Historisches vom Flugfeld

Auftakt zu massiven Luftangriffen auf den Böblinger Flugplatz und das Daimler-Werk

Serie: Am 19. Juli 1944 geriet Böblingen ins Visier der US-Bomber – Viele zivile Opfer – Militärische Ziele nicht erreicht

  • img
    Bild 1 von 3
    Die Auswertung der Abwürfe am 19. Juli durch die US-Armee: Die Schraffuren und Kreuze sind Bombenschäden, der eingekreiste Bereich jener mit Brandschäden durch Bomben
  • Bild 2 von 3
    Dieses Foto aus 5791 Meter Höhe zeigt, wie die Bomben beim ersten Tagesangriff am 19. Juli 1944 auf Böblingen niedergehen. Die beiden inneren Zielkreise um den Hangar auf dem Flugplatz weisen bei der Auswertung der US-Luftwaffe kaum Treffer auf. Dagegen sind die Einschläge in der Unterstadt rechts und links der Bahnhofstraße gut zu erkennen. Auch die zerbombte Altstadt ist am rechten unteren Bildrand gut zu sehen. Fotos: Amerikanische Archive
  • Bild 3 von 3

Nach der verheerenden Bombennacht im Oktober 1943 geriet Böblingen im Juli 1944 erneut ins Visier der feindlichen Luftstreitkräfte. Am 19. Juli luden Bomberverbände nach einem gescheiterten Angriff auf Kempten ihre Fracht hier ab. In einer Serie erinnern wir an die Angriffe auf den Flugplatz und das Daimler-Werk. Von Karlheinz Frank

Artikel vom 18. Juli 2014

BÖBLINGEN. Es war eine gewaltige Armada, die da am 19. Juli im Himmel über Südengland zusammengestellt wurde. Die 1., 2. und 3. Bomberdivision wurde vom US-Luftführungsstab zu einem Großangriff auf strategische Ziele im Süden und Südwesten des Reichsgebietes befohlen. Insgesamt 1242 viermotorige Langstreckenbomber (669 Boeing B-17G Flying Fortress und 573 Consolidated B-24J Liberator), unterstützt durch 13 Jagdgruppen mit 761 Begleitjägern des 8. Jagdkommandos der 8. US-Luftflotte waren im Einsatz. Unter den elf Primärzielen waren Flugplätze, Montage- und Komponentenwerke der Flugzeugindustrie, Kugellagerwerke, Hersteller der Zusatz-Treibstoff-Komponente Wasserstoffperoxid für V-2 Fernraketen, Motor- und Panzerfahrzeugwerke sowie Verschiebebahnhöfe. Böblingen war nicht dabei. Lediglich Zweitziel war der Flugplatz Stuttgart/Böblingen und das Daimler-Werk Sindelfingen.
Dem 95. US-Kampfverband gelang es nicht, sein Erstziel in Kempten anzugreifen. Also galt der Angriff nun dem Zweitziel Böblingen. Bemerkenswert ist, dass als Zweitziele für je zwei der Kampfverbände sowohl das Daimler-Benz Werk Sindelfingen als auch der Flugplatz Stuttgart/Böblingen für einen Angriff vorgesehen waren, wenn das Bombardement der Erstziele nicht positiv verlaufen wäre. Angriffe auf beide Objekte hätten vermutlich am 19. Juli schon zu erheblichen Zerstörungen geführt.

Der gescheiterte Angriff
Der Leitnavigator der den 95. US-Kampfverband führenden 491. Bombergruppe, Oberleutnant I. R. Riddle, hatte durch Fehlnavigation nicht Erkheim, sondern Ottobeuren, südöstlich vom Memmingen, als Angriffsablaufpunkt um 9.43 Uhr in einer Höhe von 5490 Meter angeflogen und damit einen ungünstigen und verkürzten Zielanflug auf das Erstziel ausgelöst. Über dem Zielgebiet hatte sich eine 7-9/10 Wolkenformation gebildet, die keine Erdsicht zum Angriffsziel ermöglichte. Hinzu kam, dass die Bombergruppe durch im Abflug befindliche Boeing B-17G Bomber der 1. US-Bomberdivision, die über Augsburg und dem Flugplatz Lechfeld operierten, behindert wurde. Der Angriff wurde daraufhin vom Kommandeur, Oberst Miller, um 9.52 Uhr über Kempten abgebrochen und der Befehl zum Angriff auf das planmäßige Zweitziel erteilt. In den Formationen beider Bombergruppen entstand Enttäuschung und Verärgerung über die missglückte Operation. Die Besatzungen waren nicht erfreut darüber, dass ihre an Bord befindlichen Bombenlasten nicht ausgelöst werden konnten, sondern weiter mitgeführt werden mussten.

