Historisches vom Flugfeld

Böblinger Flugplatz wird zum Kraterfeld

Vor 70 Jahren luden amerikanische Bomber zerstörerische Fracht ab

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    Luftbildaufnahme vom Sonntag, 17. Dezember 1944: Der Flugplatz Stuttgart/Böblingen nach dem Angriff vom 9. Dezember, aufgenommen von einem Lockheed Lightning F-5E Luftbildaufklärer. Der Pilot, Oberleutnant McAdory fotografierte das Ziel aus 7315 Metern Höhe im Bildmaßstab 1:12 000. Das Foto 1063 zeigte neben den angerichteten Zerstörungen auch die ersten Reparaturen an den beschädigten Gebäuden und die unterbrochenen Bahnverbindungen nach Ehningen und Dettenhausen. Auch die Ober- und Unterstadt Böblingens sind gut zu erkennen Foto: Franz/Alliierte Luftaufklärung

Am Samstag, 9. Dezember 1944, wurde der Flugplatz Böblingen, das heutige Flugfeld, durch einen Angriff amerikanischer Bombereinheiten schwer getroffen. Im Hagel von 45 Kg-Bomben wurde das Areal für weitere Start- und Landeoperationen bis zum Ende des 2. Weltkriegs unbenutzbar.

Artikel vom 09. Dezember 2014 - 16:18

BÖBLINGEN. Das Hauptquartier der 8. US-Luftflotte in High Wycombe bei London, legte einen Angriff auf den Flugplatz Böblingen für den 9. Dezember fest. Der Angriffsbefehl lautete: "Der Flugplatz ist im Rahmen der Prioritätsvorgabe zur Zerstörung aller der deutschen Luftwaffe aktiv zur Verfügung stehenden, noch unversehrt gebliebenen Flugbasen für jede weiteren Start- und Landeoperationen bis zur völligen Unbrauchbarkeit zu bombardieren". In der letzten Planungskonferenz, die am 8. Dezember um 22 Uhr stattfand, trug der Chefmeteorologe Oberst Dr. Krick vor, dass die durch Wettererkundungsflüge vorliegenden Ergebnisse für den nächsten Tag nicht günstig ausgefallen waren. Die Voraussagen ließen bis in das Zielgebiet hinein starke Bewölkung und schlechte Bodensicht erwarten, die die Angriffsvoraussetzungen der Bomber für eine Sichtbombardierung in Frage stellen würden. Es wurde daher entschieden, nur die 1. Bomberdivision mit ihren höher fliegenden B-17G Bombern gegen drei wichtige Ziele im Raum Stuttgart einzusetzen.

Elf Kampfverbände mit insgesamt 413 B-17G Bombern und 267 P-51D Mustang Begleitjägern wurden zum Einsatz befohlen. Weil die zu erwartende ungünstige Wetterlage eine Bombardierung auf Sicht sich als sehr unsicher ergab, wurde angeordnet, den Angriff auf die Ziele mit dem GH-Radar-Leitverfahren und dem H2X-Bodensicht-Radar durchzuführen, mit denen die Pfadfinder-Leitmaschinen ausgerüstet waren. Für das GH-Verfahren waren zwei Bodenstationen notwendig, die den Bombern die ausgesandten Zielimpulse zum gesicherten Bombenwurf ermöglichten. Die erste war in den Vogesen bei La Roche, 25 Kilometer nordwestlich von Bastogne, die zweite bei Commercy, 40 Kilometer westlich von Nancy stationiert. Deren Signale ermöglichten die Bestimmung der Flugposition und Einhaltung der Anflugs- und Angriffskurse sowie die Auslösung der Bombenabwürfe über dem Zielgebiet durch die Bombenschützen mit Hilfe eines elektronischen Impulses.

Die drei für den Flugplatz Stuttgart/Böblingen beorderten Kampfverbände bestanden aus dem 41. "C"-Verband (384. Bombergruppe, Kommandeur Major Bean), dem 94. "A"-Verband (457. Bombergruppe, Kommandeur Major Snow) und dem 94. "B"-Verband (351. Bombergruppe mit dem Kommandeur Oberleutnant Angelini) mit insgesamt 116 B-17G-Bombern und 1160 Mann an fliegendem Personal. Nur 101 Bomber erreichten das Angriffsareal. Von diesen verfehlten zwölf das Ziel und elf weitere wurden am Abwurf ihrer Bomben durch einen technischen Fehler gehindert. Die restlichen 78 B-17G Bomber brachten ihre Bombenlasten auf den Flugplatz zum Abwurf.

Der Ablauf des Angriffs

12.15 bis 12.22 Uhr: Die Bomberformationen erreichten ihre Angriffsablaufpunkte bei Rohrbach, südwestlich von St. Georgen im Schwarzwald und östlich von Gutach bei Grafenloch und gingen auf ihre Angriffskurse. Unter ihnen lag eine geschlossene Wolkendecke.

