Historisches vom Flugfeld

Ein Auto, das das Zeug zum Volkswagen hatte

Vor 86 Jahren wurde in Böblingen der SHW-Wagen entwickelt und machte die Stadt fast zum Standort automobiler Massenproduktion

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Das Auto wird 125 Jahre alt und hätte Böblingen beinahe die Produktion eines Volkswagens beschert. SHW-Wagen hieß der Hoffnungsträger, der auf dem heutigen Flugfeld 1925 entwickelt wurde und dessen Leben nach einem Jahr bereits wieder endete.

Artikel vom 11. Oktober 2011 - 11:36

BÖBLINGEN. Man schrieb das Jahr 1924 als zwischen Böblingen und Italien die Voraussetzungen für die Geburt des ersten massentauglichen Automobils in Deutschland geschaffen wurden. Auf dem ehemaligen Landesflughafen dümpelte die Böblinger Werft AG mehr schlecht als recht vor sich hin. Mit der Niederlage im 1. Weltkrieg war dem Unternehmen die Erwerbsgrundlage, der Flugzeugbau, abhanden gekommen und das neue Geschäftsmodell Kleinmotoren wollte nicht so richtig einschlagen. Deshalb veräußerte der Mailänder Industrielle Frova seine Böblinger Firma an die Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) mit Sitz in Aalen.

Das damals noch junge Unternehmen von der Ostalb wollte in seiner neuen Filiale ein Gießereiwerk errichten und Landmaschinen fabrizieren. Doch dann übernahm im Jahr 1925 ein Mann namens Wunibald Kamm den Platz des Werksdirektors, und mit diesem ehemaligen Daimler-Ingenieur hielt auch ein Auto Einzug in Böblingen, das es in sich hatte.

Kamm, ein begnadeter Tüftler und visionärer Autobauer, war gebannt von der Idee, in Deutschland ein Fahrzeug zu bauen, das nicht nur für eine kleine Elite zum exklusiven Luxusgut taugt, sondern als massentaugliches Fortbewegungsmittel breiten Schichten der Gesellschaft Mobilität verschafft. Produziert werden sollte es nach dem Vorbild der Firma Ford, die bereits in den USA Autos auf dem Fließband herstellte.

Kamms Fahrzeug hatte das Zeug zum Bestseller: selbsttragende Leichtmetallkonstruktion, Vorderradantrieb, Vierradbremsen und Einzelradaufhängung in einem Auto - das hatte es zuvor noch nie gegeben. Hinzu kamen 36 PS, die das 700 Kilo-Gefährt 110 Stundenkilometer schnell machte und damit den großen Automobilen locker das Wasser reichen konnte - alles zu einem Preis, der mit 3200 Reichsmark fast nur halb so hoch wie bei den Ford-Modellen sein sollte.

Die drei Prototypen, die Kamm mit einem hochqualifizierten Ingenieurteam in den Böblingen Flugzeughallen unter dem Projektnamen SHW-Wagen produzierte, sorgten für Furore: Auf der Automobil-Ausstellung in Berlin 1925 war das Fahrzeug aus Böblingen mit seiner klaren, kantigen Form das große Thema: "Eine ganz merkwürdige, neuartige und viel Aufsehen erregende Kleinwagenkonstruktion", lobte ein Fachblatt. Manche Branchenkenner vermuteten in dem neuen Vierrad gar den Hoffnungsträger, der die deutsche Autoindustrie auf den internationalen Märkten wieder salonfähig machen sollte. Auch im nahen Stuttgart war das Auto aus Böblingen mehr als nur eine Provinzgeburt: Daimler-Technikchef Ferdinand Porsche empfahl seinem Vorstand im Falle der Produktreife des SHW-Wagens diesen per Lizenz in die eigene Produktpalette aufzunehmen oder gleich ein ähnliches Auto zu bauen.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Die Kaufmänner des Konzerns traten auf die Bremse und zeigten Wunibald Kamm und seiner Tüftlertruppe das Rotlicht. 455 000 Reichsmark Entwicklungskosten hatte diese

Das Aus kam mit 455 000 Reichsmark Entwicklungskosten

in nur einem Jahr angehäuft. Zu viel für die Hüttenwerke, die in der ökonomisch schwierigen Nachkriegszeit selbst mit Problemen zu kämpfen hatten. Die pannenbehaftete Probefahrt eines SHW-Chefs und warnende Expertisen von unabhängigen Sachverständigen führten darüber hinaus dazu, die Skepsis in der SHW-Führungsebene nicht gerade zu mindern.

Am 1. Juli 1926 war dann endgültig Schluss. Nach nur einem Jahr endete der Traum vom Volkswagen in Böblingen. Die SHW beendeten ihren Kurztrip in die Automobilwelt mit Schulden in Höhe von 800 000 Reichsmark.

Wunibald Kamm, der auch als Erfinder der Auto-Heckflosse gilt, gab seine Vision eines volkstauglichen Automobils allerdings nicht so schnell auf. Der gebürtige Schweizer, damals gerade einmal 32 Jahre alt, versuchte mit seiner Idee bei BMW unterzukommen. Aber auch die bayrischen Motorenbauer ließen sich auf der Suche nach einem Massenautos von Kamms Idee nicht infizieren.

Am Ende blieb dem glücklosen Auto-Pionier nur sein Vorführwagen, den er 1937 dem Deutschen Museum vermachte. Dort ist der Prototyp aus den Böblinger Flugzeughallen noch heute zu besichtigen. Wunibald Kamm haderte noch in den 1960er Jahren mit dem Schicksal des verkannten Visionärs: "Der Volkswagen wäre nicht mehr nötig gewesen", lautete die bittere Bilanz seines Wirkens in Böblingen.

Die Fließbänder wurden inzwischen unter anderem Stern in der Nachbarstadt gebaut.