Historisches vom Flugfeld

Daimler-Werk in zwei Wellen dem Boden gleichgemacht

Am 10. und 13. September bombardierten amerikanische Luftstreitkräfte Sindelfingen - Schäden auch in der Stadt - Magstadt wird ungeplant zum Ziel einer massiven Attacke

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    Die Ergebnisse der Bombardierung am 10. und 13. September 1944: Das Daimler-Werk ist weitgehend zerstört, rechts im Bild sind die Schäden in der Innenstadt zu erkennen Foto: US-Army

Die Zerstörung des kriegswichtigen Daimler-Werkes in Sindelfingen war den US-Luftstreitkräften am 9. und 14. August 1944 misslungen. Ein Doppelschlag am 10. und 13. September legte die Fabrik aber lahm. Opfer dieser Attacke wurde auch Magstadt - obwohl es dort keine Industrie- oder sonstigen Ziele gab (siehe Seite 13).

Artikel vom 12. September 2014 - 16:12

KREIS BÖBLINGEN. Nachdem die beiden US-Luftangriffe vom 9. und 14. August 1944 auf das Daimler-Werk in Sindelfingen nicht erfolgreich verliefen, ordnete der Führungsstab der 8. US-Luftflotte weitere Operationen bis zur völligen Zerstörungen des Werksareals an. Darauf basierend erfolgte am Sonntag, 10. September 1944 der nächste Angriff auf das Daimler-Werk. Mit der Tagesoperation 8AF 619 sollten vier Kampfverbände mit insgesamt 109 Boeing B-17G Bombern der 1. US-Bomberdivision das Werk Sindelfingen (GN-3802A) mit Spreng- und Brandbomben belegen. Nur 85 B-17G Bomber von 109 (73 über Sindelfingen und zwölf über Magstadt als "Ausweichziel") kamen zum Einsatz. Die restlichen 24 Bomber warfen ihre Bombenlasten über andere Ziele ab.

Vier Kampfverbände, die 92. Bombergruppe (Hauptmann E. C. Hardin), die 379. Bombergruppe (Oberstleutnant L. W. Rohr), die 384. Bombergruppe (Oberstleutnant W. R. Calhoun) und die 303. Bombergruppe (Major J. J. Cassello), waren im Anflug auf das Zielgebiet Sindelfingen.

Die Angriffschronologie:

Die Flugroute der Bomberformationen verlief auf der Linie Bapaume-Bertincourt-Stenay-Metz-Brumath in Richtung Achern. Entlang der Route wurden die Bomber mit dichtem, konzentriertem Sperrfeuer der dort gelegenen schweren Flakbatterien konfrontiert. Einige Bomber wurden erheblich beschädigt, ein B-17G Bomber bei Bischwiller von der Flak abgeschossen.

11.20 bis 11.24 Uhr: In 7620 Meter Höhe hatten die Bomberformationen mit Kurs 130 Grad (SSO) den Angriffsablaufpunkt (IP) Freudenstadt erreicht. Die Kommandeure erhielten von ihnen vorausfliegenden P-51 Mustang Jägern als Wettererkunder die Nachricht, dass eine Bombardierung auf Sicht fraglich sei, da eine heraufziehende 6 bis 10/10 Altocumulus-Wolkenfront in Höhen von 2430 Meter bis 3050 Meter den Raum Sindelfingen und Stuttgart bedecken würde. Der 40 "C"-Spitzenverband von Hauptmann Hardin war bereits auf Angriffskurs auf Sindelfingen. Mit seiner Führungsstaffel ging er über Kuppingen auf Kurs 30 Grad (NNO), umging die sich über Sindelfingen ausbreitende Wolkenfront und war im Anflug von Südwesten auf die klar unter ihm liegende Gemeinde Magstadt. Um 11.26 Uhr setzte der Leitbombenschütze nach genauer Anvisierung zwei Rauchmarkierer mit gleichzeitigem Bombenabwurf ab. Alle zwölf Bomber warfen insgesamt 136 Sprengbomben 500 Pfund GP AN-M43 (37 Tonnen) aus 7430 Meter Höhe ab. Magstadt wurde voll getroffen (siehe Seite 13). Die Gemeinde hatte 56 Tote zu beklagen. Seinen beiden folgenden Staffeln gab Hauptmann Hardin den Befehl, unbedingt zu versuchen, das Daimler-Werk in Sindelfingen zu bombardieren. Mit dem Angriff auf Magstadt hatte Hardin eine eklatante Zuwiderhandlung gegen die Vorschriften zur Bombardierung von Ausweichzielen begangen und musste sich einer kritischen Beurteilung seines Verhaltens bei der Einsatzbefragung durch Stabsoffiziere seiner Bombergruppe stellen.

