Historisches vom Flugfeld

Schindlers Kiste jetzt wieder in Böblingen

AG Böblinger Flughafengeschichten arbeitet dem Stadtarchiv zu - Neue historische Exponate zum Flugfeld übergeben

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    Archivar Christoph Florian (links) freut sich über die Zuarbeit der "Hobby-Historiker" KRZ-Foto: Simone Ruchay-Chiodi

Seit 2008 schon sucht die AG Böblinger Flughafengeschichten rund um Reinhard Knoblich, Wilfried Kapp und Hans-Jürgen Sostmann nach Dokumenten und mehr über das Böblinger Flugfeld. "Das ist natürlich ein Idealfall", zeigt sich der Stadtarchivar Christoph Florian dankbar über den Beitrag der drei Senioren.

Artikel vom 04. Januar 2014 - 17:36

BÖBLINGEN. Schwer bepackt betritt die dreiköpfige AG Böblinger Flughafengeschichten das Bürgeramt, in den Händen eine olivgrüne Holzkiste, die sich als wahre Schatztruhe entpuppte. Denn die stammt nicht nur aus den 1920er Jahren, sondern sie gehörte auch dem Luftakrobaten Fritz Schindler. Der hatte bis 1929 in Sindelfingen gewohnt und war am 18. September 1930 bei einer Akrobatiknummer auf dem Flugfeld gemeinsam mit drei Kollegen ums Leben gekommen. Nun konnte die Truhe nebst neun anderer Exponate zum Flugfeld dem Stadtarchiv übergeben werden.

"Knoblich", ruft Wilfried Kapp zu seinem Freund, "komm her, das kannst du tragen". Ordentlich schwer ist Schindlers alte Kiste, schließlich befinden sich in ihr jene Dokumente und Exponate, die von der AG in den vergangenen beiden Jahren zusammengetragen wurden. Mit dem Fahrstuhl geht es in die Tiefgarage, an deren Ende durch eine Tür ins Stadtarchiv. Hier ist das Reich von Dr. Christoph Florian, seit 2009 der Hüter von 20 000 Fotodokumenten und 600 laufenden Meter Archivmaterial. "Toll, dass wir solche Bestände übernehmen können", zeigt sich der Archivar ob des Zuwachses erfreut. "Wir schauen, dass wir in unserem begrenzten Rahmen Dinge erwerben können."

Den Koffer von Fritz Schindler haben Reinhard Knoblich (68), Wilfried Kapp (74) und Hans-Jürgen Sostmann (75) aus eigener Tasche bezahlt. 100 Euro wollten die Besitzer, am Ende mussten nur 70 Euro bezahlt werden. Da schnalzt der Schwabe mit der Zunge. Gehört hatte der Reisekoffer Susanne Schweizer, einer Großnichte von Luftschiffer Hugo Eckener. Im Juli 2012 hatte ihr Ehemann im Blog der AG Flughafengeschichten einen Hinweis hinterlassen. "Über das Blog kamen viele Kontakte zustande", bestätigt Knoblich. Und Stadtarchivar Florian freut sich darüber, dass der Koffer mit der Aufschrift "Fritz Schindler Sdf" so Personen zugeordnet werden konnte. "Das steigert den Wert", weiß der Historiker.

Viele Kontakte hat aber auch das Ehepaar Pratzler vermittelt, das bis Mitte der 1970er Jahre als Zivilangestellte bei der Boeblingen Maintenance Facility (BMF) beschäftigt war und inzwischen in Gültlingen lebt. Darunter Kontakte zu Günter Bittelmeyer und Anton Barth, die neben Dias auch BMF-Blaupausen zur Verfügung stellen konnten. Im Sommer traf sich die AG mit rund 30 ehemaligen Angestellten des Reparaturwerks Böblingen im Meilenwerk und konnte dabei so manches Exponat sichern. Dies war umso bedeutungsvoller, weil Knoblich, Kapp und Sostmann aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und der Flugfeldepoche als militärisches Sperrgebiet "unheimlich wenig" wussten.

Ebenjenes Zusammentragen von Wissen hat sich die AG seit Weihnachten 2008 auf ihre Fahnen geschrieben, als Reinhard Knoblich von Schindlers Unglück hörte. "Da wurde das Feuer entfacht", erinnert er sich. Fortan trugen er und sein Freund und Arbeitskollege Wilfried Kapp gemeinsam mit dessen altem Schulkameraden Hans-Jürgen Sostmann alles zusammen, was sie über die Historie des Flugfelds finden konnten. Speziell Sostmann, der in den 1980er Jahren selbst im Stadtarchiv gearbeitet hat, ist von der Fluggeschichte der Stadt fasziniert. Immerhin waren er und Kapp seinerzeit sogar Besucher der Großflugtage gewesen, die Ende der 1950er bis 1970 auf dem Flugfeld stattfanden.

Abendessen entschädigt Ehefrauen für die fehlende Aufmerksamkeit

Die Zeitinvestition der drei Rentner in ihre AG ist dabei durchaus umfangreich. "Manchmal sind es mehrere Tage in der Woche", bestätigt Kapp. Zuletzt musste das Trio sogar seine Ehefrauen zu einem Abendessen einladen, um für das zeitfressende Hobby zu entschuldigen. "Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mich mal mit Historie befasse", verrät Knoblich. "Aber das fesselt einen schon." Und die Passion wird vermutlich auch nicht abnehmen, wird das Flugfeld 2017 doch 100 Jahre alt. "Wir meinen, das sollte man feiern", findet Knoblich.

Immerhin verdanken sich bereits rund zehn Meter des Archivmaterials der AG Flughafengeschichten. Dabei hat Knoblich zuhause noch 40 Gigabyte Material. "Da bin ich laufend am Pfriemeln", sagt der 68-Jährige. Schließlich müssen all die alten Fotos digitalisiert und anschließend sortiert werden. Und mit derartigen Mühen kennt sich Christoph Florian aus. "Eben ganz wie wir Archivare", schmunzelt der "Kollege".

Weitere Informationen zu der Böblinger Flughafengeschichte finden sich im Blog der AG unter http://flughafenbb.wordpress.com im Internet.