12.25 bis 12.32 Uhr: Die drei Kampfverbände hatten ihr Zielgebiet erreicht. Der Bodendunst erschwerte die Sicht auf das Ziel. Die dichte Bewölkung war zeitweise aufgelockert und ließ den Flugplatzbereich nur teilweise zur visuellen Anvisierung erkennen. Die Bombardierungen erfolgten aus Angriffshöhen von 8470 Meter bis 8990 Meter mit Hilfe des GH-Radar-Leitverfahrens, dem H2X-Bodensicht-Radar und teilweise auf Sicht. Der festgelegte Zielpunkt lag genau in der Mitte des Rollfelds. Die Stuttgarter Flakbatterien eröffneten ein leichtes, sehr ungenaues Sperrfeuer bis in eine Höhe von 8840 Meter. Wetterbedingt blieben die Bomberverbände von deutschen Abfangjägern unbehelligt. Nur ein Messerschmitt Me-262 Turbinenjäger wurde von US-Begleitjägern bei Kircheim/Teck, südwestlich von Göppingen, um 13.05 Uhr im Luftkampf abgeschossen. Sechs B-17G Bomber kamen vom Einsatz nicht zurück. Zwei kollidierten in der Luft, vier wurden durch Flakbatterien über dem Reichsgebiet zum Absturz gebracht.

Eine erste Bestätigung der erfolgreichen Operation lieferte das noch während des Bombardements um 12.31 Uhr von der zuletzt über dem Zielgebiet operierenden 351. Bombergruppe aufgenommene Angriffsfoto SAV 351/833-6. Es zeigte die Trefferlage im Bereich des Flugplatzes und seiner nächsten Umgebung. Die Bombeneinschläge hoben sich erkennbar von der leicht mit Schnee bedeckten Bodenoberfläche ab. Erst am 17. Dezember 1944, einen Tag nach Beginn der deutschen Gegenoffensive in den Ardennen, wurde der Flugplatz von einem Lockheed "Lightning" F-5E Luftbildaufklärer (AAF-Nr.44-23728) von der 10. Fotogruppe der 9. US-Taktischen Luftflotte um 13.45 Uhr aus 7300 Meter Höhe aufgenommen. Der Pilot, Oberleutnant McAdory, konnte mit dem Foto 1063 des Einsatzes US31/3785 neben den Zerstörungen auch die ersten bereits durchgeführten Reparaturen an den beschädigten Gebäuden und Bahnkörpern aufnehmen.

Am 2. und 15. Januar 1945 wurden von der 7. US-Fotogruppe der 8. Luftflotte weitere Luftbildaufklärungen unternommen. Die Fotos zeigen den Flugplatz ohne Aktivitäten in der verschneiten Winterlandschaft. Am 22. März 1945 erfolgte ein Fotoaufklärungseinsatz des XII. US-Taktischen Luftkommandos. Der bewaffnete F-6C Mustang Aufklärer fotografierte den Flugplatz aus einer Höhe von 1830 Meter. Die Schrägaufnahme konnte sechs Heinkel He-111 Bomber im Bereich des Rollfelds ausmachen. Die Bombenkrater waren nicht eingeebnet und zum Teil mit Wasser gefüllt. Das Klemm-Werk I lag noch zerstört am südöstlichen Flugplatzrand.

Die Schadensbilanz

Insgesamt 2993 Sprengbomben GP AN-M30 von je 45 Kilogramm (135,9 Tonnen) wurden im Zeitraum von sieben Minuten auf den Flugplatz und seine nächste Umgebung abgeworfen. Die mit Bodenzündern auf 1/40 Sekunde mit Verzögerung eingestellten kleinkalibrigen Bomben konnten tiefere Krater erzeugen, die bei einer dichten Bombardierung zur Zerstörung und Unbrauchbarkeit (pot holing) von Rollfeldern führten. Das Rollfeld wurde von 250 Sprengbomben nicht flächendeckend mit nur 13,4 Tonnen getroffen. Ein Teil des nördlichen Rollfeldbereichs blieb von dichteren Abwürfen verschont. Drei Hangars und mehrere Werkstätten erhielten Bombentreffer. Ein Hangar, am Nordrand, wurde völlig zerstört. Das Klemm-Werk I erhielt Treffer in drei Gebäuden. Von den auf dem Flugplatz abgestellten 13 Heinkel He-111 Bombern wurden sieben schwer beschädigt beziehungsweisezerstört.

Die Bahnlinien nach Ehningen und Dettenhausen, östlich des Flugplatzes gelegen, wurden durch Bombentreffer unterbrochen. Der Südwestteil des Daimler-Benz Werks mit dem "Daimler-Flugplatz" und dem Westlager für Fremdarbeiter wurde erneut getroffen. Weitere Konzentrationen fielen auf den Westen und Nordwesten des Flugplatzes sowie auf die umliegenden Felder der Gemarkungen Butzengraben, Entensee, Altinger Weg, Riedmühle und Oberes und Unteres Gewann. Zwei von acht im Westen des Flugplatzes gelegene kleine Gebäude wurden zerstört und ein weiteres schwer beschädigt. Der Angriff forderte vier Tote, 25 Menschen wurden obdachlos.