11.33 bis 12 Uhr: Insgesamt 73 B-17G Bomber der nachfolgenden Bomberformationen unternahmen, trotz der Bewölkung, ihre Angriffe über dem Zielraum Sindelfingen. Nach wiederholten Anflügen ließen einzelne Wolkenlücken eine Anvisierung durch die Leitbombenschützen zur Sichtbombardierung zu. Aus Höhen von 7600 Meter bis 7900 Meter fielen 706 Sprengbomben 500 Pfund (199 Tonnen) und 133 Abwurfbehälter 500 Pfund AN-M17 mit Stabbrandbomben (42 Tonnen) in das Zielgebiet. Die eine Konzentration traf das Daimler-Werk im west-nordwestlichen Bereich mit schweren Zerstörungen an den Gebäuden der Verwaltung, Schlosserei, Feuerwache, Werkzeug-lager, Triebwerke- und Motorenbau sowie leichtere Beschädigungen im Presswerk, Tragflächenbau, Lackiererei und Galvanik. Die zweite Konzentration lag im Bereich des Daimler-Flugplatzes mit den beiden Fremdarbeitslagern. Das Westlager wurde völlig zerstört. Eine dritte Konzentration zog das Wohngebiet der Stadt in Mitleidenschaft. Der östliche Teil der Bahnhofstraße und die Umgebung des heutigen Rathausplatzes wurden schwer getroffen. In Sindelfingen waren 22 Tote und 42 Verletzte zu beklagen.

Der Bombenangriff vom 10. September 1944, der dritte und schwerste in der Serie der US-Strategischen Luftwaffe auf das Daimler-Werk Sindelfingen, ließ im Führungsstab der 8. US-Luftflotte keinen Zweifel darüber aufkommen, dass das Werk zum größten Teil noch unzerstört geblieben war. Die Auswertung der am 11. September 1944 über dem Zielraum erfolgten US-Luftbildaufklärung lieferte den Beweis, dass nur der westliche und nordwestliche Teil des Daimler-Werks und besonders das westliche Fremdarbeitslager beachtliche Zerstörungen aufwiesen, aber die größten Bauten im mittleren und östlichen Bereich des Werkareals nur leicht bis unbeschädigt geblieben waren.

Ein neuer Angriff wurde angeordnet. Ausschlaggebend waren gute Wetterbedingungen für eine erfolgreiche Bombardierung auf Sicht. Die Voraussetzung dafür, waren nach den Aussagen des Chefmeteorologen der 8. US-Luftflotte für einen Angriff für Mittwoch, 13. September 1944 gegeben. Von den insgesamt 113 auf das Daimler-Werk angesetzten B-17G Bombern der 3. Bomberdivision kamen 109 über Sindelfingen zum Einsatz. Vier B-17G Maschinen mussten wegen technischer Schwierigkeiten vorzeitig den Rückflug antreten.

Die 8. US-Luftflotte beorderte für die 628. Tagesoperation (8AF 628) drei Kampfverbände unter Jagdschutz zum Angriff auf das Daimler-Werk: 4. "C"- Kampfverband (385. und 95. "B"-Bombergruppe) Kommandeure: Hauptmann W. M. Shankle, Major D. A. Pomeroy; 13. "A"-Kampfverband (390. Bombergruppe) Kommandeur: Major W. J. Jones; 13. "B"-Kampfverband (100. und 95. "A"- Bombergruppe) Kommandeure: Major Zeller und Major Gooding.