Anflug auf das Zweitziel
Mit  scharfer Linkswendung um 180 Grad nahmen die Bombereinheiten wieder Kurs auf Ottobeuren und waren von dort im Anflug auf den Angriffsablaufpunkt (I.P.) Reutlingen, der für den Angriff auf das Zweitziel um 10.16 Uhr in einer Flughöhe von 5490 Meter überflogen wurde. Der Angriffsablaufpunkt erwies sich auch hier mit 26 Kilometern als zu kurz angesetzt. Schon über Reutlingen und während des Zielanflugs gerieten die Verbandsformationen der 491. und 489. Bombergruppe immer mehr in Unordnung. Sie drifteten auseinander und verloren ihre Angriffsdichte. Zudem war die 489. Bombergruppe zu dicht an der vor ihr fliegenden 491. Führungsgruppe aufgeflogen. Beiden Gruppenkommandeuren, Oberst Miller und Major Tanner, wurde bewusst, dass Schwierigkeiten mit der zeitgerechten synchronisierten Anvisierung des Zielpunkts (M. P. I., Mean Point of Impact), die vier großen Hangars und technischen Werkstätten am südöstlichen Rand des Flugplatzes Stuttgart/Böblingen, eintreten würden.

Der Angriff
10.19 Uhr: Die 491. und 489. Bombergruppe hatten den Zielbereich erreicht. Die Wetterlage, wolkenlos mit uneingeschränkter Bodensicht, ließ keinerlei Schwierigkeiten für eine Bombardierung auf Sicht aufkommen. 10.20 Uhr: Die 491. Bombergruppe begann mit elf B-24J Liberator-Bombern ihrer 855. Führungsstaffel mit dem Abwurf von 110 Sprengbomben aus 5480 Meter Höhe. Mittleres, ungenaues, aber verfolgendes Sperrfeuer der Flak-Großbatterie Vaihingen und den ortsfesten Stuttgarter Flakeinheiten empfing die Bombereinheiten. Aus der von Oberleutnant J. R. Metcalf geflogenen Führungsmaschine des Kommandeurs, Oberst F. H. Miller, hatte der Leitbombenschütze, Oberleutnant W. L. Meyers, zeitlich zu früh den M. P. I. anvisiert. Die Bomben gingen verstreut in fünf Einschlaggruppen nördlich der Herrenberger Straße, bis zu 1350 Meter vom Ziel entfernt, zwischen den Bahnkörpern der Eisenbahnlinien Böblingen-Herrenberg und Böblingen-Dettenhausen nieder und trafen das freie Feld der Gemarkung Hegen. Schwer getroffen wurde dagegen das Werk I der Klemm Leichtflugzeugbau an der Calwer Straße mit seinem Hangar, Werkstätten und Bürogebäuden. Weitere Abwürfe endeten auf der Mitte des Rollfelds, 300 bis 500 Meter zu weit nordwestlich vom eigentlichen Ziel.
10.21 Uhr: Mit der zweiten Einheit, der 852. Staffel, hatten weitere elf B-24-Bomber aus 5700 Meter Höhe über dem Zielbereich 109 Sprengbomben abgeworfen. In der von Oberleutnant L. L. Hendrix gesteuerten Führungsmaschine gelang es dem Leitbombenschützen, Leutnant B. G. Smith nicht, den M. P. I. genau anzuvisieren, was schwerwiegende Folgen nach sich zog. Der Bombenteppich begann 750 Meter weitab vom Ziel und traf konzentriert die Wohnviertel der Böblinger Unterstadt mit sechs Einschlaggruppen auf einer Fläche von 425 Meter mal 350 Meter. Betroffen waren die Stadtgraben-, Karl-, Uhland-, Wilhelm-, Olga- und Talstraße. Die Stadt Böblingen gab den Verlust von 36 Menschen, darunter zwölf Männer, 16 Frauen, drei Kinder und fünf Ausländer, bekannt. Hinzu kamen 24 Verwundete und 23 Verschüttete, die alle lebend geborgen wurden. Die Zahl der obdachlosen Personen betrug 231. Einige Bomben fielen auf das Gleisbett, 75 Meter südwestlich des Bahnsteigbereichs des Böblinger Bahnhofs. Weitere Einschläge lagen 227 Meter südwestlich vom Ziel entfernt, zwischen den Flugplatz-Werkstätten.
10.22 Uhr: Die 853. Staffel, geführt von Oberleutnant E. S. Siccardi, flog den Zielraum, weiter westlich versetzt, mit der Führungsmaschine in 5330 Meter Höhe an. Sein Bombenschütze, Oberleutnant B. L. Lavooti, hatte eine viel zu kurze Anvisierung vorgenommen. Die mitgeführten 80 Sprengbomben der Staffel fielen verstreut in 1800 Meter Entfernung süd-südwestlich vom anvisierten Hangar. Die verstreuten Abwürfe erstreckten sich vom Maurener Täle weiter über freie Feldgebiete zwischen dem Grenzweg und der Herrenberger Straße.
10.23 Uhr: Zwei Staffeln mit 24 B-24J Bombern der folgenden 489. Bombergruppe warfen im Fehlwurf 1248 Brandbomben etwa drei Kilometer verstreut aus 5390 Meter bis 5790 Meter Höhe ab. Getroffen wurden der östliche Flugplatzrand mit Kontrollgebäude und der Nordteil der Flugplatzkaserne sowie drei Kilometer südlich vom Flugplatz entfernte Waldgebiete und offene Felder.

