiter am 18. April 1945 mit rund 60 Fahrradfahrern und den restlichen Kraftfahrzeugen in Richtung Kaufbeuren in Bewegung. Nach fünftägigem Aufenthalt auf dem dortigen Kasernengelände kam der Befehl zum Weitermarschieren in Richtung Bregenz, um dort in einer Fabrik "an einem Kriegsgerät zu schaffen, welches noch den deutschen Endsieg bringen sollte". Doch soweit kam es dann nicht mehr. Kurz hinter Marktoberdorf wurde im Weiler Wetzlers auf verschiedenen Bauernhöfen Rast gemacht. Am 28. April 1945 wurden die rund 200 Mitarbeiter und die Direktion durch eine amerikanische Armee-Einheit entdeckt.

In Böblingen wurde der Fliegerhorst mit seiner Kaserne am 22. April von einer französischen Einheit übernommen. Sie brachten hier zuerst die deutschen Kriegsgefangenen unter und richteten ein Internierungslager für Zivilisten sowie ein Lager für rund 3000 heimatlos gewordene Ausländer (DP - displaced persons), in der Mehrheit Polen und Russen, ein. Ab 7. Juni übernahm die US-Army den Kreis Böblingen.