Die Angriffschronologie:

8.55 bis 8.59 Uhr: Die drei Kampfverbände erreichten die nordfranzösische Küste bei Berck-Plage in 4260 bis 4870 Meter Höhe. An der Spitze der Kampfverbände flog die Pfadfinder-Maschine B-17G 42-97668, an Bord der Kommandeur der 385. Bombergruppe, Hauptmann W. M. Shankle mit seinem Leitnavigator Oberleutnant W. A. Dery, der die Bomberformationen bis zum Ziel navigatorisch leiten sollte sowie der Leitbombenschütze Oberleutnant W. G. Melillo, verantwortlich für die zielgerechte Bombardierung des Daimler-Werks.

10.18 Uhr: Mit Kurs 100 Grad (OSO) wurde Hagenau von den Bombern erreicht. Sie befanden sich nun auf der Linie Lichtenau - Ottersweier - Baiersbronn - Latten ohne Zwischenfälle in Richtung des vorgegebenen Angriffsablaufpunkts (IP), acht Kilometer süd-südwestlich von Horb.

10.34 bis 10.41 Uhr: Die drei gingen jetzt in ihre Angriffspositionen und waren in Höhen von 7370 bis 7920 Meter in direktem Anflug auf das Daimler-Werk Sindelfingen. Die Wetterlage war unverändert gut für eine Sichtbombardierung. Nur die intensive Bildung von sich schwer auflösenden Kondensstreifen wirkte sich störend bei einzelnen Staffeln der angreifenden Bombergruppen aus. Flakbeschuss wurde nicht angetroffen.

10.40 bis 10.46 Uhr: Angriff aller drei Kampfverbände aus südlicher Richtung auf das Daimler-Werk. Der festgelegten Zielpunkt, Bau 3a (Schlosserei) sollte möglichst genau getroffen werden. In sechs Minuten wurden über dem Zielgebiet insgesamt abgeworfen: 385 Sprengbomben 500 Pfund GP AN-M64 (230 Tonnen) und 352 Abwurfbehälter 500 Pfund AN-M17 mit 30720 Stabbrandbomben (97 Tonnen).

13.10 Uhr: Zweieinhalb Stunden nach dem Angriff auf das Daimler-Werk fotografierte ein englischer Luftbildaufklärer der Royal Air Force aus 8300 Meter Höhe den noch immer brennenden und von Bombenkratern übersäten Werksbereich. Mit der Spitfire P. R. XI, PA 941 kam Hauptmann J. H. Dixon aus Stuttgart, nachdem er seinen Auftrag, die Erkundung des Schadens vom schweren R.A.F.-Nachtangriff der Royal Air Force vom 12./13. September auf Stuttgart, wegen der totalen Verrauchung der bombardierten Innenstadt abbrechen musste. Über der Stadt sah Hauptmann Dixon die in südwestlicher Richtung sichtbaren Rauchwolken, nahm daraufhin Kurs auf Sindelfingen und brachte die ersten Schadensbilder des US-Angriffs zurück nach England.

Die Schadensanalyse des bombardierten Daimler-Werks

Nach Auswertung der Angriffsfotos aller beteiligten Bombergruppen ergab sich folgende Trefferlage: Der erste Bombenteppich von der 385. "A"-Bombergruppe von Hauptmann W. M. Shankle mit dem Leitbombenschützen Oberleutnant Mellilo traf den Westteil des Werksbereichs, zentriert etwa 91 Meter vom Zielpunkt entfernt. Getroffen wurden Holzlager, Verschiebebühne, Verwaltung, Kantine, Kasino, Schlosserei (war ein festgelegter Zielpunkt), Werkzeuglager Triebwerkaufrüstung, Motorenbau, Teilefertigung für Me-110 Jäger, Instandhaltung und das Kesselhaus.

