Historisches vom Flugfeld

Bis zu 1500 Menschen waren in Lohn und Brot

Flugfeld-Serie: Die AG Flughafengeschichten hat sich mit dem Reparaturwerk der US-Armee beschäftigt und Zeitzeugen befragt

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Die AG Böblinger Flughafengeschichten erforscht die Geschichte des Flughafens von der Gründung als Militärflugplatz bis zur Erschließung des heutigen Flugfeldes. Zeitzeugen, die in der Nachkriegszeit im US-Reparaturwerk gearbeitet haben, lieferten wichtige Informationen über die Zeit von 1945 bis 1975.

Artikel vom 28. September 2012

BÖBLINGEN. Der Raum Böblingen/Sindelfingen und damit auch der ehemalige Böblinger Flughafen war nach dem Zweiten Weltkrieg von den französischen Truppen besetzt. Nach deren Abzug im Juni 1945 richtete die US-Armee im Juli 1945 auf dem Gelände ein Sammellager für Armeegeräte ein. Mehr als 4000 Kampffahrzeuge, Geschütze, Transportfahrzeuge, Anhänger und kleine Waffen wurden hier abgestellt. Es war Aufgabe der im Fabrikgebäude der Klemm-Leichtflugzeugbau untergebrachten 1200 (800 nach anderen Berichten) deutschen Kriegsgefangenen, dieses Armeegerät zu konservieren. Um dieses weiter zu verwenden, verabschiedete die 7. US-Army noch 1945 ein Wiederaufbauprogramm. Ein großer Teil wurde in Europa verkauft, man behielt aber soviel, um den geschätzten Bedarf der US-Truppen sicherzustellen. Der Transport in die USA zum Wiederaufbau und wieder zurück nach Europa zur Verwendung durch die US-Truppen wäre sehr kostspielig gewesen. Böblingen wurde einer der von der US-Army betriebenen Wiederaufarbeitungs-Standorte.

Als Mitte Februar 1946 die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen aus amerikanischem Gewahrsam erfolgte, war infolge der Ausweisung aller Deutschen aus der Tschechoslowakei oder infolge der Besetzung der Ostgebiete durch die Sowjets nur für wenige eine Rückkehr in die alte Heimat möglich. Die meisten ehemaligen Kriegsgefangenen wechselten deshalb als ziviles Stammpersonal zur Sammelstelle der US-Armee über. Für viele war das eine Rückkehr in den Beruf, ein neuer Anfang und die Notwendigkeit, sich wieder in eine zielgerichtete Arbeit einzufügen. Zum Teil wurden auch Einheimische zusätzlich eingestellt.

Der 11. Februar 1946 ist als Gründungszeitpunkt des Reparaturwerkes unter der Geschäftsführung der US-Army anzusehen. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Personalverwaltung einschließlich der Lohn- und Gehaltsabrechnung aus den Händen des Besatzungskostenamtes in Böblingen übernommen.

Aus der Sammelstelle entwickelte sich im Jahre 1947 eine Überholungswerkstätte, die im Ordnance-Wesen (bei der US-Army zuständig für das technische Equipment) als wichtiger Teil auf dem Instandsetzungsgebiet hervortat. Die erste Aufgabe bestand in der Generalüberholung von Transportanhängern unterschiedlicher Art und Größe. Andere Fahrzeugtypen, sowohl Räder- als auch Kettenfahrzeuge, kamen im Jahre 1954 hinzu und erforderten eine Erhöhung der Belegschaft und gleichzeitig mit ihr eine Vermehrung der Fachkräfte in den verschiedensten Berufssparten.

Daimler übernimmt Management

Die ständig steigenden technischen Aufgaben, die vor allem durch die Generalüberholung von Räder- und Kettenfahrzeugen diesem Werk auferlegt wurden, erforderten nach Ansicht der zuständigen Kommandeure ein industrielles Management. Die Firma Daimler-Benz AG, Stuttgart-Untertürkheim, übernahm deshalb am 1. Juni 1948 als erste Vertragsfirma die Leitung dieses Instandsetzungswerkes bis zum Februar 1950. Schon in dieser Zeit vollzogen sich mit der technischen Durchdringung der Arbeitsmethoden einschneidende Änderungen, die in Übereinstimmung mit den schnell wechselnden Erfordernissen der Armee zu einer rationellen Steuerung dieses Werkes zwingend erforderlich wurden. Im Januar 1957 erhielt das Werk die Bezeichnung US-Army Ordnance Depot.

