Historisches vom Flugfeld

Vor 100 Jahren machte das Sumpfgelände das Rennen

KRZ-Serie 100 Jahre Flugplatz Böblingen: 1915 wird binnen weniger Monate die Flieger-Ersatzabteilung 10 angesiedelt - Unfälle waren an der Tagesordnung

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    Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Flughafen und seiner Geschichte und sind über alle Fundstücke und Dokumente froh: die drei Böblinger Hobby-Historiker Reinhard Knoblich, Wilfried Kapp und Jürgen Sostmann (von links) KRZ-Foto: Thomas Bischof
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    Flugzeuge und Flieger aufgereiht - im Hintergrund führt die Allee nach Sindelfingen Foto: red
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    Piloten vor der großen Flughalle Foto: red
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    Abstürze endeten häufig tödlich Foto: red
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    Fröhliches Offiziersleben Foto: red
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Vor 100 Jahren begann in Böblingen ein neuer Zeitabschnitt. Die Stadt bekam einen Militärflugplatz. In Zusammenarbeit mit den Hobbyhistorikern Reinhard Knoblich, Wilfried Kapp und Jürgen Sostmann zeichnen wir die Geschichte in einer Serie nach. Zum Auftakt die Anfänge der Fliegerei in Böblingen.

Artikel vom 13. Mai 2015 - 15:42

BÖBLINGEN. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 hatte das deutsche Heer 254 ausgebildete Flugzeugführer und 271 Beobachter vorzuweisen. Dazu etwa 270 Doppeldecker und 180 Eindecker, mit welchen die neuen mobilen Heeresfliegerverbände aufgestellt wurden. Um die neue Truppe auszubauen, mussten zu den bereits vorhandenen elf Ausbildungs-Flugplätzen im ganzen deutschen Reich weitere geschaffen werden, so auch im Königreich Württemberg, das gar keinen Militärflugplatz hatte. Sieht man einmal vom Cannstatter Wasen ab, der als Exerzier- und Sportflugplatz genutzt wurde.

Dafür wurden nun von der Königlich Preußischen Heeresleitung besonders fähige Offiziere in die Länder entsandt, um in Zusammenarbeit mit den dortigen Ministerien nach geeignetem Gelände zur Anlegung eines Ausbildungsflugplatzes zu suchen. So wurde von der Inspektion der Fliegertruppe der königlich preußische Fliegeroffizier Hauptmann Robert Holzmann, ehemaliger Offizier im Grenadier-Regiment 119 "Königin Olga", wieder nach Stuttgart in Marsch gesetzt, mit dem Auftrag, zusammen mit dem Königlich Württembergischen Kriegsministerium in der Region Stuttgart ein geeignetes Gelände zu erkunden.

Nach Absagen der in Augenschein genommenen Alternativen in Cannstatt, Fellbach und Ludwigsburg (sogar Herrenberg hatte sich beworben) fand er in der Oberamtsstadt Böblingen im Ranktal, nördlich vom Böblinger Bahnhof, ein geeignetes Gelände und setzte sich umgehend mit dem Bürgermeisteramt in Verbindung. Bürgermeister und städtische Gremien standen der vorgeschlagenen Einrichtung eines Ausbildungsflugplatzes positiv gegenüber.

Im Mai 1915 besichtigte eine Delegation unter Führung des württembergischen Kriegsministers, General der Infanterie von Marchtaler, das weitläufige Feld- und Wiesengelände. Mit positivem Ausgang. Eine Kommission nahm sofort Verhandlungen zur Pacht und Kauf von Grund und Boden, der in über 600 Einzelparzellen aufgeteilt war, auf. Für den Quadratmeter wurden 40 Pfennig geboten. Im Böblinger Bote wurde am 14. Juli unmissverständlich mitgeteilt, dass die Grundstückseigentümer eventuell auch mit vorläufiger Beschlagnahmung ihrer Grundstücke rechnen müssen. Die zähen und schwierigen Verhandlungen zogen sich während der gesamten Gelände-Belegung, ja man kann sagen: bis Kriegsende, durch.

Schon am 16. Juli traf ein 73 Mann starkes Kommando unter Hauptmann Beer in Böblingen ein. Das Bodenpersonal kam von der Fliegerausbildungsabteilung 3 aus Gotha, das somit den Grundstock für die in Böblingen entstehende Preußische Flieger-Ersatzabteilung Nr. 10 (Fea 10) bildete.

Es wurde sofort mit dem Bau der Unterkunfts-, Wirtschafts- und Betriebsräume sowie Flugzeughallen in Zusammenarbeit mit der Bauunternehmung Baresel mit großer Eile begonnen. Bis 1918 entstanden neben vielen kleineren Funktionsgebäuden mehrere größere Flugzeug- und Werkstatthallen. Doch bald hatten die Soldaten und Bauarbeiter auch mit einem steigenden Wasserspiegel zu kämpfen. Die lange Trockenperiode, die maßgeblich zur Entscheidung für den Fliegerstandort in dem bekannten, aber nicht beachteten Moorgebiet beigetragen hatte, war zu Ende. Es mussten zusätzlich viele Drainagerohre verlegt werden. Und zwar während der gesamten Kriegszeit, wozu auch französische Kriegsgefangene herangezogen wurden.

