Historisches vom Flugfeld

Landung vor 100 000 Zuschauern

Heute vor 80 Jahren kam der Zeppelin zum Sonntagsbesuch nach Böblingen

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    Der "Graf Zeppelin" ist gelandet Foto: Archiv
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    Majestätisch schwebt das Luftschiffs LZ 127 "Graf Zeppelin" über Böblingen. Und wird 1929 von 100 000 Zuschauern auf dem dem damaligen Landesflugplatz begeistert empfangen. Foto: Archiv

Viertel nach zwölf ist es am 3. November 1929, als die silbergraue Schnauze des Luftschiffs LZ 127 "Graf Zeppelin" am wolkenverhangenen Himmel sichtbar wird. Dicht gedrängt haben 100 000 Schaulustige Stellung auf dem Landesflugplatz in Böblingen bezogen, um die Ankunft des legendären Luftschiffs zu erwarten.

Artikel vom 03. November 2009 - 10:30

BÖBLINGEN. Es ist ein beeindruckender Anblick, als sich der fliegende Riese tatsächlich dem Flugplatz nähert. Von den jubelnden Massen begrüßt, dreht die "Graf Zeppelin" einige Runden um Stadt und Flugplatz, um einige Zeit später, genau um 12.50 Uhr, auf dem Flugfeld zu landen. "Unsere Stadt hatte heute vom frühen Morgen an einen Massenbesuch zu verzeichnen, wie sie ihn wohl noch nie gesehen hat", berichtete der Böblinger Bote damals über das Ereignis. Auto um Auto drängte sich Richtung Flugplatz, in 19 Sonderzügen karrte die Reichsbahn über 27 000 Neugierige aus Stuttgart, Herrenberg und Renningen in die laut Zeitung "mit Flaggen reich geschmückte Stadt".

Der Massenansturm auf den Böblinger Flugplatz zeugt von der ehemals ungeheuren Popularität der Luftschiffe, von denen die "Graf Zeppelin" bei weitem das erfolgreichste war. Im August erst hatte der Zeppelin die Erde umrundet und eine Strecke von 34 200 Kilometern bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 114 Kilometern pro Stunde zurückgelegt. An jenem spätherbstlichen Sonntag fliegt das Luftschiff von der Friedrichshafener Werft aus unter der Führung Hugo Eckeners, dem Nachfolger des Grafen Zeppelin, gen Böblingen. An Bord befinden sich insgesamt 27 Passagiere und zehn Ehrengäste, darunter auch der berühmte Wilhelm Maybach, dessen Firma die Motoren für die Zeppeline herstellt. Die Route führt über die Rheinebene hoch nach Baden-Baden, wo sie eine Kurve in Richtung Stuttgart und schließlich Böblingen macht - knapp vier Stunden braucht die "Graf Zeppelin" für diese Strecke. Als Passagiere und Ehrengäste festen Boden betreten, werden sie von "den Hochrufen der Anwesenden" in Empfang genommen, der eigens angereiste Staatspräsident Eugen Bolz hielt eine Dankesrede. Der Hype, der um die Landung der "Graf Zeppelin" gemacht wurde, hatte aber durchaus einen tieferen ökonomischen Hintersinn - die Fahrt war gewissermaßen eine Werbeveranstaltung. Gegen ein Eintrittsgeld durften die Gäste in Böblingen das Innere des Luftschiffs besichtigen, im großen Stil wurden Souvenirs wie Postkarten oder eine Gedenkmedaille verkauft, die eigenes für diesen Tag geprägt worden war. Die Einnahmen im Fanartikel-Verkauf sollten helfen, die geplanten Transatlantik-Flüge zu finanzieren. Bau und Betrieb der Zeppeline waren ein teures Vergnügen, immer wieder musste mit öffentlichen Spendenaufrufen und staatlichen Zuschüssen nachgeholfen werden.

Mehr als hundert Mal überquerte die LZ 127 noch den Atlantik. Ihr Nachfolger, die LZ 129 "Hindenburg", ging am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst (USA) innerhalb von Sekunden in Flammen auf - das legendäre Unglück besiegelte das Schicksal der Zeppeline, der Passagierverkehr wurde sofort gestoppt. 1940 wurden die beiden weltweit letzten Luftschiffe auf Befehl Görings abgewrackt - das Material wurde für die auf Hochtouren laufende Rüstungsindustrie benötigt. Doch zurück nach Böblingen: Nach einer Dreiviertelstunde Aufenthalt gehen die Passagiere wieder an Bord und der Riese begibt sich auf den Rückflug an den Bodensee, verabschiedet von 100 000 winkenden Händen. Noch ein weiteres Mal haben die Böblinger Gelegenheit, das Luftfahrt-Phänomen zu bestaunen. Am 27. Juni 1931 nämlich kommt die "Graf Zeppelin" erneut zur Stippvisite in die Stadt. Auch da kann die begeisterte Menge noch nicht ahnen, dass die in die Geschichtsbücher eingegangene Ära der Riesenluftschiffe nur wenige Jahre später vorbei sein würde.