Vom 1. März 1950 bis zum 31. März 1956 wurde das Werk von der Firma Kessler & Co in Wasseralfingen betrieben, die das Personal im Rahmen eines Personal-Dienstvertrages zur Verfügung stellte. Seit dem 1. April 1956 wurde Daimler-Benz AG mit der Gesamtführung beauftragt, die amerikanische Armee fungierte nur noch als Auftraggeber und Abnehmer. Um die finanzielle Kontrolle zu haben, waren alle Führungspositionen jeweils mit amerikanischen Armee- und Zivilmitarbeitern und deutschen Zivil-Mitarbeitern besetzt. Die Kosten des Betriebes in Höhe von rund einer Million Mark trugen nun die Amerikaner, davor wurden sie von dem Amt für Verteidigungslasten übernommen. Durch diese Maßnahme erhielt das Unternehmen den Charakter eines reinen Exportbetriebes und war damit einer der größten Devisenbringer des Kreises Böblingen. Die Mitarbeiterzahl betrug von 1946 bis 1975 zwischen 600 und 1500 Beschäftigte, 1969 waren 35 Prozent Fremdarbeiter.

Der Flugplatz wurde zu einem Fahrzeug- und Ersatzteil-Depot ausgebaut und in den ehemaligen Hangars wurden jetzt Produktionslinien für Allzweck-Reparatur und allgemeine Überarbeitung für Lkw, Anhänger, Jeeps, Limousinen, Kampffahrzeuge, Ersatzteile, Werkzeuge und Zubehör eingerichtet. Die Arbeiten umfassten Säuberung und Demontage; Reparatur von Chassis, Karosserie und Aufbau; Überholung von Motor und Antriebsstrang; Zusammenbau von Motorfahrzeugen und Anhängern; Sandstrahlen und Lackierung; Reparaturen an Federung und Kühlsystem, sowie den Ersatz von Holzteilen an Bordwänden und Sitzbänken. Weitere Aufgaben waren außerdem, Teile für die Wartung von Transportmitteln zu liefern: Umgang mit zurückgeschicktem Material, Wartung der Fahrzeuge bei der Lagerung, Herstellung von Teilen, Veränderungen an Fahrzeugen nach Bedarf und Entgegennahme, Aufbewahrung und Ausgabe von unbrauchbaren oder Überbestände.

Böblingen wird zu teuer

Die gesamte Grundfläche betrug 113 Hektar, davon waren 4,5 Hektar bebaut. Es befanden sich 26 feste und 114 bewegliche Gebäude auf dem Gelände. Die für die Umfriedung des Werksgeländes benötigte Zaunlänge betrug rund 5000 Meter. 40 518 Quadratmeter Betriebsräumlichkeiten standen zur Verfügung und 104 740 Quadratmeter Straßen und Plätze waren befestigt.

Der Wert der Versorgungsgüter, Ersatzteile, Aggregate und der gelagerten Kraftfahrzeuge wurde Anfang 1971 mit 113 891 993 US-Dollar angegeben.

Ein Finanzbericht der US-Army von 1974 empfahl 1975 dem amerikanischen Kongreß, dass es wirtschaftlicher ist, das meiste Equipment in den USA reparieren zu lassen. Als Gründe wurden die hohen Aufarbeitungskosten wegen der ungünstigen Dollar/DM-Entwicklung, die hohe Inflation und die zu geringe Auslastung genannt. Allein von 1973 bis 1974 stiegen die Stundenlöhne zum Beispiel in Böblingen von 11,93 auf 19,75 Dollar. Der Dollarkurs fiel von 1969 bis 1973 von 4 Mark auf 2,80 Mark. Der Vorschlag zu drastischen Einsparmaßnahmen führte zu der Entscheidung, die Böblinger Aufarbeitung zu schließen.

Sämtlichen Lohnempfängern wurde eine Übernahme in die Werke Sindelfingen und Untertürkheim der Daimler-Benz AG angeboten, den meisten Angestellten wurde gekündigt, sie erhielten Abfindungen. Und so endete die Ära des US-Reparaturwerkes Böblingen im Oktober 1975.