Historisches vom Flugfeld

Das Mittagessen im "Bären" rettete ihm das Leben

Richard Perlia, ehemaliger Werkspilot bei den Böblinger Klemm-Werken, ist im Alter von 106 Jahren gestorben - Heimatforscher erinnern sich an den Flieger

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Kurz vor seinem 107. Geburtstag ist Richard Perlia jetzt in Berlin gestorben. Ein Mann, der in Böblingen als Werkspilot der Leichtflugzeugwerke Klemm Fluggeschichte mitschrieb und 1930 nur durch einen Zufall nicht dabei war, als bei einer Flugakrobatikshow fünf seiner Kollegen in den Tod stürzten.

Artikel vom 11. April 2012 - 17:42

BÖBLINGEN (red/dih). Die Forschergruppe "Flughafengeschichten", Wilfried Kapp, Reinhard Knoblich und Hans-Jürgen Sostmann, war seit etwa zwei Jahren ständig mit Perlia in telefonischer Verbindung. "Dabei schwärmte er von seiner Böblinger Fliegerzeit und dem Flugunterricht in ,Wellers Küche' im Beisein seiner Frau Irmchen, die derweil Kaffee und Kuchen bereitstellte", berichtet Kapp. "Eigentlich wollten wir ihn ja auch noch in Berlin besuchen - ein Jammer, dass das nicht mehr geklappt hat."

Richard Perlia wurde am 6. April 1905 in Aachen geboren und hatte schon als kleiner Junge den großen Traum, einmal Pilot zu werden. Diesen setzte er 1927 um. Ende August, haben die Recherchen der Böblinger Heimatforscher ergeben, setzte er sich in den Zug, fuhr nach Böblingen zur Firma Leichtflugzeugbau Klemm GmbH und meldete sich dort in der werkseigenen Fliegerschule bei Fluglehrer Hermann Weller an, der ihn dann in den nächsten Monaten schulte. Perlia war ein begabter Schüler und erhielt nach nur wenigen Wochen glücklich seinen Flugschein überreicht. Es folgte eine Zeit, in der der junge Pilot als Reklameflieger und Fluglehrer im Einsatz war. Nachdem er bei der Firma Raab-Katzenstein auch noch seinen Kunstflugschein mit Erfolg abgeschlossen hatte, trat er auch als Kunstflieger bei Veranstaltungen auf.

1930 kam Richard Perlia wieder zurück zu Klemm, wo er einige Zeit als Werkspilot arbeitete - wobei er auch bei Flugtagen seine Künste in Klemm-Flugzeugen vorführte. Dabei war er auch als Pilot mit dem bekannten und todesmutigen Flugakrobaten Fritz Schindler unterwegs.

Am 18. September 1930 sollte Perlia mitfliegen, als Schindler sein neues Kunststück, das er beim kommenden Flugtag auf dem Cannstatter Wasen als neue Sensation vorführen wollte, zuerst in Böblingen ausprobierte - nämlich den Übergang von einem Flugzeug zum anderen während des Fluges. Schindler hatte so etwas Ähnliches, wie das Umsteigen von einem fahrenden Auto in ein Flugzeug mittels einer Leiter bereits in Berlin mit Erfolg getestet.

Die Kunstflug-Generalprobe 1930 endete für seine Kollegen tödlich

Die Generalprobe begann pünktlich um 14 Uhr. Perlia sollte das Klemm-Flugzeug fliegen, in welches Schindler von seinem darunter fliegenden Doppeldecker Flamingo umsteigen wollte. Doch zur Startzeit saß Perlia noch bei der Mittagspause im renommierten Gasthof zum "Bären". Er genoss das Essen so sehr, dass er sich in der Zeit vertan hatte. "Als ich meinen Irrtum bemerkte, warf ich mich hinters Autosteuer und raste, was der Motor hergab zum Flughafen", erzählte Perlia später. "Aber es half nichts. Die Vorführung war bereits in vollem Gange. Ich ärgerte mich riesig. An meiner Stelle war Hagemeyer, der wie ich als Werkspilot arbeitete, in die startklare Maschine geklettert. Schindler stand auf der Tragfläche des Flamingos. Seine Füße steckten in Schlaufen. Er beugte seinen Oberkörper gegen den Fahrtwind nach vorn und versuchte, die aus der Klemm hängende Stahlrohrleiter zu ergreifen. Die beiden Maschinen flogen in etwa 400 Meter Höhe im Kreis. Zweimal versuchte Schindler, die untere Leitersprosse zu fassen. Vergeblich. Die Zuschauer hielten den Atem an. Endlich, beim dritten Versuch klappte es. Schindler bekam die Leiter zu fassen. Und dann geschah das Schreckliche. Durch Schindlers Umsteigemanöver gab es eine Gewichtsverlagerung. Die untere Maschine wurde leichter, die obere schwerer und daher nach unten gezogen. Alles geschah in Sekundenschnelle. Die Flugzeuge berührten sich und die Propeller schlugen ineinander. Fritz Schindler und die Piloten Walter Spengler, Gustav Engwer, Walter Spengler sowie Leopold Hagemeyer stürzten mit den Flugzeugen in die Tiefe. Sie waren auf der Stelle tot. Ich war mit dem Schrecken davon gekommen. Meine Unpünktlichkeit hatte mir das Leben gerettet."

Während des Krieges arbeitete Perlia bei verschiedenen Firmen als Testpilot, wo er dann bei der Firma Junkers in Dessau das Kriegsende erlebte. Nach dem Krieg wandte er sich der Fotografie zu und schrieb überwiegend für die Fachzeitschrift "Flugwelt". Auch schrieb er zwei Bücher mit den Titeln "In geheimer Mission - Memoiren eines Testpiloten unter Hitler" und "Mal oben, mal unten: Das brisante Leben des Testpiloten Richard Perlia" - ein Buch, in welchem er auch seine Zeit in Böblingen beschrieben hat.