Der zweite Teppichwurf der 385. "B"-Bombergruppe von Hauptmann L. A. LaCasse mit dem Bombenschützen Oberleutnant R. M. McGhee hatte den Zielpunkt zentriert in der Rauchwolke des ersten Teppichwurfs voll anvisiert. Getroffen wurde der süd- und südöstliche Werkbereich mit dem Pressteilelager, Werkzeuglager, Galvanik, Tragflächenbau für Me-110, Fuhrpark, Lacklager und V-2 Komponentenfertigung. Die beiden Abwürfe bedeckten bereits eine Fläche von 600 mal 480 Meter. Eine dichte Rauch- und Staubwolke bedeckte nahezu den halben Werksbereich.

Abwürfe der 390. Bombergruppe von Major W. J. Jones fielen in den Süd- und Südostteil des Zielbereichs und trafen den Ost- und Nordostteil vom Böblinger Flugplatz (Flugplatzgebäude und großen Hangar) sowie den Daimler-Flugplatz mit seinen beiden Fremdarbeitslagern. Eine Reihe am Nordrand des Böblinger Flugplatzes abgestellter Flugzeuge wurde zerstört. Weitere Sprengbomben fielen entlang dem Westteil der Böblinger Allee nach Norden bis zur Ringstraße, östlich der Böblinger Allee beim Sindelfinger Gaswerk und dem nördlich vom Werk liegenden Bahnkörper sowie in den Südteil der Stadt Sindelfingen. Das Daimler-Werk war von Rauchschwaden jetzt völlig verhüllt.

Ein Fehlabwurf von 126 Sprengbomben der 95. "B"-Bombergruppe von Major Pomeroy fiel auf die Gemarkung Blumenmahden am Goldberg und traf freies Feld, etwa 100 Meter östlich des Klemm-Werks II, den Bahnkörper der Linie Stuttgart-Böblingen und einige an der Bahnlinie liegende Wohnhäuser der Stadt Böblingen. Der Leitbombenschütze, Oberleutnant Strachan, hatte, irritiert durch die starke Rauchentwicklung, im eigentlichen Zielgebiet eine Fehlanvisierung vorgenommen.

Die abgeworfenen Brandbomben der 100. und 95. "A"-Bombergruppen von Major Zeller und Major Gooding fielen in den süd-südöstlichen Bereich des Daimler-Areals. Haupteinschlagsgebiet war der Daimler-Flugplatz mit den beiden Fremdarbeitslagern und dem Wohngelände im Wiesengrund bis zum Gaswerk Sindelfingen. Weitere kleinere Konzentrationen trafen das Rollfeld und ein Werkstattgebäude am Hangar, östlich vom Flugplatz Stuttgart/Böblingen sowie in unmittelbarer Nähe des Klemm-Werks II. Ernsthafte Personenschäden bei diesem Angriff waren bis auf zehn Verletzte nicht zu verzeichnen. Die Bevölkerung hatte Schutz in den Sindelfinger Luftschutzstollen gesucht.

Am Dienstag, 19. September 1944 wurde das Daimler-Werk sechs Tage nach dem Angriff von einem US-Luftbildaufklärer (Einsatz US 7GR/3364) fotografiert. Um 13 Uhr überflog Leutnant G.J. Glaza mit der Spitfire P.R. XI, PL 866 von der 7. US-Fotogruppe in 9144 Meter Höhe das Daimler-Werk und brachte die Fotos im Bildmaßstab 1:10 000 für die Endauswertung zurück nach England. Deutlich waren jetzt die schweren Zerstörungen des Angriffs zu erkennen. Nach diesem Angriff wurde das Werk Sindelfingen als nicht mehr produktionsfähig aus der Zielliste zur weiteren strategischen Bombardierung herausgenommen und vom US-Luftführungsstab mit mehr als 85 Prozent zerstört eingestuft. Ein Wiederaufbau wurde bis zum Kriegsende 1945 nicht mehr in Betracht gezogen.