Die Schadensauswertung
Nach der Auswertung des von der 491. Bombergruppe aufgenommenen Angriffsfotos vom 19. Juli um 10.20 Uhr und des Luftbildaufklärungseinsatzes 7. US Fotogruppe vom 19. Juli um 19.45 Uhr ergaben sich folgende Ergebnisse: Der festgelegte Zielpunkt, die vier großen Hangars mit den umgebenden Reparatur-Werkstätten des militärischen Bereichs, wurde von den Leitbombenschützen aller Einheiten nicht getroffen. Nur zwei Prozent der Bomben fielen im Umkreis von 152 Metern, fünf Prozent im Umkreis von 304 Meter und 30 Prozent im Umkreis von 609 Meter vom Ziel entfernt, was von dem Führungsstab der 2. US-Bomberdivision als schlecht (poor) eingestuft wurde.
Dagegen wurde das südlich gelegene Werk I der Klemm Leichtflugzeugbau mit seinem Hangar, Werkstätten und Büros schwer getroffen und zum Teil zerstört. Einige dort abgestellte Flugzeuge (He-111 Bomber), erlitten Beschädigungen durch nahe Bombentreffer. Schwerwiegender wurde der nicht militärische Bereich durch den auf die Böblinger Unterstadt fehlanvisierten Teppichabwurf betroffen. In den Berichten an den Oberkommandierenden der 2. US Bomberdivision, fand dieses Vorkommnis nur kurze Erwähnung und wurde als Kollateralschaden hingenommen.
Die Einheiten des 95. US-Kampfverbands landeten ohne Verluste nach achtstündigem Einsatz auf ihren englischen Flugplätzen Metfield und Halesworth. Es wurden 21 US-Bomber und sieben Begleitjäger abgeschossen. Die deutsche Luftwaffe verlor sechs Abfangjäger.

Komplette Auswertungen

 

Zur Person
Der Böblinger Karlheinz Franz (KRZ-Foto: Ruchay-Chiodi) wurde 1931 in Berlin geboren. Seine berufliche Laufbahn führte ihn zur IBM, wo er in der Forschung und Entwicklung, in der Produktionsplanung und zuletzt als Sicherheitsingenieur tätig war. Seine Auslandsaufenthalte nutzte er ab 1974 dazu, in seiner Freizeit „Archive abzuklappern“, wie er es in seiner typisch berlinerischen Art locker formuliert. Mit großer Akribie stellte er Informationen über die Luftangriffe des 2. Weltkriegs auf Böblingen zusammen. Dabei kopierte er auf eigene Kosten Dokumente wie Luftaufklärungsfotos, Flugroutenkarten sowie Skizzen zu Angriffszielen aus amerikanischen und englischen Archiven. In einer Serie zeichnet er die Angriffe vom 19. Juli bis zum 9. Dezember 1944 nach.