Unter Glockenläuten und Böllerschüssen wurde am 16. August 1915 der neue Militär-Flugplatz eingeweiht. Ein Flieger flog dreimal über die Stadt und sandte folgenden besonderen Gruß aus der Luft auf das Rathaus hinunter, der dann aber leider durch den Wind zum Plattenbühl getragen wurde: "Ihrer neuen Garnison, der gastfreundlichen Stadt Böblingen, entbietet die Flieger-Ersatz-Abteilung 10 aus luftiger Höhe ihren ehrerbietigsten Gruß; van Beers, Hauptmann und stellvertretender Abteilungsführer. Köhr, Oberleutnant und Werft-Offizier, Otto, Oberleutnant und Büro-Offizier. 380 m über dem Rathaus Böblingen am 16. August 1915." Böblingen war erstmals in seiner langen Geschichte Garnisonsstadt geworden.

Unter den ersten Flugplatzkommandanten, Rittmeister von Hantelmann, der schon nach wenigen Monaten von Hauptmann Ruff abgelöst wurde, ging der Ausbau zügig weiter. Da die Unterkünfte auf dem Flugplatz für die immer größere Zahl nach Böblingen abkommandierter Soldaten und eingezogenen Rekruten, die in vier Kompanien zusammengefasst wurden, nicht mehr ausreichten, wurden größere Räumlichkeiten angemietet. Vor allem in den Fabrikanlagen Renz, Wanner, Hautana, Hoch sowie in den Hotels Zimmermann, Post, im Schönbuchsaal und im Darmsheimer Hirsch, ja sogar in Vaihingen/Filder, wurden Massenquartiere eingerichtet.

Flugbetrieb

Am 8. September 1915 wurde dem Generalkommando nach Stuttgart gemeldet, dass die Fea 10 die ersten Probeflüge ausführen würde. Trotz der Trockenlegung durch das Verlegen vieler Drainagerohre sackte so manche Schulmaschine beim Landen in den weichen Boden ein. Manche Landung endete dabei tödlich. Aus den präzise beschriebenen über 120 tödlich endenden Abstürzen lässt sich herauslesen, dass auf dem Flugplatz Böblingen vor allem die Rumpfdoppeldecker der Typen "Albatros", "Aviatik", "DFW", "Euler", "LVG" und "Rumpler" für die Flugzeugführerausbildung zur Verfügung standen.

Aber auch das für einen Flugplatz so wichtige Bodenpersonal musste in seine zukünftige Arbeit eingeführt werden. Gerade die Ausbildung zum Motorenschlosser war eine vorrangige Aufgabe der Flugplatzverwaltung. Da die Voraussetzungen für die Reparaturarbeiten in den Hallen auf dem Flugplatz immer mehr zu wünschen übrig ließen, wurden 1916 die Gebäude der Zuckerfabrik beschlagnahmt und zu einer Werft mit Werkstätten, Übungs- und Schulungsräume, vor allem auch für die Motorenreparatur, und Wartung umgebaut. Da viele Fachleute gebraucht wurden, nahm mancher Böblinger Handwerksmeister die Gelegenheit wahr, sich für die Ausbildungsarbeiten anwerben zu lassen.

Da zum Soldatenhandwerk natürlich auch das Schießen gehört, wurde für das Übungsschießen mit Gewehr und Pistole ein Schießstand im Waldbereich "Hörnle" geschaffen, für das MG-Schießen von der Schützengilde Böblingen die Schießbahn im Steinbruch am Tannenberg angemietet und für die Schießübungen mit dem Flugzeug extra eine Schießanlage im Bereich der Gemeinde Darmsheim angelegt.

Anfang 1917 wurde eine "Kampf-Einsitzerstaffel" (Kest 4a Heim) für den direkten Schutz der Heimat auf dem Flugplatz eingerichtet. Es handelte sich um eine Jagdstaffel. Sobald das Herannahen von Feindflugzeugen gemeldet wurde, musste die Jagdstaffel aufsteigen. Die seltenen Angriffe galten in der Regel der Landeshauptstadt Stuttgart. Auf Stuttgart fielen die ersten Fliegerbomben am 22. September 1915. Böblingen war nie gefährdet und es fiel auch keine einzige Bombe auf die Stadt. Fliegeralarm wurde in Böblingen durch ein vereinbartes Glockenläuten gegeben. Zusätzlich fuhr ein Auto durch die Straßen, von welchem ein Beifahrer Trompetensignale gab.

Bekannt ist lediglich ein Luftkampf zwischen Böblingen und Stuttgart. Dabei wurde ein französisches Flugzeug durch den Böblinger Jagdflieger, Vicefeldwebel Gustav Nestler beschädigt. Der französische Flugzeugführer konnte sein Flugzeug noch ein Stück bis Lothringen fliegen und musste dann bei Bitche notlanden. Um sich noch mehr vor überraschend auftauchenden Feindflugzeugen zu schützen und die "Kest 4a" rechtzeitig zu alarmieren, wurde auf dem Hohen Stich ein so genannter Fliegerbeobachtungsturm errichtet, der ständig mit einem Beobachter belegt war. Er wurde 1928 abgerissen und dafür der Aussichts- und Wasserturm gebaut, der am 1. April 1928 eingeweiht wurde.

