Historisches vom Flugfeld

Erfolglose Angriffe auf das Daimler-Werk

Serie: Mit zwei Tagesangriffen am 9. und 13. August versuchen die Alliierten Produktionsanlagen auszuschalten

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    Das US-Luftaufklärung schoss diese Aufnahme am 19. August. Es zeigt Sindelfingen und das Einschlaggebiet der beiden Fehlwürfe, die westlich vom Werksbereich auf den Feldern niedergingen Foto: red

In der Entwicklung und Fertigung von Flugmotoren für die deutsche Luftwaffe nahm Daimler-Benz eine Schlüsselstellung ein – dies war den Alliierten kein Geheimnis geblieben. Die Zerstörung dieser Produktionsanlagen wurde daher vom alliierten Zielplanungsausschuss als vordringlich angesehen. Von Karlheinz Franz

Artikel vom 10. August 2014

SINDELFINGEN. Der Alliierten Zentralen Luftbildauswertung (ACIU) in Medmenham, Buckinghamshire, war durch die fortlaufend über den Industriezielen durchgeführten strategischen Luftbildaufklärungen nicht unbemerkt geblieben, dass dieser Industriezweig zusätzlicher Hersteller und Zulieferer anderer kriegswichtiger Montageteile war und auch Reparaturen ausführte.
Basierend auf der Zielplanung vom 10. Juni 1944 erreichte Anfang August 1944 ein Befehl des Oberkommandierenden der USSTAF, General Spaatz, die Befehlshaber der in England und Italien stationierten Bomberdivisionen. Darin wurde die umgehende Angriffsdurchführung zur Zerstörung bis zum völligen Produktionsausfall von sieben Motorfahrzeugwerken angeordnet. Darunter befanden sich auch die Werke der Daimler-Benz AG in Berlin-Marienfelde, Gaggenau, Genshagen bei Berlin, Stuttgart-Untertürkheim und Sindelfingen bei Stuttgart.
Am Mittwoch, 9. August 1944, erfolgte ein Großangriff der 1., 2. und 3. Bomberdivision der 8.US-Luftflotte (Tagesoperation 533) auf Ziele im südwestdeutschen Raum. Eingesetzt wurden insgesamt 824 schwere Bomber (577 B-17G Flying Fortress und 247 B-24J Liberator), die durch 15 Jagdgruppen des 8. US-Jagdkommandos geschützt wurden. Die 2. Bomberdivision sollte mit drei Kampfverbänden, bestehend aus 247 B-24J Liberator Bombern, Ziele in Stuttgart, Straßburg und Sindelfingen, geschützt durch vier Jagdgruppen mit 187 Begleitjägern angreifen. Für das Sindelfinger Ziel, das Daimler-Benz Werk (GN-3802A), waren 60 B-24J Liberator Bomber des 14. US-Kampfverbands mit der 392. Bombergruppe vom Flugplatz Wendling und der 44. Bombergruppe vom Flugplatz Shipdham in England im Anflug.
Die Angriffschronologie:
 10.22 Uhr: Der Kommandeur der den 14. US-Kampfverband führenden 392. Bombergruppe, Major M. K. Martin, verliert in 6700 Meter Höhe in den Wolken den Kontakt zur ihm folgenden 44. Bombergruppe von Major Hunn. Der 14. Kampfverband war in einzelne Gruppen wetterbedingt aufgelöst worden und war ohne Orientierung. Mit der 44. Bombergruppe war nicht mehr zu rechnen.
11.14 Uhr: Auf Befehl von Major Martin hat die 392. Bombergruppe mit dem Leitnavigator Oberleutnant M.E. Roberts mit zwei seiner Staffeln die Wetterfront durchflogen und erreicht Rheinau, westlich von Achern, in einer Höhe von 5790 Meter. Eine Wetterbesserung wird beim weiteren Vordringen zum Ziel angetroffen. Zugleich überträgt der Kommandeur die Angriffsführung der beiden Staffeln an seinen Stellvertreter, Hauptmann Gonseth, der nun den Angriff zu leiten hat.
11.30 Uhr: Die Bomberformation überfliegt in 5790 Meter Höhe Albstadt, östlich von Balingen und nimmt Kurs auf den Angriffsablaufpunkt (IP) Bernloch, südöstlich von Engstingen, der 42 Kilometer vom Zielgebiet entfernt. Die Wetterlage verspricht eine Bombardierung auf Sicht.