Böblingen war fest in Flieger-Hand. Die Uniform in der Stadt und das Dröhnen der Flugzeugmotoren über der Stadt bedeutete für die Bevölkerung eine gewisse Normalität. Vor allem nach Feierabend und an den Wochenenden scheint in Böblingen allerhand los gewesen zu sein, wobei natürlich gerade die vielen Gaststätten und auch die Tanzlokale entsprechend profitierten. Aber auch der Umsatz in den Geschäften steigerte sich durch die Soldaten.

Tödliche Liebschaften

Nach dem Motto "Platz ist in der kleinsten Hütte" hatten auch viele Böblinger ein entbehrliches Zimmer an einen Offizier vermietet und so manch schmales Einkommen aufgebessert. Dabei wurde auch die eine oder andere Beziehung mit der Tochter des Hauses angebandelt. Doch nicht jede fand ein glückliches Ende. Wie beim Fräulein Julchen, die ihren Verlobten bei seinen Einkäufen in ihrem Lädchen für Zigarren, Zigaretten und Spezereien kennenlernte. Nach seiner Beobachterausbildung und Versetzung zu einer regulären Fliegereinheit füllten die Liebesbriefe einen ganzen Ordner. Bis eines Tages ein Telegramm der angehenden Schwiegermutter eintraf mit der Mitteilung: "Tödlich abgestürzt!"

Für die sonntägliche Unterhaltung der Böblinger sorgte die Fliegerkapelle bei ihren Platzkonzerten auf dem Markt-, Post- und Elbenplatz oder bei Wohltätigkeitskonzerten. Auch hatte die Fea 10 eigene Fußball- und Turnmannschaften, die auf dem Militärsportplatz mit Böblinger und auswärtigen Teams Vergleichswettkämpfe austrugen. Gut angenommen wurde auch das von August Bauer am 18. Oktober 1914 eröffnete Kino, das von der Militärverwaltung mit in die Truppenbetreuung einbezogen wurde.

Wer seine Ruhe suchte, hatte Gelegenheit, die Freizeit in dem in den Räumen der ehemaligen Zigarettenfabrik Reemtsma eingerichteten Christlichen Soldatenheim zu verbringen. Dort, in der Karlstraße, war eine Bibliothek mit über 80 Bänden, die Getränke waren alkoholfrei. Für schöne Spaziergänge mit einer Dame oder der Verlobten waren in den stadtumgebenden Waldung vom Verschönerungs- und Fremdenverkehrsverein Waldwege angelegt. Böblingen hatte schon damals für Flieger und Besucher immer besondere Angebote.

 

Flughafen-Historie:

1915 Einweihung des Militärflugplatzes

1925 Eröffnung des Landesflughafens

1926 Gründung der Leichtflugzeugbau Klemm

1929 Landung des Luftschiffs "Graf Zeppelin"

1931 Eröffnung des Deutschen Luftfahrtmuseums

1934 Eröffnung der Ozeanflugstrecke für Luftpost über Böblingen nach Südamerika

1937 Bau der Fliegerhorst-Kaserne

1938 Belegung des Flughafens mit militärischem Bodenpersonal

1945 Auflösung des Fliegerhorsts

1991/92 Die amerikanischen Streitkräfte räumen das ehemalige Flughafengelände, das sie als Reparaturwerk genutzt haben

2002 Im Dezember kauft der Zweckverband das Areal vom Bund

2004 Umbenennung in Flugfeld

2005 Abschluss der Kampfmittelbeseitigung und der Geländesanierung

2007 Das Flugfeld wird öffentlich zugänglich, die Bebauung beginnt

 

Hintergrund: Zur Arbeitsgruppe Böblinger Flughafengeschichten haben sich Wilfried Kapp, Reinhard Knoblich und Hans-Jürgen Sostmann zusammengeschlossen. Sie erforschen die Geschichte des Flughafens von der Gründung als Militärflugplatz bis zur Erschließung des heutigen Flugfeldes. Weitere Informationen über die Geschichte des Böblinger Flughafens finden sich in ihrem Blog http://flughafenbb.wordpress.com/. In diesem Jahr feiert der Flughafen seinen 100. Geburtstag. "Wir sind an allem über die Böblinger Stadt- und Flughafengeschichte und über die US-Nutzung interessiert", sind die drei Böblinger für weiteres Material dankbar. Sie gestalten in Ergänzung zur Ausstellung im Städtischen Museum eine Ausstellung in der Motorworld, die am Sonntag, 26. Juli, eröffnet wird. Kontakt über folgende Adressen: Wilfried Kapp, (0 70 31) 23 44 23, w.kapp@t-online.de; Reinhard Knoblich, (0 70 31) 27 99 72, knoblich@diezenhalde.de und Hans-Jürgen-Sostmann, (0 70 31) 4 27 11 58, h.j.sostmann@gmx.de.