11.35: Die 392. Bombergruppe befinden sich mit Kurs 300 Grad (NW) vom IP Bernloch im Anflug auf das Daimler-Benz Werk Sindelfingen. Flughöhe: 5790 Meter. Wetterlage über dem Zielgebiet: 4-7/10 mittlere Altocumulus-Bewölkung in 3650 Meter bis 4570 Meter Höhe. Die Außentemperatur beträgt -17°C. Die Stuttgarter Flakbatterien eröffnen ein mittelstarkes, ungenau liegendes Sperrfeuer auf die anfliegende Bomberformation. Einige Bomber weisen nach ihrer Landung starke Beschädigungen durch Splitterwirkung des Flakbeschusses auf. Über Sindelfingen wirde kein Bomber abgeschossen.
11.39 Uhr: Aus 5790 Meter Höhe werfen beide Staffeln ihre Bomben auf die Werksanlagen ab. Insgesamt 272 Sprengbomben 500 lb.GP AN-M64 (74,9 t) und 3,3 t mit 12 mal 500 lb. Abwurfbehältern  AN-M17 mit 1320 mal 1,8-Kg Stabbrandbomben AN-M50A2. Der Zielpunkt (MPI) liegt beim Gebäude 8b, nächst den Werkstätten der Instandhaltung. Der Angriff misslingt. Der Leitbombenschütze der 579. Führungsstaffel, Leutnant M.J. Connery, löst beim Zielanflug durch falsches Anvisieren Fehlabwürfe beider Staffeln aus. Die beiden konzentrierten Bombenteppiche fallen viel zu weit und treffen die westlich vom Werksbereich gelegenen Felder der Gemarkungen Täle, Obere Fronäcker und Altinger Ried, vom Zielpunkt 304 Meter (16Prozent) und 609 Meter (84 Prozent) entfernt. Einige verstreute Sprengbomben treffen die Bauten 1c (Kantine), 12, 14 und 16 (Holzlagerschuppen), das eigentliche Daimler-Werksareal bleibt unbeschädigt.
Zweiter US-Luftangriff auf das Daimler-Benz Werk Sindelfingen
Doch auf den Goldberg fallen Brandbomben. Drei Menschen sterben, darunter zwei Angehörige der DB-Werksfeuerwehr, die sich im Schutzbunker befanden, der im Bereich der niedergegangenen Bombenteppiche lag. Sieben Daimler-Mitarbeiter und acht ausländische Arbeiterinnen werden verletzt. Der verantwortliche Leitbombenschütze, Leutnant Connery, war erst einige Tage zuvor bei der 44.Bombergruppe für den RADAR- und Sicht-Zielanflug ausgebildet worden. Der erste Angriff auf das Daimler-Benz Werk wurde damit zum Misserfolg für die 2. US-Bomberdivision. Besonders belobigt wurde der Kommandeur des von ihm geführten US-Kampfverbands, Major Martin, für sein Vordringen mit nur zwei Staffeln zum befohlenen Ziel in Sindelfingen, trotz der schlechten Wetterlage und der operativen Fehlleistung seiner im Kampfverband fliegenden, zurückgebliebenen 44. Bombergruppe.
Am Montag, 14. August 1944 wurden 1183 schwere Bomber (730 B-17G und 453 B-24J) aller drei Bomberdivisionen der 8. US-Luftflotte auf Ziele in Westfrankreich und den Südwesten  des Reichsgebietes zum Angriff befohlen. Für die 1. Bomberdivision mit 381 B-17G Bombern waren Angriffe auf Ziele im Raum Stuttgart und  Metz angeordnet worden. Die  Daimler-Benz Werke in Stuttgart-Untertürkheim und Sindelfingen sowie die Flugplätze Stuttgart-Echterdingen und Metz-Frescaty sollten bombardiert werden. Vorgesehen waren 114 B-17G-Bomber für das Werk Sindelfingen, 117 für das Motorenwerk Stuttgart-Untertürkheim, 76 für Stuttgart-Echterdingen und 74 für Metz-Frescaty. Unterstützt wurden die Verbände durch vier US-Jagdgruppen (193 P-51D Mustang) des 8. US-Jagdkommandos. Verantwortlich für den Einsatz auf Sindelfingen mit der Zielnummer GN-3802A waren die Einheiten der 351., 401. und 457. Bombergruppen des 94. „A“, „B“ und „C“  Kampfverbands unter Führung von Oberstleutnant Wilson.
Die Angriffschronografie:
 11.27 Uhr: Der Raum Hausach wird in einer Höhe von 7460 Meter erreicht. Die Spitzen der Bomberformation stehen um 11.52 Uhr bei Leipheim, dem Angriffsablaufpunkt (IP). Flughöhe: 7600 Meter. Mit Kurs 300° (NW). Die Wetterlage über dem Zielgebiet wird als kritisch gemeldet. Die Angriffsführung hofft, eine Bombardierung auf Sicht durchführen zu können. Schwaches, ungenaues Sperrfeuer der Stuttgarter Flak liegt etwa 180 bis 270 Meter zu kurz rechts von den anfliegenden Bombern. Deutsche Abfangjäger wurden nicht angetroffen.
12.04 Uhr: Nur einer Staffel der 457. Bombergruppe gelingt es, auf das Sindelfinger Ziel mit zwölf von 114 Bombern trotz der schlechten Erdsicht durch die Wolkendecke, die Bomben abzuwerfen. Der Leitbombenschütze in der Führungsmaschine, Oberleutnant D. B. Jones, versucht, durch eine kleine Wolkenlücke das Ziel anzuvisieren. Aus einer Höhe von 7376 Meter fallen 120 Sprengbomben (20 x 500 lb. GP AN-M64 und 100 x 500 lb. RDX) in die Tiefe. Die Ergebnisse des Bombenabwurfs konnten nicht beobachtet werden. Angriffsfotos zeigen nur die untere Wolkendecke. Die beiden anderen Staffeln der 457. Bombergruppe bombardieren nicht Sindelfingen, sondern nehmen Kurs auf das Zweitziel, den Flugplatz Hagnau.
Am 19. August 1944 erfolgt eine US-Luftbildaufklärung über dem Sindelfinger Zielgebiet. Der Einsatz US 7GR/3043 erfolgt zur Schadensermittlung der Angriffe vom 9. und 14. August. Mit der Spitfire P.R. XI  PA944 von der 14. Staffel der US 7. Fotogruppe fotografiert der Pilot, Hauptmann J. R. Dixon, um 12.45 Uhr aus 9300 Meter Höhe bei guter Wetterlage das Daimler-Benz Werk im Bildmaßstab 1:10 000. Nach der Auswertung durch die Zentrale Luftbildauswertung (ACIU) Medmemham wurde mit dem Interpretationsreport K. 3045 vom 20. August 1944 folgendes festgestellt: Eine Anzahl von Sprengbomben traf die Stadt Sindelfingen, nördlich vom Daimler-Benz Werk und die anliegenden Bahnanlagen. Im Werk wurden die Bauten1c (Verwaltung), Bau 2 (Schlosserei) und 2i (Versand) getroffen.
Sindelfingen gab folgende Personenverluste bekannt: Sieben Tote, fünf Daimler-Mitarbeiter im Luftschutzstollen innerhalb des Werkes verschüttet und 24 Personen verletzt. Auf dem Luftbild Nr. 2053 sind die Schäden auszumachen. Deutlich zeigt die Aufnahme das Einschlagsgebiet der beiden Bombenteppiche, die westlich vom Werksbereich durch die Fehlabwürfe des Angriffs vom 9. August 1944 auf die freien Felder niedergingen.
Vom US-Luftführungsstab wurden weitere Angriffe wegen der erfolglosen Bombardierungen auf das Sindelfinger Werk angeordnet.

Hintergrund
Neue USSTAF-Zielplanung 1944
Am 10. Juni 1944, kurz nach der alliierten Invasion in der Normandie, erhielten die Befehlshaber der 8. US-Luftflotte in England und der 15. US-Luftflotte in Italien einen für die Sommermonate 1944 ausgearbeiteten Plan zur Festlegung neuer Zielprioritäten. In den neu aufgelisteten Angriffszielen standen jetzt auch verstärkt Flugplätze und Motorfahrzeugwerke zur baldigen Bombar-
dierung an. Damit wurden die Standorte Böblingen und Sindelfingen in die strategischen Angriffsplanungen aufgenommen. Es handelte sich um zwei Hauptziele: Das Werk Sindelfingen der Daimler-Benz AG und den Flugplatz Stuttgart/Böblingen. Hinzu kamen die beiden Werke I und II der Leichtflugzeugbau Klemm GmbH. Alle vier wurden als Zielkomplex GN-3802 in den Angriffsunterlagen unter folgenden Zielnummern  geführt: DB-Werk Sindelfingen (3802A), Flugplatz Stuttgart/Böblingen (3802B) und die Klemm Werke I und II (GN-3802C und GN-3802D).

Die ausführliche Dokumentation finden Sie hier